FeedMedizin
HeilkundeBrockhaus 1882

Medizin (vom lat. medicare, heilen, demnach Heilkunde oder auch Arzneikunde) im weitern Sinne ist die Wissenschaft von der Beschaffenheit und Thätigkeit des tierischen und menschlichen Körpers im gesunden und kranken Zustand, gehört also zu den Naturwissenschaften und zerfällt, wie diese überhaupt, in einen beschreibenden und einen angewandten (exakten) Teil. Die beschreibenden Disciplinen der M. umfassen die Anatomie oder die Lehre vom Bau des Körpers, und zwar die des gesunden sowohl wie des kranken (normale und pathol. Anatomie), die wiederum je nach den Bedürfnissen der einzelnen Fächer der M. besonders ausgebildet ist. So ist z. B. für den Chirurgen die Kenntnis der gegenseitigen Lage der einzelnen Körperbestandteile wichtig, und man unterscheidet daher noch eine chirurgische oder topogr. Anatomie. Für die Bedeutung der verschiedenen Körperbestandteile wichtig ist ferner die Kenntnis vom Bau der Tiere und Menschen überhaupt, mit welchem sich die vergleichende Anatomie beschäftigt. Die genannten Zweige der Anatomie lehren den Bau des Körpers nach den einzelnen Organen, gewissermaßen im groben kennen; mit dem Studium der feinern, meist mit bloßem Auge nicht mehr wahrnehmbaren Bestandteile dieser befaßt sich die mikroskopische Anatomie oder die Geweblehre (Histologie), welche auch, insofern sie die gemeinschaftlichen Bestandteile aller Organe (Zellen u. dgl.) beschreibt, allgemeine Anatomie genannt wird; sie bildet die notwendige Ergänzung zur speziellen oder besondern Anatomie. Die Bildungsgeschichte des ganzen Körpers sowie seiner Bestandteile wird von der Entwickelungsgeschichte dargestellt; die Entwickelungsgeschichte des ganzen Tiers bis zum Antritt des selbständigen Lebens (Geburt, Ausschlüpfen aus dem Ei) wird Embryologie genannt. Die Kenntnis vom anatom. Bau des Körpers ergänzt sich durch den Nachweis der chem. Bestandteile desselben, welches den Gegenstand der Tierchemie (Zoochemie) ausmacht. Zu den beschreibenden Fächern der M. ist endlich noch die Diagnostik zu rechnen, welche aus äußerlichen Zeichen, meist ohne Verletzung des Körpers, erkennt, ob derselbe gesund oder krank ist, und im letztern Falle, in welcher Weise er vom Verhalten des gesunden Körpers abweicht. Zu ihr gehören die Anamnestik, die Kunst, aus den Mitteilungen des Kranken selbst Schlüsse über seinen Zustand zu machen, und die Semiotik, die Lehre von der Kunst, aus einzelnen besondern Erscheinungen Sitz und Wesen der Krankheit zu erschließen. Die Reihe der angewandten Abschnitte der M. eröffnet die Physiologie, welche die Verrichtungen und Lebensäußerungen des gesunden und kranken Körpers kennen lehrt, und die man deshalb in eine normale und eine pathol. Physiologie trennen kann. Sie verfolgt ihr Ziel teils mit Hilfe der Physik (physik. Physiologie), teils mit Hilfe der Chemie (physiol. und pathol. Chemie). Anatomie und Physiologie sind, wiewol selbständige Wissenschaften, dennoch blos Hilfsmittel der Aaabrhat der M. im engern Sinne, welche die Aufgabe hat, die Gesundheit zu erhalten und den kranken Körper zu heilen. Die Mittel, durch welche die Gesundheit erhalten werden kann, lehrt die Gesundheitslehre oder Hygiene kennen, welche nach der Art der Mittel und des Gegenstandes in eine öffentliche und eine private Hygiene zerfällt. Zur letztern gehören die Diätetik, die Lehre von der Lebensweise, die der Einzelne befolgen muß, um gesund zu bleiben, die Eubiotik, die Lehre von der Kunst, lange und gut zu leben, und die Prophylaktik, die Lehre, wie man sich vor bestimmten Krankheiten zu schützen vermag. Der Heilung der Krankheiten muß die Kenntnis derselben vorangehen, ein Gegenstand, mit welchem sich die Pathologie beschäftigt. Während die allgemeine Pathologie Wesen, Ursachen und Erscheinung der Krankheiten im allgemeinen erforscht, handelt die spezielle Pathologie oder Nosologie von den einzelnen Krankheitsformen, die Pathogenie oder Atiologie von der Entstehung der Krankheiten. Der Umfang der Pathologie ist sehr groß, sodaß auch hier eine Teilung der Arbeit eingetreten ist. Die Lehre von der Krankheit hat sich daher geteilt in die sog. innere Medizin, welche sich mit dem Studium ohne mechan. Verletzung entstandener Krankheiten beschäftigt, und die äußere Medizin oder Chirurgie, welche sich nur mit äußern, durch mechanisch wirkende Ursachen entstandenen Krankheiten befaßt. Nach dem besondern Gegenstande zerfällt die Patho⸗ „logie ferner in die Augenheilkunde (Ophthalmologie), Ohrenheilkunde (Otiatrie), Geburtshilfe, Seelenheilkunde (Psychiatrie), Heilung von Mißbildungen (Orthopädie) u. s. w., zu welchen sich in neuerer Zeit noch die Pathologie der Kehlkopf⸗ und Schlundkrankheiten (Laryngologie, Pharyngologie) gesellt hat; man unterscheidet ferner die Pathologie der Frauenkrankheiten (Gynäkologie), Kinderkrankeheiten (Pädiatrik), Greisenkrankheiten u. s. w. Für den Arzt ist weiterhin die Prognostik von großer Bedeutung, d. h. die Lehre von der Kunst, aus dem Jvorausgegangenen oder gegenwärtigen Krankheitszustand den weitern Verlauf und den Ausgang der Krankheit zu erschließen. Speziell mit der Heilung der Krankheiten beschäftigt sich die Therapie, welche als Hilfswissenschaften die Arzneimittellehre (Pharmakologie), die Bäderlehre (Balneologie), die Elektrotherapie u. s. w. hat. An die Arznei-Mittellehre, welche die Wirkung der Arzneimittel kennen lehrt, schließt sich die Lehre von den Wirkungen der Gifte (Toxikologie), von den Kennzeichen der Arzneimittel (Pharmakognosie) und der Bereitung der Arzneien (Pharmacie) an. Staatszwecken dienen die Staatsarzneikunde und die Medizinalpolizei (gerichtliche M.) Die Anfänge der mediz. Kenntnisse beginnen mit Hippokrates, einem Schüler der Asklepiaden zu Kos, dessen Thätigkeit in die letzte Hälfte des 5. Jahrh. v. Chr. fällt, und dessen Lehren in mannigfachster Bearbeitung bis spät in das Mittelalter herein maßgebend waren. Unter den Römern faßte Galen das gesamte mediz. Wissen des Altertums in seinen Schriften zusammen und galt für die kommenden Jahrhunderte als herrschende, unanfechtbare Autorität. In dem ganzen Zeitraume von Eaneern Jahrtausenden hat die M. wol einige Umgestaltung, aber keine wesentlichen Verbesserungen erlitten. Erst als Vesal in der Mitte des 16. Jahrh. das gewaltige Vorurteil gegen die Sektion menschlicher Leichen überwand und die Anatomie des menschlichen Körpers lehrte, trat sie aus dem Bann der Tradition heraus und wurde selbständige Wissenschaft. Der erste pathologische Anatom war Morgagni zu Anfang des 18. Jahrh.; ihm folgten Lieutaud, Portal, John Hunter und Baillie, während um die Mitte des 19. Jahrh. Rokitansky und Virchow die pathologische Anatomie auf ihre heutige Höhe gebracht haben. Die wichtigste Entdeckung in der Physiologie machte im Anfang des 17. Jahrh. Harvey in dem Kreislaufe des Blutes. Im Anfang des 19. Jahrh. begründete Bichat die allgemeine (nikroskopische) Anatomie und gab damit der neuern wissenschaftlichen Richtung der M. ihren Ausgang. Den wesentlichsten Fortschritt in der Pathologie machten Auenbrugger und Laennec durch Erfindung der jetzt üblichen Untersuchungsmethoden (Auskultation und Perkussion), die durch Skoda, Traube, Bamberger u. a. eine hohe Ausbildung erlangten. Mit der Entwickelung der gesamten Naturwissenschaften hat auch die M. ziemlich Schritt gehalten, und ihre weitere Ausbildung ist jetzt abhängig von der Übertragung physik. und chem. Gesetze auf die Erscheinungen des gesunden und kranken Körpers. Litteratur. Wunderlich, «Geschichte der M.o (Stuttg. 1859); Häser, Lehrbuch der Geschichte der M. und der epidemischen Krankheiteno (3. Aufl., 3 Bde., Jena 1875—82); Baas, «Grundriß der Geschichte der M. und des heilenden Standesv (Stuttg. 1876); Petersen, Hauptmomente in der geschichtlichen Entwickelung der mediz. Therapies GKopenh. 1877); Eulenburg, «Realencyklopädie der gesamten Heilkunde » (15 Bde., Wien 1880—-83). Von mediz. Zeitschriften ist außer den vielen für die einzelnen Fächer der M. existierenden besonders der an Canstatts Jahresbericht » etc. (15 Bde., Würzb. 1851—65) sich anschließende von Virchow und Hirsch herausgegebene Jahresbericht über die Leistungen und Fortschritte in der gesamten M.v (Bd. 1—38, Berl. 1867—84) zu nennen.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 567Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 4

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Heilkunde 6