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Sagen & MythenBrockhaus 1882

Metaphysik (grch.) nannte man die philos. Grundwissenschaft, welche sich mit den letzten und höchsten Prinzipien aller Dinge beschäftigte. Der Name soll zufällig davon entstanden sein, daß der Teil der Schriften des Aristoteles, in welchem er diese von ihm als Kerste Wissens afto bezeichnete Disciplin teils entworfen, teils ausgeführt hatte, in der Sammlung seiner Werke ahinter der Physiko (τα rα vοnd) stand; doch darf man diesem Namen den tiefern Sinn unterlegen, daß diese Wissenschaft die letzten Gründe zu erkennen sucht, welche hinter den von der Erfahrungswissenschaft, der Physik, erkannten Thatsachen verborgen liegen. Die Wurzel dieses wissenschaftlichen Strebens liegt in der unzerstörbaren Tendenz des menschlichen Geistes, mit seinen Vorstellungen von der Wirklichkeit zu einem alles erklärenden, einheitlichen Abschlusse, zu einer sog. Weltanschauung zu kommen, welche psychol. Thatsache man deshalb als ein metaphysisches Bedürfnis bezeichnet hat. Da aber die Mangelhaftigkeit des durch die Erfahrung zu gewinnenden Wissens auf diesem Wege die Erreichung einer Wissenschaft vom Weltganzen nicht erhoffen ließ, so den sich sehr frühe schon bei den griech. Denkern die Meinung Bahn, daß die M. eine eigene Methode im Gegensatze zu den Erfahrungswissenschaften zu verfolgen habe; und diese konnte man nur darin suchen, daß die alle Wirklichkeit erklärenden Begriffe der M. ohne Hilfe der Erfahrung aus der reinen Vernunft gewonnen werden sollten. So gestaltete sich die M. zu einer begrifflichen Operation, durch welche man a priori das innerste Wesen aller Dinge zu begreifen dachte. Dabei verwickelten sich die anfänglich einfachen Probleme immer mehr, der Widerspruch dieser willkürlichen Begriffsdichtungen untereinander wurde immer deutlicher, sodaß im 18. Jahrh. allmählich besonders unter den engl. Denkern die nüchterne Doral auftauchte, ob denn überhaupt ein solches über alle Erfahrung hinausgehendes Wesen für den Menschen möglich sei. Nachdem Locke eine wissenschaftliche Untersuchung über diese Frage eingeleitet hatte, bestimmte Hume nach Verneinung derselben den Beriff der M. dahin, daß sie eine Forschung über die etzten Gründe nicht der Dinge, sondern unserer Erkenntnis der Dinge sein müßte. Kant, welcher dieselbe Frage von neuem Gesichtspunkte aus zu lösen unternahm, verwarf ebenfalls die ehemaligen Versuche einer Wissenschaft vom Weltganzen und nahm für die M. teilweise jene Humesche Begriffsbestimmung an, wonach dieselbe mit Erkenntnistheorie (s. d.) zusammenfällt; daneben aber gelangte er in seiner Untersuchung über die Prinzipien der Erkenntnis zu dem Resultat, daß es ein von der Vernunft a priori ohne alle Hilfe der Erfahrung zu gewinnendes Wissen allerdings gebe, daß sich dasselbe aber stets nur auf die erfahrbare Welt der Erscheinungen, niemals aber auf Dinge an sich beziehen dürfe. In diesem Sinne sprach Kant von einer M. der Erscheinungen, der Natur und der Sitten, in welcher a priori die Gesetze entwickelt werden sollen, nach denen sich alle Erscheinungen als Erzeugnisse der denkenden Vernunft richten müssen. —v merhin war damit der Anspruch der ehemaligen M., eine reine Vernunfterkenntnis der Dinge an sich zu sein, vernichtet, die ametaphysischen Wissenschafteny Ontologie, rationale U Rant in ih Kosmologie und Theologie wurden von Kant in ihrer Unhaltbarkeit klar dargethan, und alle spätern Versuche, sie wieder neu zu begründen, sind an der von Kant erwiesenen Unmöglichkeit gescheitert. (S. Philosophie.)

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 662Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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