FeedLogik (grch.) oder Denklehre
Recht & StaatBrockhaus 1882

Logik (grch.) oder Denklehre, genauer die Wissenschaft von den Gesetzen des richtigen Denkens oder des Erkennens, ist eine formale Wissenschaft insofern, als sie nicht den Erkenntniswert des einzelnen Vorstellungsinhalts, sondern die Allgemeingültigkeit und Notwendigkeit des Denkfortschritts von beliebigen Vorstellungen aus prüft. Zwar vollzieht sich der Prozeß des Denkens auch ohne Besinnung auf die logischen Gesetze nach psychol. Mechanismus und führt dabei jedenfalls zu subiektiver Gewißheit und häufig auch zu richtigen Resultaten; aber der Allgemeingültigkeit der Resultate und der objektiven Gewißheit derselben können wir uns nur durch das Bewußtsein, den logischen Gesetzen genügt zu haben, versichern. Jede wissenschaftliche Forschung und nicht minder das tägliche Leben bedarf deshalb, um Festigkeit und konsequente übereinstimmung der n zu gewinnen, einer Feststellung dieser Gesetze, welche als Normen einer Denkthätigkeit zu gelten haben, und in diesem Sinne als das allgemeine Werkzeug, das 4Organon» des Denkens, bildet die L. eine Vorbereitungswissenschaft für jede besondere Forschung. Als Richtschnur oder Kanonv des rechten Denkens ist sie zugleich das allgemeine Kriterium ür die Prüfung aller Behauptungen, und in dieser eziehung spielen ihre Sätze im gewöhnlichen Leben, wie in der Wissenschaft eine entscheidende Rolle bei allem Streite entgegengesetzter Meinungen. Wird die L. nach dieser Seite hin als eine eistige Angriffs⸗ und Verteidigungskunst ausgeildet, so heißt sie Dialektik (s. d.). Die Ausbildung der L. zu einer besondern Wisber von ist den Griechen verdanken. Gegenüber er von den Sophisten (s. d.) ausgesprochenen Leugnung jeder Allgemeingültigkeit des Denkens suchten Plato und nach ihm vor allem Aristoteles, der Vater der L.v, diese Gesetze zu bestimmen. Aber so vollendet der letztere die ihm vorschwebende Aufgabe löste, so behielt doch eben mr dieses Ursprungs seine L. einen einseitigen Charakter: sie entwickelte mit vollkommener Sicherheit, besonders in der «ersten Analytikv (s. Aristoteles), die Gesetze und Methoden des Beweisens und des Widerlegens, indem sie den Bildungsvorgang der Begriffe, der Urteile und der Schlüsse mit bewunderungswürdiger Klarheit bestimmte. Allein indem sie weniger Interesse daran hatte zu zeigen, wie man etwas finden und erforschen, als daran, wie man eine Behauptung erweisen oder zurückweisen könne, entwickelte sie wesentlich nur die deduktive Seite des Denkens, und später namentlich in den Diskussionen der griech. Philosophenschulen, noch mehr aber in den endlosen theol. Streitigkeiten der mittelalterlichen Scholastik nahm sie mehr und mehr den Charakter einer sterilen Disputierkunst an. Mit dem Beginn der neuern Zeit machte sich deshalb in den verschiedensten Formen das Bedürfnis geltend, die L. mit der realen Arbeit des wissenschaftlichen Denkens in Verbindung zu bringen und neben jene «Kunst des Beweisenso vor allem diejenige des Findens, die Ars inveniendi zu setzen. Die Reformbewegung, welche sich damit der L. bemächtigte, ist noch heute in lebendigem Flusse, und hat bisher noch keineswegs zu einem Resultat geführt, welches in Bezug auf Allgemeinheit der Anerkennung und wissenschaftliche Sicherheit dem von Aristoteles geschaffenen Teile der L. ebenbürtig an die Seite gestellt zu werden vermöchte. Hauptsächlich sind es drei Richtungen, in welchen die Reform der L. in der neuern eit gesucht wird. Einerseits soll dieselbe in eine Methodenlehre der wissenschaftlichen Forschung verwandelt werden, und hier handelt es sich bei dem hervorragend naturwissenschaftlichen Charakter des neuern Denkens wesentlich um die Begründung der induktiven Methode. Nachdem hier Bacon mit einseitigem Empirismus vorgegangen, sind namentlich die Einflüsse der Mathematik wichtig geworden, besonders die Theorie der Wahrscheinlichkeit. Außerdem haben an der Begründung der empirischen Methode hauptsächlich die Engländer, an der methodischen Abgrenzung der einzelnen Wissenschaften gegen einander aber Leibniz, Wolff, Lambert u. a. ge arbeitet. In neuerer Zeit ist die induktive L. vor Apelt und Whewell behandelt worden; eine Zu sammenfassung der deduktiven und der induktiver Prinzipien hat J. St. Mill (System der deduktiven und induktiven L.v, deutsch von Schiel, 3. Aufl., 2Bde., Braunschw. 1868) versucht. In Deutschland hat Sigwart (Logiko, 2 Bde., Tüb. 1873 u. 1877 die Lunter dem Gesichtspunkte der Methodenlehre in hervorragender Weise behandelt. Mit dieser methodologischen Richtung hängt mehrfach die Tendenz, den psychol. Untergrund der logischen Gesetze aufzudecken, zusammen. Doch ist hierbei daran festzuhalten, daß die Einsicht in denselben zwar die Forschung erleichtern und einleiten, niemals aber die Gültigkeit der logischen Gesetze begründen kann, da mit psychol. Notwendigkeit auch der Wahnsinn denkt. Den gründlichsten Versuch, die L. auf die Psychologie zu gründen, hat Beneke (Logikv, 1842) Han Einen Ertrag verspricht diese Richtung auptsächlich durch die Verwendung der aus der eibniz-Herbartschen Psychologie entwickelten Theorie der Apperception (s. d.), da die logischen Prozesse, als psychische Vorgänge aufgefaßt, sämtlich in mehr oder minder verwickelten Apperceptionen bestehen. V. einer ganz andern Weise wurde endlich für die L. ein Anschluß an die Metaphysik anebahnt, welcher zu der erkenntnistheoretischen L. schre Nachdem Kant (s. d.) in seiner Transscenentalen L.r nachgewiesen hatte, daß der Mensch in den Gesetzen seines eigenen Denkens das Urbild der Gesetze der Erfahrungswelt in sich trägt, mußte man anfangen, den Formen des Denkens auch eine inhaltvolle Bedeutung zuzugestehen und aus ihnen eine apriorische Erkenntnis der Erfahrungswelt Kantsche Restriktion, daß diese Gesetze nur für Erscheinungen gelten, fallen ließ, verwandelte nach Fichtes Vorgange in der Wissenschaftslehrey (Jena 1794) Hegel die L. ganz in Metaphysik, indem er lehrte, daß die Grundformen des logischen Denkens, die Kategorien, zugleich auch die Grundformen und die Gesetze der absoluten Wirklichkeit seien. Seine Logikv, 1812—16 erschienen und von seinen Schülern Werder (Berl. 1841), Erdmann (Halle 1841; 4. Aufl. 1864), Rosenkranz (2 Bde., Königsb. 1858—59), Kuno Fischer (Stuttg. 185²2) mehr oder minder erheblich modifiziert, hat eine große Bewegung hervorgerufen, welche nach mehrfachen Angriffen dahin geführt hat, daß der metaphysische Charakter der L. mehr und mehr verworfen, an seine Stelle aber wieder im Anschluß an Kant der erkenntnistheoretische gesetzt wurde. In dieser Hinsicht ist namentlich Überwegs auch historisch sehr zu empfehlendes Buch: »System der L. und berurrder logischen Lehren (4. Aufl., Bonn 1874) hervorzuheben. Unter den neuesten Bearbeitungen zeichnet sich durch einsichtige pädagogische Auswahl die von Drobisch (4. Aufl., Lpz. 1875), durch glückliche Trennung der verschiedenen Gesichtspunkte des logischen Problems die von Lotze (Lpz. 1842; 2. Aufl. 1874) aus. Ein Zeichen der fortdauernden Gärung auf diesem Gebiete ist es auch, daß man die Gewißheit der logischen Gesetze auf mathem. Axiome zu gründen gesucht hat; so hat es Boole (Mathematical analysis of logico, Lond. 1847) mit arithmetischen, Lange (Logische Studienv, Iserlohn 1877) mit geometr. Laubaben versucht. Aus jüngster Zeit ist hervorzuheben: Wundt, 4L. Eine Untersuchung der Prinzipien der Erkennteis und der Methoden wissenschaftlicher Forschung (2 Bde., Lpz. 1879—83). Vgl. Prantl, «Geschichte der L. im Abendlander (4 Bde., Lpz. 1855 — 70).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 147Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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