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GeschichteBrockhaus 1882

Messias, ein hebr. Wort, dem griech. Christus (s. d.) entsprechend, heißt der Gesalbte und wird im Alten Testament häufig als Bezeichnung von Königen gebraucht. In der Zeit des Verfalls des jüd. Staats erwartete das Volk die Erscheinung eines Königs aus Davids Geschlecht, welcher die alte Herrlichkeit Israels, als deren Ideal die Regierung Davids galt, zurückführen werde. Die Propheten gaben dieser national-polit. Hoffnung eine religiössittliche Färbung, indem sie die Herrschaft jenes „Gesalbtenv zugleich als eine Zeit der vollendeten Theokratie, der vollkommenen Frömmigkeit des Gottesvolks und der allgemeinen Verehrung des allein wahren Gottes auf Erden schilderten. Die Form der Vorstellung des M. ist zu verschiedenen Zeiten eine sehr verschiedene gewesen. Der Erwartung eines persönlichen M. aus Davids Geschlecht trat bereits in der Zeit des Exils die Vorstellung von dem «Knechte Gotteso zur Seite, unter welchem man den bundestreuen Teil des Volks verstand, der nach vielen Leiden endlich des verheißenen Glücks teilhaftig werden sollte. Zur Zeit des zweiten Tempels, als das Davidsche Haus zur Bedeutungslosigkeit herabgesunken war, trat die Hoffnung auf den gesalbten Sohn Davidso immer mehr zurück, wogegen die Erwartung der dem jüd. Volke bevorstehenden Weltherrschaft immer lebendiger wurde. Doch scheint in den letzten Zeiten vor Christus die schriftgelehrte Beschäftigung mit dem Alten Testament in demselben Maße, als unter der Römerherrschaft auch die Hoffnungen auf die glänzende Zukunft Israels sich steigerten, auch den Glauben an einen persönlichen M. von neuem belebt zu haben. Jesus (s. d.) hat die messianische Hoffnung auf seine Person bezogen und in ihr die volkstümliche Form gefunden, in welche sein religiöses Selbstbewußtsein die Gottessohnschaft hineinlegte. Indem er es aber als seinen unmittelbaren Beruf erachtete, die Gottesgemeinde, die er dereinst als messianischer König regieren sollte, zunächst durch prophetisches Wirken zu sammeln und vorzubereiten, hat er zugleich in die Idee des Messianismus einen neuen, unendlich tiefern und geistigern Inhalt hineingelegt. Die erste Messiasgemeinde hielt sich freilich ebenso sehr an die Schale als an den Kern der Ideen vom M. und Messiasreich. Aber gezwungen, ihren Glauben an den Gekreuzigten und Auferstandenen aus dem Alten Testament zu rechtfertigen, setzte sie mit Hilfe der in den jüd. Schulen längst üblichen allegorischen Auslegungsweise aus zahlreichen Stellen des Alten Testaments das Bild Jesu zusammen. Diese Stellen, in denen man Weissagungen des göttlichen Geistes auf die Person und Schicksale Jesu erblickte, galten nun als Hauptbeweisstellen für die Messianität Jesu oder als Messianische Weissagungen, deren Auslegung und Anwendung einen Hauptbestandteil der sog. apologetischen Theologie bis auf die neuere Zeit gebildet hat. Die Einsicht in die Unhaltbarkeit des alten Inspirationsdogmas und die Fortschritte der biblischen Philologie und histor. Kritik mußte jedoch diesem Beweis des Glaubens seinen Boden entziehen. Vgl. Hilgenfeld, Messias Judaeorumv (Lpz. 1869); Anger, «Vorlesungen über die Geschichte der messianischen Ideer (Berl. 1873); Schönfeld, «cüber die messianische Hoffnung von 200 v. Ehr. bis gegen 50 n. Chr.v (1874); Vernes, (Histoire des idées messianiques o (Par. 1874); Riehm, «Die messianische Weissagung» (Gotha 1875); Hitzig, „Vorlesungen über biblische Theologie und messianische Weissagungen des Alten Testamentso (Karlsr. 1880).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 650Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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