FeedMarschland
TierreichBrockhaus 1882

Marschland nennt man im nordwestl. Deutschland, im Gegensatz zur Geest (s. d.) oder dem Geestland, den in Flußthälern und Küstenniederungen aufgeschwemmten, vorherrschend fruchtbaren Boden, der anderwärts Aue-, Niederungs⸗ oder Bruchboden heißt. Der Marschboden dient sowohl zum Getreide- als zum Futterbau, doch ist letzterer in Verbindung mit starker Viehzucht, Melkerei und Futterweide vorherrschend. Die Alluvialbildung der Flußmarschen findet sich auch im Innern des Landes in mehr oder weniger von der Mündung der Flüsse zurückgelegenen Uferstrecken ihres Unterlaufs, und die Deltabildung (s. Delta), als Bildung förmlicher Marschlandschaften, kommt im Mündungsgebiet großer Ströme in allen Erdteilen vor. Die Bildung der gewöhnlich schmälern Seemarschen oder des Marschbodens an der Küste des Meers ist besonders charakteristisch für das deutsche Gestade der Nordsee und das Resultat der eigentümlichen Naturverhältnisse, sowie der Thätigkeit des Menschen. Der Marschboden, der neben Thon, Lehm und Sand auch Torf und andere Pflanzenteile, Muscheln, ig enthält, überhaupt verschiedene tierische Überreste enthält, umzieht die Nordseeküste (Ostfriesland, Oldenburg, Hannover, Schleswig-Holstein) bis zum jütländ. Sandufer wie ein grüner Saum. Schon frühzeitig fanden sich die german. Anwohner (das Kernvolk der Friesen) bewogen, ihre Niederlassungen von der weniger fruchtbaren Geest auf die fetten Marschen zu verlegen. Hierbei errichteten sie, zum Schutz gegen überschwemmung, ihre Wohnungen auf ursprünglich höhern oder künstlich erhöhten Stellen, welche Wurten, auch Warfen, Werfen oder Warten heißen, und diese Einrichtung des erhöhten Wohnens haben die Friesen bis auf den heutigen Tag beibehalten. überdies trennten sie ihr gewonnenes Land von den sog. Watten (s. d.Woder Schoren durch Dämme oder Deiche (s. d.). Die zwischen den verschiedenen Armen des sehr zusammengesetzten Deichsystems liegenden Abteilungen des Marschbodens werden im Norden der Elbe Köge (Singular Koog), in Ostfriesland und Holland Polder 4. d.) genannt. Die dem höhern, trockenen, zum Teil bewaldeten Geestlande anliegende Marsch ist niedrig, flach, kahl, fast baumlos, ohne Quellen und Flüsse, von Deichen und schnurgeraden Kanälen durchzogen, ein frischer, fetter Erdstrich, Acker an Acker, Wiese an Wiese, letztere im ganzen Sommer mit Rinderherden bedeckt. Dann folgen, dem flutenden Meere am nächsten, die Watten, das Gerippe uralten, untergegangenen Landes, der wüste Schauplätz zerstörender Naturkräfte. Im Mittelalter bildeten diese Landstriche mehroder weniger unabhängige Marschdemokratien, z. B. im Nordosten und Osten der Elbe die nordfries. Marschen, das Land Eiderstedt, die Dithmarschen (d. i. die deutschen Marschen), dann die berühmten Marschen von Krempe und Wilster, die Marsch zwischen Glückstadt und Hamburg, ferner das Land Hadeln, das Alte Land, die Landschaften Kedingen, Stedingen und Jever. Erst nach den blutigsten Kämpfen mit den mächtigen Grafen und Herren des Hinterlandes verloren jene Gemeinwesen ihre Unabhängigkeit, und die fries. Bevölkerung erlag dem Einfluß des niedersächs. Stammes, der größere Staaten ausbildete. Vgl. Kohl, «Marschen und Inseln der Herzogtümer Schleswig und Holstein v (3 Bde., Dresd. u. Lpz. 1846); Allmers, Marschenbuch. Land- und Volksbilder aus den Marschen der Weser und Elbey (2. Aufl., Oldenb. 1875).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 484Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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