Materialismus (vom lat. materia, d. i. der Stoff) ist diejenige philos. Ansicht, welche die durch die Sinne wahrnehmbare Körperwelt für das einzige wirklich bestehende Wesen hält und auch die Erscheinungen des seelischen Lebens lediglich für Thätigkeitsformen derselben ansieht. Vom M. im eigentlichen Sinne kann daher erst von derjenigen Zeit an die Rede sein, wo das wissenschaftliche Bewußtsein sich den fundamentalen Gegensatz der physischen und der psychischen Phänomene klar gemacht hatte. Bis dahin suchte man ganz naiv in der Materie auch den Grund alles Lebens, der seelischen Vorgänge so gut wie der körperlichen Bewegungen, eine Ansicht, welche als Hylozoismus bezeichnet wird und, nachdem sie anfangs von den ion. Naturphilosophen behauptet worden war, in späterer Zeit durch die Stoiker, während der Renaissance durch phantastische Naturphilosophen, wie Paracelsus, in neuester Zeit durch gewisse naturphilos. Anschauungen von seiten der darwinistischen Richtung erneuert worden ist. Die ersten prinzipiellen Materialisten waren im Altertum die Atomistiker Leucippus und Demokrit, die von der Bewegung unveränderlicher, materieller Körperchen alle Erscheinungen abzuleiten suchten. Schon hier zeigte es sich, daß der M. immer eine hannder stische Erkenntnistheorie zur Begleitung hat: der Lehre Demokrits kam die Erkenntnistheorie des Protagoras und anderer Sophisten entgegen. Doch wurde der M. sehr bald durch den Einfluß des Sokrates und der aus seiner Lehre hervorgehenden großen idealistischen Systeme des Plato und des Aristoteles in den Hintergrund gedrängt; von den spätern Philosophenschulen des Altertums haben nur die Epikureer ohne selbständige Fortbildung den demokritischen M. angenommen, und unter ihnen hat Lucretius dieser Weltansicht in äußerst glücklicher Weise eine poetische Darstellung gegeben. Während im Mittelalter der vorwiegend kirchliche Charakter aller Wissenschaften den M. keinen Spielraum ließ, gewann derselbe in der neuern Zeit wieder Macht und Ansehen. Durch die allgemeine Erneuerung der Studien des Altertums wurde die Aufmerksamkeit auch auf dessen M. gelenkt, und in dieser Hinsicht ist namentlich Gassendis Erneuerung des Epikureismus von weitů tragendem Einfluß gewesen. Teils von ihm beeinflußt, teils den Empirismus Bacons weiter verfolgend, arbeitete dann Hobbes den M. zu einem eschlossenen Systeme aus, das einen großen Einfiuß auf die spätere philos. und naturwissenschaftliche Entwickelung ausübte. Begünstigt wurde dieser Einfluß durch die Vorliebe des 18. Jahrh. für psychol. Probleme und die besondere Aufmerksamkeit der Zeit auf die Frage nach dem Zusammenhang leiblicher und seelischer Vorgänge. Von diesem Gesichtspunkte aus stellte in England David Hartley die Lehre der sog. Associationspsychologie auf, welche darauf hinauslief, daß der Ablauf der psychischen Thätigkeiten gänzlich durch denjenigen der nervenphysiol. Prozesse bedingt sei; er und sein bedeutendster Nachfolger Priestley wußten jedoch diese wissenschaftliche Theorie mit dem Glauben zu vereinigen. Dagegen führte dieselbe Richtung in Frankreich zu direkt atheistischen und antikirchlichen Konsequenzen. Hier legte Lamettrie teils durch richtige Schlüsse aus der Cartesianischen Philosophie, teils durch pathol. und tierpsychol. Beobachtungen den Grund. Die Encyklopädisten und die sog. «Philosopheno gingen allmählich von gemäßigtern Standpunkten zu dieser Doktrin über, welche schließlich in dem von Holbach redigierten Système de la natures ihren allgemeinen theoretischen Ausdruck fand, während sie, von Helvétius in Verbindung mit dem herrschenden Eudämonismus gebracht, zu einer Moral des sinnlichen Egoismus führte. Während aber diese Lehre im 19. Jahrh. bei den übrigen Nationen mehr verkümmerte, fand sie in Deutschland, welches sich bis dahin fast nur ablehnend dagegen verhalten hatte, durch eine eigentümliche Gedankenverbindung Eingang und Verbreitung. Nachdem nämlich die Identitätsphilosophie und besonders das Hegelsche System alle Erscheinungen des seelischen und des materiellen Lebens als stufenweise unterschiedene Manifestationen derselben absoluten Wirklichkeit erklärt, die letztere aber als das geistige Prinzip aufgefaßt hatte, mußte es logisch gerade so berechtigt erscheinen, die andere Seite, die Materie, für die absolute Wirklichkeit zu erklären. Diesen Schritt that Ludwig Feuerbach, er setzte an die Stelle der Vergeistigung der Naturprozesse, wie sie namentlich von der sog. Naturphilosophie versucht worden war, die Materialisierung der geistigen Prozesse. An ihn schlossen sich eine Reihe von Naturforschern, wie Moleschott, Büchner, Vogt u. a., an, welche die Meinung zu verbreiten suchten, daß die materialistische Weltansicht eine notwendige Konsequenz der exakt naturwissenschaftlichen Forschung sei. Dem gegenüber haben Philosophen, wie Lotze, und bedeutende Naturforscher, wie Helmholtz, R. Mayer u. a., bestritten, daß damit die ganze Erkenntnisarbeit erschöpft und eine abschließende Weltansicht gewonnen sei. Der neuere deutsche M. erhielt in Czolbe (Neue Darstellung des Sensualismuso, Lpz. 1855) seine sensualistische Erkenntnistheorie, in Dav. Fr. Strauß' letztem Werke (Der alte und der neue Glaube v, Lpz. 1872) sein künstlerisch vollendetes Bekenntnis. Vgl. Lange, «Geschichte des M. und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwarte (2 Bde., Iserlohn 1866; 3. Aufl. 1876—77).