Longobarden (Langobarden), eine deutsche Völkerschaft, welche um die Zeit von Christi Geburt an der Niederelbe und höchst wahrscheinlich an deren linkem Ufer, im heutigen Lüneburgischen, wohnte, wo noch später der Bardangau, die Stadt Bardanwik (Bardowiek) und andere verwandte Ortsbenennungen an sie erinnern. Der eigentliche Volksname war Winniler. Den Namen L. erhielten sie von ihren langen Bärten; nach einer andern Ableitung stammt derselbe von dem althochdeutschen parta, barte, Streitaxt. In ihren alten Sitzen wurden sie heimgesucht und geschädigt durch Tiberius auf dessen Zuge im J. 5 n. Chr. Darauf, im J. 17, wandten sie sich von Marbod zu Armin und den Cheruskern und setzten bald darauf den vertriebenen Italicus wieder als König bei den Cheruskern ein. Danach schweigt die Geschichte auf lange Zeit von ihnen. Etwa im Laufe des 4. Jahrh. mag ihre Auswanderung begonnen haben, welche sie nach langen Fahrten und vielfachen Kämpfen mit den deutschen Oststämmen und den benachbarten slaw. und hunnischen Völkerschaften ins Donauland führte, wo sie mit dem Oströmischen Reiche in nähere Berührung traten, das Christentum nach dem arianischen Bekenntnis annahmen und, lange bedrängt von mächtigen Nachbarstämmen, sich endlich durch Zertrümmerung des Reichs der Heruler um 512, dem sie zuvor zinspflichtig gewesen waren, und des Reichs der Gepiden,‚ 566 oder 567, zu Herren Pannoniens und zum mächtigsten Volke jener Gegend erhoben. Ihr König Alboin, ein unternehmender, lange und weithin in Liedern gefeierter Heerführer, drang 569 in Italien ein, und seine Scharen überfluteten rasch den nördlichen, seitdem die Lombardei (s. d.) genannten Teil, bis in die Nähe von Rom, während er selbst mit großer Umsicht langsamer vorzudringen und vor allem die Nordgrenze mit den Alpenpässen zu sichern gedachte. So blieb die Eroberung von vornherein lückenhaft, und die Küstenstriche wie die feben Städte Padua, Cremona, Mantua, Ravenna, Rom, Genua, Venetia u. s. w. widerstanden noch, teils mehrere, teils viele Jahre, teils gänzlich. Das Hemmnis aber entsprang neben der Widerspenstigkeit der Großen aus dem durchgreifenden Mangel innerer Einheit. Denn die Eroberung war den L. überhaupt nur möglich geworden durch den Anschluß bedeutender Scharen aus verschiedenen Völkern: Bulgaren, Sarmaten, Pannoniern, Norikern, Alamannen, Sueven, Gepiden und Sachsen; alle diese nötigte Alboin, nach longobard. Recht zu leben, weshalb die 20000 Sachsen wieder heimzogen; ein alamann. Herzog ging sogar in die Reihen des Feindes über. Dasselbe Schicksal wie Alboin, der durch seine gepidische Gemahlin Rosamunda und deren Anhang 573 ermordet wurde, hatte nach 18monatlicher Regierung (575) sein aus einem der angesehensten Geschlechter durch Wahl auf den Thron erhobener Nachfolger Kleph, und noch höher stieg die Verwirrung, als nun die 35 Herzöge den Thron erledigt ließen. Zehn Jahre lang (575 — 585) schwärmten die L. plündernd bis Unteritalien und hinüber nach Gallien, obgleich selbst Oberitaliens Unterwerfung noch nicht vollendet war, bis empfindliche Niederlagen und drohende Gefahren von fränk. und byzant. Seite her sie zwangen, wiederum einen König zu wählen und denselben mit der Hälfte ihrer Güter auszustatten. Der neue König, Klephs Sohn, Authari (585 —590), verteidigte das Reich siegreich gegen die äußern Feinde, stellte die Ordnung her und gewann in der Tochter des Bayernherzogs Garibald, der kath. Theodelinde, eine Frau, deren Einfluß von tief und heilsam wirkenden Folgen für das Reich ward. Für das durch alle Provinzen zerstreute Königsgut setzte Authari Gastalden (d. h. Angestellte) ein. Die Gastalden als mit den Herzögen konkurrierende Obrigkeiten erhielten sich nicht lange, aber ihre später räumlich abgesonderten Gebiete schwächten doch die Macht der Herzöge. Den Mittelpunkt für den Widerstand der noch römisch gebliebenen Landesteile bildeten das byzant. Ravenna und das röm. Papsttum, welches eben dadurch unter Gregor d. Gr. die Grundlage seiner Machtstellung erhielt. Dieser staatskluge Papst gewann eine eifrige Bundesgenossin an Theodelinde, die bereits ihren zweiten Gemahl Agilulf (gest. 615) vermochte, der kath. Geistlichkeit einen Teil ihres Vermögens und Ansehens zurückzugeben und seinen eigenen Sohn Adelbald katholisch taufen zu lassen. Sie erbaute auch die prachtvolle Basilika Johannes' des Täufers zu Monza bei Mailand, in welcher später die longobard. Königskrone, von einem darin befindlichen Nagel des Kreuzes Christi die Eiserne Krone genannt, aufbewahrt wurde. Obwohl Adelbald 625 von seinem arianischen Schwager Ariowald gestürzt wurde und diesem 636 wieder ein Arianer Rothari folgte (bis 652), machte die Katholisierung der L. rasche Fortschritte, zumal selbst ein Teil der longobard. Hilfsvölker, die Noriker und Pannonier, sich von Anfang zum Katholizismus bekannte und die höher gebildete röm. Bevölkerung auf die L. einwirkte, von denen sie rechtlich nicht geschieden war. Mit Aribert (gest. 663), einem Brudersohne Theodelindens, beginnt die Reihe der kath. Herrscher. Theodelindens Familie erhielt sich zwar durch Zustimmung des Volks auf dem Throne bis 702, indem nur Grimoald, Herzog von Benevent (662—671), als Usurpator die Reihe unterbrach; allein Parteiungen, Widerspenstigkeit und Auflehnungen der Herzöge ließen das Reich weder im Innern zu fester Einheit erstarken, noch auch nach außen hin seine Grenzen erheblich erweitern. Nur Agilulf eroberte einige bisher noch unbezwungene Städte innerhalb des Reichsgebietes, darunter Padua, Cremona und Mantua, und Rothari unterwarf den Küstenstrich von Tuscien bis an die fränk. Grenze. Desto wichtiger dagegen ward durch seine weitreichenden Folgen ein anderes Werk Rotharis, die Aufzeichnung des Longobardischen Rechts (s. d.), welche in lat. Sprache erfolgte. Der Romanisierung konnten aber die L. sich um so weniger entziehen, da weite Landstriche ganz römisch geblieben waren, die röm. Geistlichkeit immer größern Einsluß gewann und litterarische Bildung nur in lat. Sprache ihnen zukam. Auch ihre Lieder, von denen Paulus Diaconus berichtet, sind nur in lat. Fassung überliefert. Die Kenntnis ihrer Sprache kann daher auch nur aus vereinzelten deutschen Worten und Namen geschöpft werden, die in Gesetzen, Urkunden und Chroniken erscheinen, aus denen sich ergibt, daß die longobard. Sprache zu der got.⸗niederdeutschen Gruppe gehörte. Vgl. C. Meyer, „Sprache und Sprachdenkmäler der L. »(Paderb. 1876), Lupi in Arch. della soc. Romanav (Bd. 3). Nach einer 10jährigen Zerrüttung, die auf das Erlöschen der Familie Theodelindens gefolgt war, erhielten die L. wieder einen kräftigen König in Liutprand (713 — 744), der das Reich auf den Gipfel seiner Macht erhob, mit starker Hand die Empörungen im Innern niederdrückte und auf die Eroberung des gesamten Italien hinarbeitete, welcher der Papst den lebhaftesten Widerstand entgegensetzte. Gregor II. (715—731) verband sich mit den Herzögen von Spoleto und Benevent gegen Liutprand, um diesen in seinen Eroberungen aufzuhalten. Liutprand überwältigte die Herzöge, gewährte aber dem Papst sofort Frieden. Gregor III. (731—741) wiederholte 740 dasselbe Verfahren und wandte sich dann vor dem Zorne des heranziehenden Königs an den fränk. Hausmeier Karl Martel, indem er diesem die Schutzherrschaft über Rom antrug. Karl beschränkte sich jedoch auf friedliche Fürsprache, und Papst Zacharias (741—752) erlangte durch Unterhandlungen wiederum einen sogar vorteilhaften Frieden. Liutprands Nachfolger, einen Herzog von Friaul, Ratchis (744 — 749), wußte er sogar zu bewegen, daß dieser nicht nur den wiederbegonnenen Eroberungskrieg, sondern selbst die Krone aufgab und als Mönch nach Monte-Casino ging. Als aber dann des Ratchis Bruder und Nachfolger Aistulf (749 —756) den Krieg wieder aufnahm, Ravenna eroberte und auch die Oberherrschaft über Rom und Tribut von den Römern verlangte, ging Papst Stephan II. (III.), 752— 757, von den Griechen ohne alle Hilfe gelassen, zu Pipin, dem er die fränk. Krone zugesprochen hatte, salbte ihn nochmals nebst seinen Söhnen Karl und Karlmann und ernannte sie zu Patriciern der Römer, d. h. nach der damaligen Bedeutung des Wortes: er übertrug ihnen die Statthalterschaft im Herzogtum von Rom, welche seit einiger Zeit nur vom Papst abhängig war und durch ihn besetzt wurde. Pipin folgte der Bitte des Papstes und zwang den König Aistulf durch einen Heereszug (754), von weitern Eroberungen abzustehen, und durch einen zweiten (756) auch zur Herausgabe der bereits gewonnenen Städte, die er sodann mit unbestimmtem Ausdrucke dem Papst als Schenkung an die röm. Kirche und das Römische Reich (respublica) überließ: die sog. Pipinsche Schenkung, aus welcher allmählich der Kirchenstaat erwachsen ist. „Gegen Aistulfs Nachfolger, den Herzog von Tuscien, Desiderius (756—774), verband sich dann Papst Paulus J. (757—767) wiederum mit den Herzögen von Spoleto und Benevent und erlangte nach Besiegung dieser den Frieden aufs neue durch fränk. Vermittelung. Papst Stephan III. (IV.), 768—772, ward durch Desiderius von seinen innern Feinden befreit und auf dem Stuhle Petri befestigt, vergalt jedoch dem König diesen Dienst dadurch, daß er Feindschaft zu schüren suchte zwischen ihm und dem fränk. Königshause. Als nun wirklich unerwartet ein bitterer Haß zwischen beiden Königsfamilien ausbrach, weil Karl d. Gr. die Witwe und die von der Regierung ausgeschlossenen Kinder von Karls verstorbenem Bruder Karlmann aufnahm, weigerte sich Papst Hadrian I. (772 — 795) zunächst, die Kinder Karlmanns auf Begehren des Desiderius zu krönen, und rief dann gegen den mit Heeresmacht heranziehenden Desiderius den König Karl selbst zu Hilfe, der auch im Herbst 773 in Italien erschien und im Mai 774 dem longobard. Reiche nach 205jährigem Bestande durch die Eroberung Pavias ein Ende machte. Desiderius beschloß seine Tage in einem fränk. Kloster. Ein Aufstandsversuch einiger Herzöge veranlaßte 776 einen neuen Heereszug Karls, infolge dessen nun auch die longobard. Reichsverfassung aufgehoben, die Herzogtümer eingezogen und in Grafschaften zerschlagen und das fränk. Verwaltungssystem eingeführt wurde. In Unteritalien aber bestand noch lange das Herzogtum Benevent (s. d.), bis es endlich den Normannen unterlag, die Hauptstadt aber päpstlich wurde. Vgl. K. Hegel, . der Städteverfassung von Italien» (Bd. 1, Lpz. 1847); Flegler, Das Königreich der L. in Italien» (Lpz. 1851); S. Abel, «Der Untergang des Longobardenreichs in Italien (Gött. 1858); H. Pabst, «Geschichte des Longobardenherzogtums» (in den Forschungen zur deutschen Geschichtes, Bd. 2, Gött. 1862); Bluhme, „Die Gens Langobardorum Hirsch Herkunfto (2 Hefte, Bonn 1868—74); F. Hirsch Das Herzogtum Benevent bis zum Untergang des