FeedMelanchthon
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Melanchthon (Philipp) oder Melanthon, wie er selbst schrieb (gräcisiert aus Schwarzerd), Luthers Hauptmitarbeiter, wurde 16. Febr. 1497 zu Bretten in der Pfalz geboren. Als sein Vater, Waffenschmied des Pfalzgrafen, 1507 starb, kam M. nach Pforzheim in das Haus seiner Großmutter, einer Schwester Reuchlins. Im J. 1510 bezog er die Universität Heidelberg, wurde 1512 Baccalaureus und ging dann, als man ihn seiner Jugend wegen nicht zum Magister machen wollte, nach Tübingen. Hier wurde er 1514 Magister, las über Aristotelische Philosophie, griech. und röm. Klassiker und schrieb eine griech. Grammatik. Auf Reuchlins Empfehlung wurde M. 1518 als Professor der griech. Sprache und Litteratur nach Wittenberg berufen, entwickelte in der Antrittsrede De corrigendis adolescentiae studiiso sein humanistisches Programm und führte die Jugend mit Eifer und Geschick in die Welt des klassischen Altertums ein. Früh schloß sich M. an Luther an im Kampfe für das reine Evangelium, immer inniger wurde die Freundschaft beider und hat trotz vorübergehender Verstimmungen bis zu Luthers Tode gedauert. Bei der leipziger Disputation war M. anwesend und als seine Beschreibung derselben in einem Briefe an Okolampad Eck zu einer Entgegnung veranlaßte, trat er offen für Luther auf. Im J. 1521 entstanden aus Vorlesungen über den Römerbrief seine (Loci communes rerum theologicarumv, die erste prot. Dogmatik. Seine Epitome doctrinae christianae (1524) bestimmte den Landgrafen Philipp von Hessen, der Reformation sich anzuschließen; sein Unterricht der Visitatoren und Pfarrherren im Kurfürstentum Sachseno (1527), eine Instruktion für die auf Befehl des Kurfürsten Johann des Beständigen vorgenommene Visitation der sächs. Kirchen, war die erste evang. Kirchen- und Schulordnung. Die Augsburgische Konfessiono (1530) ist nur nach ihrer letzten Ausarbeitung, dagegen die Apologien (1530) ist ganz sein Werk. Durch diese Arhbeiten gewann M. in der prot. Welt ein so hohes Ansehen, daß Franz I. von Frankreich und Heinrich VIII. von England ihn einluden, ihnen zur Ordnung der kirchlichen Angelegenheiten seine Beik. nicht, dagegen nahm er in Deutschland an allen wichtigen Zusammenkünften und Verhandlungen teil, welche unter den deutschen Protestanten allein oder mit den Schweizern oder mit den Katholiken abgehalten wurden. Überall war er der milde, nachgiebige Vermittler, welcher zu weitgehenden Zugeständnissen im Interesse der Einheit und des Friedens bereit war. Er war 1529 auf dem Reichstag zu Speier und auf dem Marburger Religionsgespräch, 1530 auf dem Reichstag zu Augsburg, 1535 auf dem Religionsgespräch mit den Oberländern zu Kassel, 1536 auf dem Gespräch zu Wittenberg, wo er die Wittenberger Konkordiey zu Stande brachte, 1537 auf dem Konvent zu Schmalkalden, 1540 auf dem Religionsgespräch zu Hagenau und zu Worms, 1541 zu Regensburg, versuchte 1543 vergeblich, unter dem Kurfürsten Hermann von Wied die Reformation in Köln durchzuführen. Besonders mit den Schweizern, deren Abendmahlslehreer näher stand, wünschte M. Frieden zu halten. Mehrmals darüber ergrimmt hat Luther doch die Wittenberger Konkordie gebilligt, die Anderungen in der Augsburgischen Konfession gutgeheißen und bis ans Ende seinem Magister Philippo fest vertraut. Nach Luthers Tode trat M., als Gelehrter weithin berühmt und als Praeceptor Germaniaè gepriesen, naturgemäß an die Spitze der Kirche. Für diese Stellung war sein milder Charakter wenig geeignet, zumal unter so schwierigen Verhältnissen. Innerhalb des Protestantismus trat immer rücksichtsloser jene Partei hervor, welche M. wegen seiner abweichenden Ansichten in der Abendmahlslehre (s. unter Abendmahl) und in der Lehre von der Mitwirkung des menschlichen Willens im Werke der Bekehrung heftig anfeindeten. Dazu kam, daß er, dem Drucke der äußern Umstände nachgebend, im Leipziger Interim (1548) den Katholiken offenbar zu viel eingeräumt hatte. Geradezu maßlos waren die Beschuldigungen, welche gegen den alternden M. erhoben wurden. Für das Scheitern des Wormser Religionsgesprächs war das Zustandekommen des Frankfurter Rezesses ein geringer Ersatz. M. starb 19. April 1560 zu Wittenberg. Die Einheit der Kirche war sein letzter Wunsch, die Streitsucht der Theologen (rabies théeologorum) seine letzte Klage. Seit 18. Aug. 1520 war M. verheiratet mit Katharina Krapp, der Tochter des Bürgermeisters von Wittenberg. Sie starb 1557, als M. auf dem Religionsgespräch zu Worms verweilte. Von seinen Kindern starb die älteste Tochter Anna bereits 1547. Ihn überlebten ein Sohn, Philipp, welcher 1603 als Konsistorialsekretär starb, und eine Tochter, Magdalena, die Gattin Peucers, gest. 1567. Sein Standbild in Wittenberg (von Drake) wurde 25. Juni 1865, das Reformationsdenkmal vor der Johanniskirche in Leipzig, Luther und M. darstellend, 10. Nov. 1883 enthüllt. Sein Leben beschrieb sein Freund Joach. Camerarius; ein (Verzeichnis der Schriften M.so lieferte Rotermund (Brem. 1814). Seine «Operay (5 Bde., Bas. 1541) enthalten seine sämtlichen theol., philos. und philol. Schriften, mit Ausnahme seiner Reden: nicht einmal die theologischen vollständig enthält die von seinem Schwiegersohne Peucer besorgte Ausgabe seiner 0peray (4 Bde., Wittenb. 1562— 64). Die neueste und vollständige Ausgabe der Schriften M.s haben Bretschneider und Bindseil in dem „Corpus reformatorumo besorgt (28 Bde., Braunschw. u. Halle 1834—60). Der letztere hat auch Melanchthonis epistolae, judicia, consilia etc.v (Halle 1874) herausgegeben. Vgl. Galle, Versuch einer Charakteristik M.s als „Theologeno (Halle 1840); Matthes, „Philipp M., sein Leben und Wirken aus den Quellen dargestellto (Altenb. 1841); Meurer, M.s Lebeno 17 1860; 2. Aufl. 1869); Schmidt, «Philipp M. Leben und ausgewählte Schrifteno (Elberf. 1861); Tollin, (M. und Servete (Berl. 1876); Nisard, Renaissance et réforme. Erasme, Th. Morus, M.v (2 Bde., Par. 1877); Herrlinger, Die Theologie M.sy (Gotha 1879).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 596Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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