Maria Stuart, Königin von Schottland, 1542—68, die Tochter Jakobs V. von Schottland und der Maria von Lothringen, wurde 8. Dez. 1542 zu Linlithgow bei Edinburgh, wenige Tage vor ihres Vaters Tode, geboren. Schon in der Wiege Königin, wurde sie von Heinrich VIII. von England zur künftigen Gemahlin für seinen Sohn verlangt, und die schott. Protestanten unterstützten diese Verbindung. Die Königin-Mutter aber wahrte als Schwester der Guisen das kath. Interesse und brachte die Tochter im Febr. 1548 nach Frankreich, wo man sie in einem Kloster sorgfältig erzog. Durch Schönheit, Anmut und Bildung ausgezeichnet, wurde M. 29. April 1558 mit dem Dauphin, dem spätern Mranh II. (s. d.), vermählt. Nach dem Tode ihres Gemahls kehrte sie im Aug. 1561 nach Schottland zurück, und zwar zur See, da die Königin Elisabeth der Rivalin den Weg durch England versagte, welche als die Enkelin Margaretas von England sich nicht mit der bloßen Aussicht auf den engl. Thron begnügt hatte, sondern den Ansprüchen Elisabeths zu nahe getreten war, indem sie den engl. Königstitel annahm. Bei ihrer Ankunft versprach sie zwar, den kirchlichen Zustand zu achten, ließ aber in ihrer Hauskapelle kath. Gottesdienst halten. Dies sowie ihre leichten franz. Sitten erbitterten die strengen Protestanten und erregten besonders den Eifer des Reformators Knox, der die Königin öffentlich angriff. Nachdem M. die Hand des Grafen Leicester (s. d.) ausgeschlagen, traf sie Anstalten, sich mit ihrem Vetter Henry, Lord Darnley, dem ältesten Sohne des Grafen Lennor, zu Dermahier, Derselbe besaß, als der Enkel Margaretas von England aus einer zweiten EChe, nach M. die nächsten Ansprüche auf den engl. Thron. Die von Elisabeth angestifteten Protestanten, an deren Spitze der natürliche Bruder M.s, Graf Murray (s. d.), stand, suchten die Verbindung mit den Waffen in der Hand zu verhindern. Die Königin unterdrückte die Empörung und feierte ihre Vermählung mit Darnley 29. Juli 1565. Dieser zeigte sich jedoch ausschweifend und herrschsüchtig, behandekt⸗ seine Gemahlin mit Roheit und wurde dafür von derselben mit Kaltsinn und Verachtung gestraft. Die Königin hatte einen ital. Musikus, Namens Dav. Rizzio, in ihrer Umgebung, der ihr zugleich als Ratgeber und Sekretär diente und besonders die geheime Korrespondenz mit den kath. Höfen besorgte. Diesem Manne schrieb Darnley den Kaltsinn seiner Gemahlin zu und beschloß deshalb, von den prot. Häuptern in seinem Verdacht bestärkt, denselben aus dem Wege zu schaffen. Er überfiel 9. März 1566 die Königin, als sie mit Rizzio im Schlosse Holyrood zu Tisch saß, und ließ diesen vor ihren Augen durch die Mitverschworenen ermorden. M. floh darauf nach Dunbar, wo sie Bothwell und andere Getreue um sich sammelte und sich bald in den vollen Besitz der Macht setzte. Am 19. Juni gebar die Königin einen Sohn, Jakob VI., der später als Jakob I. (s. d.) den Thron von Großbritannien bestieg. Als bald darauf Darnley in Glasgow an den Blattern erkrankte, brachte ihn die Königin nach Edinburgh und pflegte ihn. In der Nacht vom 9. Febr. 1567, wo die Königin bei der Hochzeit eines ihrer Diener gegenwärtig war, flog das Haus, in dem sich Darnley befand, durch eine Pulverexplosion in die Luft, und man fand Darnley und seinen Pagen tot im Felde liegen. Die öffentliche Stimme klagte die Königin und den Grafen Bothwell, der schon längst über ihr Herz volle Gewalt hatte, des Mordes an. Letzterer wurde auch alsbald vor Gericht gezogen, aber von der That freigesprochen. Bothwell trat nun als Bewerber um die Hand der Königin auf und entführte sie auf eins seiner Schlösser. Nachdem er die Scheidung von seiner ersten Gemahlin bewirkt hatte, ließ sich die Königin mit ihm 15. Mai 1567 vermählen. Der calvinistische Adel, über diese Vorgänge empört, schloß zu Stirling eine Konföderation, zog Truppen zusammen und nahm Edinburgh ohne Schwertstreich, während die Königin 6. Juni 1567 mit ihrem Gemahl nach Dunbar entfloh und sich ebenfalls zum Widerstande rüstete. Als jedoch die Truppen 15. Juni bei Carberry zusammenstießen, knüpfte die Königin Unterhandlungen an und begab sich persönlich ins feindliche Lager. Hier wurde sie zurückgehalten, als Gefangene nach Edinburgh gebracht Und dann nach Schloß Lochleven abgeführt. Die Lords rissen nun die Staatsgewalt vollständig an sich, raubten die königl. Schätze und ächteten Bothwell, der nach Dänemark entkam, wo er acht Jahre später in Haft auf Drogsholm starb. Die Königin legte 24. Juli 1567 zu Gunsten ihres Sohnes die Krone nieder, für den Murray die Regentschaft übernahm. Da ihre Gefangenschaft fortdauerte, bewog die kath. Partei den jungen George Douglas, einen Bruder des Schloßherrn zu Lochleven, die Königin zu befreien. Derselbe entführte sie glücklich in der Nacht vom 2. Mai 1568 über den benachbarten See, an dessen Ufer die Königin von einem Haufen Bewaffneter empfangen wurde. Vom Schlosse Hamilton aus erklärte sie nun ihre Abdankung für erzwungen. Ihre Anhänger brachten ein Korps von 6000 Mann zusammen; doch 15. Mai besiegte der Regent Murray die Königin in einem Gefecht beim Dorfe Langside. Sie entfloh vom Schlachtfelde nach England, wo sie Elisabeth um Schutz ansprach. Elisabeth aber ließ ihre Nebenbuhlerin sogleich gefangen halten und schlug ihr die erbetene persönliche Zusammenkunft ab, bis sie sich von der Teilnahme an dem Morde Darnleys würde gereinigt haben. Zu dem Zweck schickte Murray, der seine Schwester in Gemeinschaft mit Elisabeth zu verderben suchte, eine Kommission nach England, die eine weitläufige Erörterung über das Verbrechen begann, aber unter den Intriguen beider Parteien zu keinem festen Resultat gelangte. Das unkluge, stolze Betragen der Königin M., der Befreiungs-Deruch der Grafen Northumberland und Westmoreland und des Herzogs von Norfolk, die Bannbulle des Papstes gegen Elisabeth und mehrere andere Komplotte, die der span. Hof von den Niederlanden aus anstiftete, brachten allmählich Elisabeth zu dem Entschlusse, sich der gefährlichen Gefangenen zu entledigen. Den Anlaß hierzu gab die Verschwörung Babingtons, welche die Ermordung Clisabeths und die Befreiung der Königin zum Zweck hatte. Daß M. mit der Verschwörung einverstanden war, ist sicher; von dem beabsichtigten Mord gewußt zu haben, leugnete sie, und die Echtheit der betreffenden Briefstelle wird bezweifelt. Im Okt. 1586 stellte man sie, nach der Hinrichtung der Verschworenen, vor eine Untersuchungskommission, die sie für schuldig erklärte und als Hochverräterin zum Tode verurteilte. Nachdem das engl. Parlament das Urteil bestätigt, unterzeichnete auch Elisabeth, obgleich nicht ohne Bedenken und Widerstreben, durch ein neues Komplott veranlaßt. Vergebens waren die Bitten und Drohungen Heinrichs III. von Frankreich, des span. Hofs und Jakobs VI., des Sohnes der Unglücklichen. Am 18. Febr. 1587 wurde sie in einem Saale auf dem Schlosse Fotheringhay enthauptet. Sie starb mit Mut und religiöser Ergebung, nachdem sie sich eigenhändig die ihr vom Papste gesendete Hostie gereicht hatte. Wenn die Tragödie Schillers und andere poetische Darstellungen die Königin als das rührende Opfer der Schönheit, der Schwäche eines zärtlichen Herzens, der Eifersucht eines Weibes und der Barbarei ihres Jahrhunderts dargestellt haben, so darf die Geschichte auch nicht vergessen, daß ihr Tod und ihr Schicksal doch auch ein großes Verbrechen sühnten, von dem sie nie durch überzeugende Gründe freigesprochen worden ist. Vgl. Mignet, Histoire de Marie Stuarty (2 Bde., Par. 1850); Miß Strickland, Life of Mary, queen of Scotso (5 Bde., Lond. 1864); Hosack, Mary, queen of Scots and her accuserso (vom kath. Standpunkte; 2. Aufl., 2 Bde., Lond. 1874); John Stuart, «A lost chapter in the history of Mary, queen of Scotso (Lond. 1874); Morris, The letter-books of Sir Amias Poulet, keeper of Mary queen of Scotso (Lond. 1874); Skelton, The Iimpeachment of Mary Stuarto (Lond. 1876); vor allem beachtenswert ist die Darstellung L. von Rankes im ersten Bande seiner Engl. Geschichter (3. Aufl., Lpz. 1870). Die «Lettres, instructions et mémoires de Marie Stuarto gab Labanoff heraus (7 Bde., Par. 1844). Eine bedeutende Vermehrung des Materials bietet Chantelauze, Marie Stuart, son procès et son exécution etc.v (Par. 1876). Den Versuch einer vollständigen Rechtfertigung der Königin vom kath. Standpunkte aus enthält Flandre, Mistory of Mary Stuart, translated from the original and unpublished manuscript of Prof. Petith (2 Bde., Lond. 1874). Ferner sind hervorzuheben: Gaedeke, Maria Stuartv (Heidelb. 1879); Bekker, Maria Stuart, Darley, Bothwell)⸗ (Gieß. 1881); Opitz, «Maria Stuarto (2 Bde., Freib. i. Br. 1882). Vgl. Breßlau, «Die Kassettenbriefe der Königin Maria Stuarty (im Histor. Taschenbucho, 6. Folge, 1. Jahrg., Lpz. 1882).