Materie (lat.) oder Stoff bedeutet im Gegensatz zur Form das Sachliche, Gegenständliche, den Inhalt im Unterschied von der Art und Weise der Erscheinung, Gestaltung, Behandlung oder Darstellung. So unterscheidet man die Form eines Kunstwerks von seinem Stoff; die Form unserer sinnlichen Empfindungen, das Räumliche und Zeitliche, von der M. derselben, d. h. von den Qualitäten, welche wir durch das Gehör, Gesicht u. s. w. wahrnehmen; materielle Sittengesetze, d. h. solche, welche vorschreiben, nach welchen Objekten wir zu streben haben, von formalen, die nicht auf gewisse Gegenstände, sondern nur auf Verhältnisse unserer Thätigkeit gehen. Im engern Sinne ist der Begriff der M. ein Produkt der Philosophie. Die Veranlassung, ihn auszubilden, liegt in den Veränderungen der sinnlichen Erscheinungswelt. Die Frage, was dem Wechsel der Erscheinungswelt als ein Unveränderliches zu Grunde liege, warfen sich schon die ältesten griech. Philosophen auf und beantworteten sie anfänglich so, daß sie einen oder mehrere bestimmte sinnliche Stoffe (Wasser, Feuer, Luft etc.) als die elementarische Grundlage aller Erscheinungen betrachteten. Dabei trat der Begriff des Stoffs mit dem der Kraft und der Form allmählich in einen bestimmten Gegensatz, und Plato führte den Begriff eines bloßen Stoffs als Gegensatz der Ideen, d. h. dessen, was die Dinge ihrer Qualität nach sind, in die Philosophie ein. Aristoteles machte von diesem Begriff einen weitern Gebrauch. Seine Metaphysik beruht auf der Unterscheidung zwischen der M. (Hyle), als einem bloß der Möglichkeit nach, und der Form, als dem der Wirklichkeit nach Seienden, sodaß das Entstehen und Vergehen der Dinge als eine Vereinigung und Trennung zwischen M. und Form und die Veränderung als ein Übergang der an sich form- und bestimmungslosen M. von einer Form zur andern betrachtet wurde. Diese Auffassung des Gegensatzes zwischen beiden blieb in der Metaphysik herrschend durch alle spätern Zeiten hindurch. Eine ganz andere Bedeutung bekam der Begriff der M. durch Descartes. Dieser ging nämlich von einem ursprünglichen Gegensatz zwischen der ausgedehnten und denkenden Substanz, zwischen M. und Geist aus, und die M. wurde hier als das im Raume Ausgedehnte, Undurchdringliche, Bewegliche, Teilbare aufgefaßt, alle Naturerscheinungen, soweit sie mit räumlichen Merkmalen in Verbindung stehen, aus den verschiedenen Verbindungsformen ihrer materiellen Bestandteile, also mechanisch erklärt, das Geistige aber von dem Zusammenhange mit dem Körperlichen und Materiellen ganz losgelöst. Diese Richtung der Cartesianischen Philosophie verwickelte bald in unlösbare Schwierigkeiten über die Frage, wie man sich den ganzen auf Wechselwirkung beruhenden Zusammenhang zwischen dem Leiblichen und Geistigen zu denken habe. Spinoza fand die Lösung dieser Frage darin, daß er Geist und M. als verschiedene Attribute derselben Substanz erklärte. Unterdessen haben sich die Naturwissenschaften, namentlich seit Newton, bei der Vorstellung des Atomismus beruhigt, daß die letzten Bestandteile der M. selbst wieder materiell, aber physisch unteilbar seien. Da aber hierdurch die Frage nach dem Wesen der M. bloß umgangen, nicht beantwortet wird, so konnte der Menschengeist hierbei nicht stehen bleiben, besonders seit er durch Kant zur Einsicht gelangte, daß alle Raumbestimmungen unter den Begriff der bloßen Erscheinung fallen und nicht als ursprüngliche Prädikate dessen, was in Wahrheit ist, betrachtet werden dürfen. Kant selbst ließ das eigentliche Wesen, welches dem Phänomen der M. als des im Raume Beweglichen zum Grunde liegt, unter dem Namen eines Dinges an sich gänzlich dahingestellt, suchte hingegen die Undurchdringlichkeit und Kohäsion dieses Phänomens durch anziehende und abstoßende Kräfte zu erklären und gründete so, dem Atomismus entgegen, die dynamische Ansicht, welche eine Teilbarkeit der M. ins Unendliche und einen stetigen Zusammenhang ihrer Teile behauptet. Die Schellingsche und Hegelsche Naturphilosophie konstruierte die M. aus einer Spannung relativ geistiger Kräfte oder Potenzen und erklärte daher Geist und M. im Grunde ihres Wesens für identisch und nur für die Erscheinung entgegengesetzt. Der letztere Begriff der M. nähert sich aufs neue der Aristotelischen Auffassung darin, daß der Unterschied von Geist und M. zu einem relativen herabgesetzt wird, jedoch mit einer stärkern relativen Trennung beider. Denn hier sollen sie sich nicht wie die Form zum Stoff, sondern wie entwickelte zu unentwickelten Kraftsystemen von einerlei Grundcharakter zueinander verhalten. Vgl. Huber, Die Forschung nach der M.» (Lpz. 1877). terie.