FeedMährische Rücken zu erwähnen
ErdkundeBrockhaus 1882

Mährische Rücken zu erwähnen, welcher ganz tähnlichen Terrassenbau wie das böhm. Bergland hat, ohne bestimmte Kettenbildung, und sich gegen O. und SO. zu den Mährischen Abfällen und zur Marchebene senkt. Auch die eigentlichen Sudeten 1oder das schles-mähr. Gebirge mit dem 1487 m hohen Altvater oder Mährischen Schneeberge fällt Uin dem Mährischen Gesenke, einer niedern Berglandschaft von 500650 m Höhe, steil gegen W. und SW. zum Marchthale, gegen S. zum , gegen SO. zu dem nordostwärts gerichteten Oderthale ab, d. i. zu einer nur 250 m aichen Ebene, die als Einsenkung oder Gebirgslückezwischen dem deutschen und karpatischen Hochlande erscheint. JNeben zahlreichen andern Flüssen ist die March, von der das Land den Namen hat, der Hauptfluß, jedoch auch nur eine Strecke schiffbar. Die in M. entspringende Oder berührt das Land nur wenig. Größere Seen gibt es nicht, wohl aber viele Teiche. Das höhere Gebirge ist wenig fruchtbar; dagegen gibt es im Innern des Landes viele schöne Ebenen und Flächen, und in der sog. Hanna und den südl. Gegenden ist der Boden ungemein ergiebig. Das Klima ist verhältnismäßig mild. Die Bevölkerung belief sich 31. Dez. 1880 auf 2153407 Seelen, darunter 628907 Deutsche (etwa 30 Proz.) und 1507328 Czechoslawen (70 Proz.), welche letztern in verschiedenen Landesteilen besondere Namen haben, so im westl. Gebirge die Benennung „Horakenv, in der Hanna Hannakeno, im östlichen, dem Karpatengebirge, «Walachen ». Verhältnismäßig bedeutend ist die Zahl der Juden (44 175, mithin über 2 Proz.). M. ist eins der am dichtesten bevölkerten Länder Österreichs; es hat 86 Städte, 190 Märkte und 3041 Dörfer. Die meisten Bewohner (über 95 Proz.) bekennen sich zur röm.⸗kath. Kirche, und es bestehen im Lande ein Erzbischof zu Olmütz und ein Bischof zu Brünn, 84 Dekanate, 818 Pfarreien und 164 Lokalkaplaneien mit 1518 in der Seelsorge thätigen Priestern (1880). Die Evangelischen, die Ende 1880: 57665 Seelen zählten (Augsburgischer Konfession 22506, HelvetischerKonfession 35 159), haben 2 Superintendenten und 32 Geistliche. (S. Karte: Böhmen, Mähren und Osterreichisch-Schlesien, Bd. III, S. 247.) Der fruchtbare Boden Mis ist auf das vortrefflichste bewirtschaftet, und das Land nimmt in der Pflege der Landwirtschaft eine hervorragende Stelle in Europa ein. Von dem Areal des Landes sind 96,94 Proz. produktive Bodenfläche. Davon entfallen auf Äcker 56,53, auf Wiesen 7,21, auf Gärten 1,26, auf Weingärten 0,56, auf Hutweiden 5,3, auf Wald 28,31 und auf Teiche 0,21 Proz. Der Ackerbau liefert Getreide (besonders schönen Weizen in der Hanna, an der March und um Brünn), Kartoffeln und Hülsenfrüchte im überfluß, große Quantitäten von Runkelrüben, vorzügliche Gemüsearten, sehr guten Flachs und Hanf, etwas Hopfen, Raps, Safran, Senf, Fenchel, Anis, Cichorie, Mohn etc. Auch der Garten- und Obstbau findet einen starken Betrieb, der Weinbau in den südl. Gegenden. In der Viehzucht ist die Schafzucht der Glanzpunkt, obschon auch die Rindviehzucht, die durch fette Wiesen und Weiden begünstigt wird, von Bedeutung ist. Auf den Karpaten wird eine Abart der Alpenwirtschaft mit Milch- und Käsebereitung betrieben. Nach der Viehzählung von 1880 besaß M. 122 853 Pferde, 226 Maultiere und Esel, 677807 Rinder, 158 852 Schafe, 116880 Ziegen, 205976 Schweine und 83441 Bienenstöcke. Von Wichtigkeit ist die Federviehzucht, insbesondere die Gänsezucht, ferner die Fischerei und die Jagd. Die Forstkultur steht auf hoher Stufe. Der Bergbau ist auf Eisen, Stein⸗ und Braunkohlen, sowie auch auf Graphit sehr ergiebig; 1881 wurden produziert: 114016 Metercentner Eisenerz, 1013316 Metercentner Braunkohle, 7922 293 Metercentner Steinkohle und 34 260 Metercentner Graphit. An Bau⸗ und Nutzsteinen sind große Lager vorhanden. Besuchte Heilbäder sind die Molkenkuranstalt Roznau im karpatischen Gebirge, der Sauerbrunnen Luhatschowitz und das Schwefelbad Ullersdorf. M. gehört hinsichtlich der Gewerbsindustrie zu den betriebsamsten Ländern. Obenan steht die weltbe-Conversations-Lexikon. 13. Aufl. II. rühmte mähr. Schafwollwarenindustrie, die in vielen Orten betrieben wird, am stärksten aber in Brünn, welche Stadt mit ihren tuchartigen Modestoffen fast den ganzen österr. Markt versorgt und einen beträchtlichen Handel selbst mit dem Orient und Amerika treibt. Von großer Bedeutung ist ferner die Flachsspinnerei und Leinweberei, die ihre Hauptsitze in den Bezirken Römerstadt, Schönberg, Sternberg, Mährisch-Trübau, Zwittau u. f. w. saufgeschlagen hat. Ein sehr wichtiger Industriezweig, der ebenfalls in den nördl. Gegenden vorherrscht, ist auch die Verfertigung verschiedener Baumwollwaren. Sonst sind von großem Belang die Gerberei, die Rübenzuckerfabrikation, die Branntweinbrennerei und Spiritusfabrikation, die Eisenindustrie und Schienenfabrikation, die Verfertigung von Maschinen und Wagen. Alle diese Industriezweige arbeiten für den Export. Endlich hat M. keinen Mangel an andern Gewerbeanstalten, so namentlich an Bierbrauereien, deren es gegen 300 gibt, an Mühlenwerken u. s. w. Infolge des hohen Grades der physischen und technischen Kultur sind auch Handel und Verkehr sehr lebhaft, die, wenngleich nicht durch schiffbare Flüsse, doch durch gute Kunststraßen und Eisenbahnen, welche M. in die engste Verbindung mit Wien, Schlesien und Böhmen setzen, gefördert werden. Für den Volksunterricht ist gut gesorgt; 1882 bestanden 2038 Volks⸗ und 43 Bürgerschulen. Von den öffentlichen Volksschulen sind 600 mit deutscher, 1363 mit czechoslawischer und 51 mit beiden Landessprachen. Von andern Lehranstalten sind zu nennen 2 theologische u Olmütz und Brünn), 1 technische (zu Brünn), 20 Gymnasien und Realgymnasien, 15 Realschulen, 4 Bildungsanstalten für Lehrer, 3 für Lehrerinnen, 2 landwirtschaftliche, eine forstwissenschaftliche Mittelschule, 7 niedere Ackerbau⸗ und 1 Gartenbauschule, dann 17 Gewerbeschulen. Nebstdem bestehen 11 Musikschulen, 3 Handelsschulen, 21 weibliche Arbeitsschulen, 1 Hebammenschule und 16 andere spezielle Lehr- und Erziehungsanstalten. Unter den gemeinnützigen Vereinen ist die k. k. Mährisch-Schlesische Gesellschaft für Ackerbau, Natur-⸗ und Landeskunde mit dem Franzensmuseum zu Brünn die bedeutendste. Vgl. „Zur Kulturgeschichte M.s und Ssterreichisch— Schlesienso (Bd. 15 der «Schriften der Historisch— Statistischen Sektion u. s. w.», Brünn 1866). Die gegenwärtige Landesverfassung M.s beruht auf der Landesordnung vom 26. Febr. 1861. Danach besteht der Landtag der Markgrafschaft, mit welchem der Kaiser in Landessachen die Gesetzgebende Gewalt ausübt, aus dem Erzbischof von Olmütz und dem Bischof von Brünn, aus 30 Abgeordneten des großen Grundbesitzes, aus 31 Abgeordneten der Städte und Industrieorte, aus 6Abgeordneten der beiden Handels- und Gewerbekammern zu Brünn und Olmütz und aus 31 Abgeordneten der Landgemeinden, somit zusammen aus 100 Mitgliedern. Die Mandatsdauer der Abgeordneten beträgt, wie in den andern deutsch-slaw. Ländern Ssterreichs, sechs Jahre. Die Wahl ist direkt, nur bei den Landgemeinden indirekt. In das Abgeordnetenhaus des österr. Reichsrats entsendet der mähr. Landtag 22 Mitglieder. An der Spitze der innern Landesverwaltung steht die Statthalterei, welche in der Landeshauptstadt Brünn ihren Sitz hat. Nir die weitere Verwaltung zerfällt M. in 36 Bezirkshauptmannschaften. Die Rechtspflege wird in sechs Gerichtshöfen erster Instanz, in zweiter Instanz von dem Oberlandesgericht in Brünn ausgeübt; in dritter Instanz geht der Rechtszug an den obersten Gerichtshof in Wien. Die Finanzverwaltung wird von der Finanzlandesdirektion in Brünn und unter dieser für die direkten Steuern von 6 Steuerkommissionen und den 76 diesen unterstellten Steuerämtern, für die indirekten Abgaben von 4 Finanzbezirksdirektionen wahrgenommen. In militärischer Beziehung steht M., mit Schlesien vereinigt, unter dem Generalkommando in Brünn. Das mähr. Landeswappen ist ein von Rot und Silber geschachter, golden gekrönter Adler in Blau. Geschichtliches. M. wurde im Altertum von den Markomannen und Quaden bewohnt. Als diese 407 mit den Vandalen nach Gallien und Spanien zogen, besetzten es die Rugier, die Heruler und um 548 die Longobarden. Zuletzt wurde es von einer Kolonie Slawen, die von der March oder Morawe den Namen Morawer annahmen, aufs neue bevölkert. Bei dem Verfall des Reichs der Avaren konnten sich die Morawer weiter ausbreiten und ein Königreich errichten, das unter dem Namen Großmähren weit größere Ausdehnung als das heutige M. hatte. Karl d. Gr. überwand die Morawer und nötigte ihren König Samoslaw, sich taufen zu lassen; doch werden erst um 856 Cyrill und Methodius die wahren Apostel der Mähren. Ludwig der Fromme legte dem König Megomir Tribut auf, und Ludwig der Deutsche machte den König Radislaw zum Gefangenen. Der deutsche König Arnulf vergrößerte M. auf der einen Seite bis an die Oder und auf der andern gegen Ungarn bis an den Fluß Gran; als sich aber Swatopluk empörte, schlug er diesen mit Hilfe der Böhmen und Ungarn. So wurde das mähr. Reich geschwächt, dann unter Swatabog, Swatopluks Sohne, 908 ganz aufgelöst, stand bis 955 unter ungar., 955 — 1003 unter böhm. und 1003 —29 unter poln. Herrschaft. Seit 1029 blieb M. urkundlich dem Königreich Böhmen zugeordnet und hatte mit demselben gleiche Verfassung, Berwaltung, Gesetze. Erst mit der Konstituierung M.s als Markgrafschaft (6. Dez. 1197) erscheinen ein eigener mähr. Hof und mähr. Hofämter. Die Markgrafschaft sollte fortan nicht unmittelbar dem Römischen Reiche, sondern der Krone Böhmen zu Lehn gehen. Inzwischen wurden, nach der Erbfolgeordnung Bratislaws I. von 1054, noch immer nachgeborene Söhne und jüngere Glieder der regierenden Familie mit einzelnen Landesteilen, wie Böhmens, so auch Mis belehnt, die jedoch nur Nutznießung der Regalien, keine Souveränetät hatten. Solche Herzogtümer und Fürstentümer waren die von Olmütz, Brünn, Znaim, Lundenburg und Jamnitz. Endlich erfolgte im 14. Jahrh. die völlige Vereinigung aller Landesteile unter den Regenten des luremb. Hauses, und M. fiel nach König Ludwigs II. Tode nach der Schlacht bei Mohacz, 1526, ebenso wie Böhmen, kraft früherer Verträge an Ssterreich und teilte nun die weitern Schicksale dieses Landes. Nach dem Verlust des größten Teils von Schlesien wurde der bei Ssterreich verbliebene Rest dieses Herzogtums mit M. zu einer Provinz vereinigt, 1849 aber davon wieder getrennt und als unmittelbares Kronland der Monarchie erklärt. Vgl. Wolny, «Die Markgrafschaft M., topographisch, statistisch und historisch geschildert (6 Bde., Brünn 1835—40), und Kirchliche Topographie von M. » (4 Bde., Brünn 1855); Kotistka, «Die Markgrafschaft M. und das Herzogtum Schlesieno (Wien u. Olmütz 1860); d'Elvert, «Beiträge zur Geschichte der Neugestaltung M.s im 17. Jahrh.y (Bd. 16 der „Schriften der Historisch-Statistischen Sektion der k. k. Mährisch-Schlesischen Gesellschafto, Brünn 1867); Dudik, «M.s allgemeine Geschichter (Bd. 1—10, Brünn 1860—83); Smolle, «Die Markgrafschaft M. (Wien 1881).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 352Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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