Locke (John), einer der einflußreichsten engl. Philosophen, geb. 29.Aug.1632zu Wrington in der Grafschaft Somerset, studierte seit 1651 zu Oxford, wo er, von der scholastischen Philosophie Anbesriedral, sich meistens mit humanistischen Studien beschäftigte. Nachdem er mehrere Reisen gemacht hatte, trat er in Verbindung mit dem Grafen Shaftesbury, der in der Folge Großkanzler von England wurde, un erhielt durch ihn einen Posten, den er aber verlor, als jener 1673 in Ungnade fiel. Seiner Gesundheit wegen begab er sich 1677 nach Montpellier und von da nach Paris. Hier vollendete er sein Hauptwerk, den «Essay concerning human understanding o (Lond. 1690; franz. von Coste, 5. Aufl. 1750; deutsch von Tennemann, 3 Bde., Lypz. 1795—97 und von Kirchmann, Lpz. 1872). Im J. 1679 kehrte er wieder in sein Vaterland zurück; als aber sein Gönner Shaftesbury von neuem in Ungnade fiel, begleitete er denselben 1683 nach Holland. Beschuldigt, in Holland Pasquille gegen die engl. Regierung in den Druck gegeben zu haben, verlor L. seine Stelle im Christ-Church-College zu Oxford. Darauf wurde er in das gegen die Regierung gerichtete Unternehmen des Herzogs von Monmouth verwickelt, obgleich er nicht in der geringsten Verbindung mit demselben stand. König Jakob II. verlangte sogar von den Generalstaaten, daß sie ihn ausliefern sollten, sodaß L. nun genötigt war, sich zeitweilig zu verbergen. Nach der Entthronung Jakobs II. kehrte L. 1689 in sein Vaterland zurück und erhielt eine untergeordnete, aber einträgliche Stelle im Ministerium der Kolonien. Im J. 1700 legte er indes seine Stelle nieder und lebte auf der Besitzung eines Freundes bei London. Er starb 28. Okt. 1704 und wurde zu Oates in der Grafschaft Esser begraben. Ein Nachkomme seiner Schwester, Lord King, gab aus Familienpapieren L.s Leben heraus (Lond. 1829). Eine vollständige Gesamtausgabe seiner vielfach wieder aufgelegten Schriften ist die in 10 Bänden (Lond. 1801 u. neuere Ausgaben erschienen in 9 Bänden (Lond. 1853) und in 2 Bänden (Lond. 1854). Vgl. Bourne, „Lite of John L.v (2 Bde., Lond. 1876). L.s philos. Lehre entsprang aus dem kritischen Bestreben, die Erkenntnisfähigkeit des Menschen durch eine Untersuchung über den Ursprung der Vorstellungen zu prüfen: er findet denselben unter Leugnung aller angeborenen Begriffe nur in der Erfahrung und zwar der äußern (Sensation) sowohl als auch der innern (reflexion). In Bezug auf die erstere sührte er die Ansicht von Descartes und Hobbes, daß die sinnlichen Qualitäten, wie Farbe, Ton, Geschmack u. s. w. nicht als Eigenschaften der Dinge an sich, sondern nur als deren subjektive Wirkungen zu betrachten seien, konsequent aus und lehrte, daß nur Größe, Gestalt, Zahl, Lage und Bewegungszustand als objektive Eigenschaften der Dinge angesehen werden dürften: diese nannte er primäre, jene sekundäre Qualitäten. Da nun das menschliche Denken sich aus der Kombination dieser einfachen Elemente zusammensetzt, so gibt es ein streng demonstratives Wissen immer nur von den Verhältnissen unserer Vorstellungen, nicht aber von den Dingen: denn unter Substanzen verstehen wir nur den unbekannten Träger einer Reihe von bekannten Eigenschaften. Alle Wahrheit besteht für uns nicht in der übereinstimmung der Vorstellungen mit Dingen, sondern in derjenigen der durch die Erfahrung gewonnenen Vorstellungen untereinander. Mit diesen Lehren wurde L. der eigentliche Begründer des engl. Empirismus (s. Englische Philosophie) und zugleich der Urheber einer sorgfältigen Forschung in der empirischen Psychologie. In England ist alle spätere Philosophie durch L.s Lehre bedingt; in Frankreich wurde sie durch Voltaire eingebürgert und durch Condillac zum Sensualismus umgebildet; in Deutschland rief sie als Gegensatz die bedeutendste Schrift von Leibniz Auftie und übte auf das ganze Zeitalter der deutschen Aufklärung großen Einfluß aus. Nicht minder anregend wirkte L. auf den übrigen Gebieten des Denkens. In der Religionsphilosophie arbeitete er dem Deismus vor, indem er in seiner Schrift The reasonableness of christianitys (Lond. 1695) nachzuweisen suchte, daß die Lehren der positiven Religion, obwohl nicht durch die Vernunft gefunden, doch derselben nicht widersprächen. In polit. Hinsicht ist L. neben Algernon Sidney der erste grundsätzliche Vertreter des modernen Konstitutionalismus: er verteidigte in seinen 1689 erschienenen Abhandlungen On civil governmenty die soeben zu Gunsten Wilhelms von Oranien vollzogene Revolution und die repräsentative Verfassung, und aus diesem Werke mcer Montesquieu und die Spätern die Grundätze des modernen Liberalismus geschöpft; demselben huldigte L., obwohl nicht ohne Ungerechtigkeit gegen Katholiken und Atheisten, in seinen 1685—89 erschienenen drei Briefen über die Toleranz. Seine 1693 gedruckten Thoughts on educationp entwickeln an den besondern Verhältnissen der engl. Familienerziehung alle jene großen pädagogischen Grundsätze, welche später durch Rousseaus (Emilern bekannt geworden sind. Vgl. Tagart, L.'s writings and philosophyv (Lond. 1855); Webb, The intellectualism of John L.v (Lond. 1858); Schärer, «John L. Seine Verstandestheorie und seine Lehren über Religion, Staat und Erziehungo (Lpz. 1860); Cousin, La philosophie de L.v (Par. 1861); Fritsche, John L.s Ansichten über Erziehung v (Naumb. 1866).