Feuerbach (Ludw. Andreas), deutscher Philosoph, vierter Sohn des berühmten Kriminalisten Anselm von F., geb. 28. Juli 1804 zu Landshut, kam, auf den Schulen seiner Vaterstadt vorgebildet, 1822 nach Heidelberg, um sich unter Paulus und Daub der Theologie zu widmen. Durch Daub für Hegel eingenommen, ging er 1824, um diesen selbst zu hören, nach Berlin, wo er 1825 der Theologie entagte und sich ganz der Philosophie zuwandte. Er habilitierte sich 1828 in Erlangen mit der Schrift De ratione una, universali, infinita v (Erlangen 1828) als Privatdocent, zog sich jedoch nach einigen Jahren von dem Katheder zurück, weil die Autorschaft der anonymen Schrift: 4Gedanken über Tod und Unsterblichkeito (Nürnb. 1830), in welcher er zwar nicht ohne Abhängigkeit von der Hegelschen Lehre, aber doch schon als selbständiger Denker mit der Bekämpfung des Unsterblichkeitsglaubens auftrat, ihm jeden Fortschritt in der akademischen Laufbahn verschloß. Seitdem wesentlich der schriftstellerischen Thätigkeit gewidmet, suchte er zunächst das dialektische Prinzip der Entwickelung in der Auffassung der Geschichte der Philosophie zu bethätigen und erwies sich in den darauf bezüglichen Schriften: 4Geschichte der neuern Philosophie von Bacon von Verulam bis Spinoza (Ansb. 1833), Darstellung, Entwickelung und Kritik der Leibnizschen Philosophiev (Ansb. 1837), 4Pierre Bayle, nach seinen für die Geschichte der Philosophie und Menschheit interessantesten Momenten » (Ansb. 1838), als einer der berufensten Reformatoren der philosophiegeschichtlichen Forschung. Die letzte dieser Schriften zeigte bereits sein eigenes Denken im vollen Gegensatze zu jeder theol. Tendenz der Philosophie entwickelt, und in dieser Richtung gewann F. in dem Werke «über Philosophie und Christentum, in Beziehung auf den der Hegelschen Philosophie gemachten Vorwurf der Unchristlichkeit v (Mannh. 1839), seine volle Selbständigkeit zunächst der Hegelschen Schule, in der er seine Zugehörigkeit zur (Linken v durch eine Reihe geistvoller Rezensionen in den Berliner Jahrbücherno bethätigt hatte, sodann aber auch dem Meister selbst gegenüber, von welchem t das Bedürfnis voller und voraussetzungsloser Naturerkenntnis trennte. Das Hauptinteresse seines eigenen Standpunktes lag jedoch auf dem Problem der Religion, und F. nimmt in der Geschichte der Religionsphilosophie den hervorragenden Platz ein, der geniale und konsequente Vertreter einer rein anthropol. Theorie zu sein, welche, von dem Gedanken ausgehend, daß der Mensch in seiner Gottesvorstellung nichts anderes als seinen eigenen idealisierten Gattungsbegriff anschaut und im Glauben für wirklich hält, eine psychol. Erklärung des religiösen Lebens im Gegensatze zu jedem Versuche einer metaphysischen Religionsphilosophie gibt. Diese Gedanken bildeten den Inhalt seiner Hauptwerke: «Das Wesen des Christentumso (Lpz. 1841) und Das Wesen der Religiono (Lpz. 1845); sie wurden von ihm im Winter 1848/49, als eine Zahl von Bürgern und Studenten Heidelbergs ihn aus seiner Zurüdgezogenheit in Bruckberg bei Ansbach auf ein freies Katheder gerufen Sorte dort vorgetragen und unter dem Titel „Vorlesungen über das Wesen der Religion (Lpz. 1851) auch in die Werke aufgenommen; sie fanden endlich kulturhistor. Bestätigungen mannigfacher Art in seiner «Theogonie nach den Quellen des klassischen, hebr. und christl. Altertums » (Lpz. 1857). Inzwischen entfremdete er sich der metaphysischen Spekulation immer mehr und führte immer schärfer und einseitiger die extrem sensualistischen Grundsätze durch, welche er bereits in seinen „Grundsätzen der Philosophie der Zukunft» (Zür. 1843) proklamiert hatte, und welche, in dem Begriffe des Geistes eine verderbliche Illusion sehend, nur im sinnlichen Individuum die volle Wahrheit erkennen wollten. Als er später durch Vermögensverluste aus Bruckberg vertrieben und . einem unbehaglichen, beschränkten Leben auf e em Rechenberg bei Nürnberg gezwungen war, erlahmte trotz vieler körperlichen Beschwerden seine geistige Thatkraft nicht, wendete sich vielmehr mit l besonderer Energie ethischen und soziglen Problemen zu, wie seine Schrift 4Gottheit, Freiheit und fl Unsterblichkeit vom Standpunkte der Anthropologies (Lpz. 1866) und sein nachgelassenes Bruchᷓ⸗ stück der Moralphilosophier beweisen, neigte jedoch auch hier auf dem praktischen sowohl wie auf dem [1 theoretischen Gebiete zum religiösen und polit. Radikalismus. Am 13. Sept. 1872 starb er nach einem infolge wiederholter Schlaganfälle eingetretenen mehrjährigen Siechtum. Seinen Sämtlichen Werkend (10 Bde., Lpz. 1845—66; 3. Aufl. 1876) schließt sich Karl Grüns 4Ludwig F., in seinem Briefwechsel und Nachlasse sowie in seiner philos. Charakterentwickelung dargestellto (2 Bde., Lpz. 1874) an, welcher Schrift auch eine Biographie F.s vorangeschickt ist. Vgl. Beyer, «Leben und Geist Ludwig F.so (Lpz. 1873).