FeedMichel Angelo
GeschichteBrockhaus 1882

Michel Angelo, mit seinem vollen Namen Michel Angelo Buonarrotti, einer der größten Künstler aller Zeiten, aus altem, aber unvermögendem Geschlecht, wurde 6. März 1475 zu Caprese geboren. Sein Vater, Podestä daselbst, gab nur ungern dem Drange des Knaben zur Kunst nach. M. erlernte die Malerei bei Domenico Ghirlandajo, damals dem ausgezeichnetsten Meister von Florenz. Lorenzo de' Medici, der sich seiner Erziehung mit persönlichem Interesse annahm, erkannte zugleich sein Talent fur die Bildhauerkunst, nahm ihn in sein Haus und ließ ihn durch Bertoldo, einen Schüler Donatellos, unterweisen. Dem plastischen Kreise gehören alle sichern Jugendwerke M.s an, so die beiden Reliefz Madonna an der Treppe und Centaurenschlacht, welche er noch vor seiner übereilten Flucht nach Bologna 1494 (er fürchtete als Freund des mediceischen Hauses die Verfolgung durch die siegreichen Gegner) meißelte, die Statuette am Grabmal des heil. Dominicus in Bologna und die Statue des hönignaschenden iugendlichen Johannes des Täufers, jetzt in Berlin. Die Statue des geflügelten schlafenden Amors, welche als Antike nach Rom verkauft wurde, ist verschollen. Sie gab Anlaß zu M.s Reise nach Rom, wohin er ging, um sich das Anrecht an sein Werk zu sichern. In Rom schuf er die großartig schöne Gruppe der Pieta (Peterskirche) und den trunkenen Bacchus, jetzt in Florenz. Die Statue des Apollo (Cupido 7), die er mit dem Bacchus für Jac. Galli gemeißelt hatte, ist verschollen. Nach Florenz 1500 zurückgekehrt, wandelte er einen verhauenen Marmorblock in die kolossale Davidstatue und arbeitete für einen flandrischen Kaufherrn eine Madonna (Brügge). Zugleich fertigte er die Zeichnung eines Kartons im Wettstreit mit Leonardo da Vinci für den großen Ratssaal des Regierungspalastes, die nur aus Kupferstichen bekannte Darstellung der durch feindlichen Angriff überraschten, im Arno badenden Krieger, bekannt unter dem Namen Les Grimpeurs. Während dieser Arbeit (1505) wurde M. durch Papst Julius II. nach Rom berufen, mit dem Auftrag, ein kolossales Grabmonument 1 entwerfen und auszuführen, das Julius sich selbst in der Peterskirche errichten wollte. Das Werk sollte mit einer großen Menge Statuen und Reliefs geschmückt werden; es geriet aber bald durch verschiedene Umstände ins Stocken. Nachmals neu aufgenommen und auf geringere Maße reduziert, wurde es wieder unterbrochen, bis es endlich in nochmals sehr verringertem Umfang 1545, lange nach des Papstes Tode, in der Kirche San-Pietro in Vincoli in Rom aufgestellt ward. Die Statue des Moses ist der vorzüglichste Schmuck dieses Monuments. Die erste Unterbrechung dieser Arbeit wurde durch Julius II. selbst herbeigeführt, indem dieser durch M. 1507 seine 1511 zerstörte Bronzestatue für Bologna ausführen ließ und dem Künstler hierauf die Ausschmückung der Decke der Sixtinischen Kapelle im Vatikan mit Freskomalereien übertrug. Ungern ging M. 1508 an diese Arbeit; aber er vollendete sie in der Frist von vier Jahren, und zwar ohne alle Beihilfe, und schuf in ihr das größte Werk seines ganzen Lebens. Durch Papst Leo X. erhielt M. den Auftrag zur Ausführung der Grabmonumente für Leos Bruder, Giuliano de' Medici, und für dessen Neffen Lorenzo, Herzog von Urbino, eine Arbeit, mit welcher M. bis 1534 beschäftigt war, und die unvollendet blieb. Die Monumente befinden sich in der Sakristei von San-Lorenzo zu Florenz und enthalten die Statuen der Genannten, unter denen besonders die des Lorenzo als Meisterwerk ersten Ranges betrachtet werden muß, sowie Sarkophage, welche mit den symbolischen Gestalten, der eine des Morgens und des Abends, der andere der Nacht und des Tages, geschmückt sind. Als M. sich an diese Grabmale begab, hatte er die Christusstatue fast vollendet, welche 1521 in der Kirche Sta. Maria sopra Minerva in Rom Aufstellung fand. Die Architektur der Sakristei von San-Lorenzo und die des unvollendeten Vestibuls der dortigen Bibliothek sind unter M.s frühern architektonischen Leistungen zu nennen. M.s Zeit war unter den Päpsten Julius II., Leo X. und Clemens VII. zwischen Rom, Florenz, Bologna und Carrara geteilt. Im Herbst 1529, als Florenz, welches die Medici vertrieben hatte und wieder aufzunehmen sich weigerte, von Papst und Kaiser mit Krieg über oleie wurde, übernahm M., ein warmer Patriot, obgleich seit früher Jugend mit den Medici eng verbunden, die Leitung der Befestigungs⸗ und Verteidigungsarbeiten. Im J. 1534 nahm M. für die übrige Zeit seines Lebens seinen Aufenthalt in Rom. Hier entwickelte er namentlich als Architekt eine große Thätigkeit. In dieser Beziehung sind Kiosterhef als nach seinem Entwurf ausgeführt, der Klosterhof von Sta.⸗Maria degli Angeli, die neue Anlage des Kapitols, Hof und Gesimse des Palastes Farnese u. a. zu nennen. Schon stand M. im höhern Mannesalter, als ihm Papst Paul III. das zweite große Werk im Fache der Malerei übertrug, das 20 m hohe GJerichts gemälde mit der Darstellung des Jüngsten Gerichts an der Altarwand der Sirxtinischen Kapelle. Dieses gewaltige Werk, das er 1534 —41 fertigte, führt der Auffassung nach mehr den Tag des Zorns als den ewiger Beseligung vor Augen. Christus erscheint durchaus als verurteilender Richter. Ein ergreifendes Pathos herrscht in den Gruppen, deren Figuren mit meisterhafter Charakteristik durchgeführt sind. Sie waren ursprünglich alle nackt; Paul IV. wollte deshalb das Bild herunterschlagen lassen. Als Auskunftsmittel mußte Daniel da Volterra die auffallendsten Blößen mit Lappen bedecken. Eine vorzügliche Kopie des Gemäldes, von M. Venusti unter des Meisters Augen gefertigt, befindet sich im Borbonischen Museum in Neapel. Gestochen haben es Ghisi und Metz. Ungefähr in dieselbe Zeit fallen noch zwei andere, doch kleinere, gegenwärtig sehr unscheinbare Freskobilder seiner Hand in der Paulinischen Kapelle des Vatikans. Das letzte große Werk seines Lebens, seit 1546, war der Bau der Peterskirche zu Rom. Seit Julius' II. Zeit war hier an der Stelle der alten Basilika des heil. Petrus unter Bramantes und anderer Direktion ein Neubau von großartigen Dimensionen unternommen, doch, bis M. die Leitung desselben erhielt, verhältnismäßig wenig gefördert worden. M. führte den Bau, trotz mannigfacher Hemmnisse, die auch ihm entgegentraten, so weit, daß unmittelbar nach seinem Tode die grandiose Kuppel, welche ihn bekrönt, nach seinem Entwurf vollendet werden konnte. Nach seinem Plane sollte die Kirche aus einem griech. Kreuz bestehen; später wurde ihr, nach Bramantes ursprünglichem Plan, die lat. Kreuzform gegeben, indem man unter Papst Paul V. ein langes Vorderschiff hinzufügte, welches dann Carlo Maderno 1614 mittels der nicht glücklichen Facade abschloß. Am 18. Febr. 1564 starb M., von ganz Rom tief betrauert. Seine Leiche wurde nach Florenz geschafft, wo sich über seinem Grabe, in der Kirche Sta.⸗Croce, ein würdiges Denkmal erhebt. M.s Werke sind der Ausdruck eines majestätisch-erhabenen Geistes, der, seiner Machtfülle sich bewußt, nur die Gesetze und Gebote seiner gewaltig angelegten Subjektivität anerkennt. Zur Tafel⸗ und Ölmalerei fühlte sich M. wenig gezogen. Das bestbeglaubigte Tafelbild aus seinen jüngern Jahren ist das Rundbild der heil. Familie in Ounse Dagegen haben nach seinen Zeichnungen Schüler mehrere Gemälde (Par51 u. a.) geschaffen. M. war nicht bloß Maler, ildhauer und Architekt, sondern auch Dichter. In seinen Versen erkennt man denselben hohen, schwungreichen Geist, zugleich aber auch eine innige Hingebung an das Ewige und Göttliche. Seine Gedichte wurden wiederholt herausgegeben, namentlich von seinem Neffen Michel Angelo dem Derande⸗ (Flor. 1623), der eine Menge willkürlicher Verände-d rungen in denselben anbrachte, endlich nach den Originalhandschriften von C. Guasti (Flor. 1863), und ins Deutsche übersetzt von Regis (Berl. 1842), von Harrys (Hannov. 1868) und Sophie Hasenclever (Lpz. 1875). Sein Leben beschrieben seine Schüler Vasari in den (Vite de' pittori etc.o und Ascanio Condivi in der Vita di Michel Angeloo (Rom 1553; Flor. 1746: Pisa 1823; deutsch von Valdeck, Bd. 6 der Quellenschriften für Kunstgeschichte und Kunsttechnik des Mittelalters und der Renaissancev, herausg. von Eitelberger, Wien 1874). Vgl. auch Harford. Life of Michel Angelo (2 Bde., Lond. 1857); „ Grimm, „«Leben Michel Angelos v (2 Bde., Pen 1860; 5. Aufl. 1880); A. Gotti, Wita i Michel Angelo Buonarrotio (2 Bde., Flor. 1875); Ch. C. Black, Michel Angelo Buonar. rotipv (Lond. 1874); C. Heath Wilson, WLife of Michel Angelop (Lond. 1876, auf Gotti fußend); A. Springer, WMichel Angelo in Rom 1508 — 12 (Ipz. 1875); derselbe, «Rafael und Michel Angeloo (pz. 1877; 2. Aufl., 2 Bde., 1883); G. Milanesi, Le Lettere di Michel Angelo Buonarroti, edite ed inediter (Flor. 1875); L. Passerini, La bibliografia di Michel Angelo Buonarrotis (Flor. 1875); Eliot Norton, History of the principal works relating to the life and works of Michel Angeloy (Cambridge 1879).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 696Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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