FeedMiniaturen
Bildende KunstBrockhaus 1882

Miniaturen nennt man kleine und feine Malereien für Ausschmückung von Handschriften, wobei hauptsächlich Minium (Mennige) gebraucht wurde. Diese Art von Malerei scheint in Agypten uralter Brauch gewesen zu sein, da auf manchen Papyrusrollen Ornamente und Figuren als schmückende Zugabe des hieroglyphischen Schrifttextes nicht zu verkennen sind; aber erst in Griechenland wurde daraus ein besonderer Kunstzweig, der sich nach Rom verpflanzte, wo man im Zeitalter des n Titter die Bücher der schönen wie der gelehrten Litteratur mit bildlichen Darstellungen zur Erläuterung des Textes ausmalen ließ. Später schöpfte Byzanz aus seinem Verkehr mit Persien und andern Ländern des Ostens frische Anregung für jegliche Art des dekorativen Kunstbetriebes und entwickelte sich hierin zu einer gewissen Selbständigkeit fort. Unter den bekannten Denkmälern der eigentümlich byzant. Miniaturmalerei darf das im Auftrag der Prinzessin Juliana Anicia um 505 zu Konstantinopel verfertigte, jetzt in Wien befindliche griech. Manuskript des Dioskorides als das früheste angesehen werden. Man erkennt hier durch die orient. Tünche die altröm. Grundgestalt noch deutlich hindurch, und selbst die spätern Werke dieser Art behalten bei zunehmender Verasiatierung einen Nachschimmer antiker Würde und Hoheit: die Kompositionen, die Gewandmotive, die breite Behandlung mit dem Pinsel in Guaschfarben bleiben im Gleise der antiken Manier. Hieraus erklärt sich der gewaltige Einfluß, welchen Byzanz ausübte, als sich jene Kunstthätigkeit von da nach Britannien, Frankreich und Deutschland verbreitete. Daß in Britannien schon früher eine rein einheimische, sog. «angelsächsischey Kunstübung gleicher Art stattgefunden und auf das Festland eingewirkt habe, ist eine Annahme der neuesten Kunsthistoriker, welche durchaus kein genügendes Zeugnis zur Gewähr hat. Die als Belege dazu angeführten Verzierungen in irischen und brit. Handschriften des 7. Jahrh. sind keine Miniaturmalerei, sondern Schönschreiberei; alles ist mit der Feder gemacht, wenn auch mit Farben gehöht, und das Dekorationssystem zwar sehr eigentümlich, aber ausschließlich kalligraphisch, wie in den gleichzeitigen fränk. Handschriften. Eigentliche M. finden sich in England und Frankreich nicht vor dem 8. Jahrh. Um diese Zeit kommen zu den nach Schreibmeisterart verzierten und illuminierten Initialen gemalte Einzelfiguren, namentlich die vier Evangelisten hinzu, und erst seit dem 9. Jahrh., als die in engl. und fränk. Klöstern errichteten Schreibschulen (Scriptoria) die Kalligraphen zu Miniatoren herangebildet hatten, bereichern sich die Bücherhandschriften mit Darstellungen ganzer Scenen. Die wichtigsten überreste der unter Karl d. Gr. und seinen Nachfolgern in Oet. Kule ausgeführten M. sind in Paris, Rom, St. Gallen erhalten, und die engl. Hauptdenkmale gleicher Art und Zeit befinden sich im Britischen Museum. Sie zeigen sämtlich die byzantinisierende Manier, die in der Behandlung der Figuren noch ziemlich ungeschickt und barbarisch, aber in der Ausschmückung der Anfangsbuchstaben und Ränder viel Sinn und Gefühl für das Ornamentistische wahrnehmen läßt. In Frankreich verwilderte die Miniaturmalerei sehr bald nach Karls des Kahlen Tode (877); in Deutschland dagegen, wohin sie vermutlich zunächst durch lothring. Mönche aus den Schulen zu Metz und Prüm, dann durch byzant. Künstler gebracht wurde, fand sie an den Fürsten des sächs. Kaiserhauses mächtige Gönner und in den dafür gegründeten Klosterwerkstätten sorgsame Pflege. Der Domschatz zu Hildesheim, die Bibliotheken in Bamberg und München bewahren aus der Zeit der Ottonen berühmt gebliebene Bilderhandschriften, welche den gleichartigen Werken der karolingischen Periode an Reichtum des bildlichen Schmucks nichts nachgeben und ebenfalls noch wesentlich byzant. Stilgepräge an sich tragen. Mit dem zweiten Jahrtausend beginnt in der Miniaturmalerei eine neue Richtung, welche die bisher gleichmäßig wiederholten byzant. Formen in mehr zeitgemäßem und volkstümlichem Sinne umzubilden sucht und sich allmählich zu einem Stil gestaltet, der auch hier, wie in der gleichzeitigen Baukunst, der «romanische genannt werden kann. Die Hauptkennzeichen des neuen Stils, wofür die Bibliotheken in Paris, München und Trier die interessantesten Beispiele aufzuweisen haben, sind die ungefüge Bewegung, die gleichsam mit Anstrengung sprechende Geberde, die ahe por Schwere. Die Technik ist mit dem 11. Jahrh. von der malenden Guaschbehandlung der karolingischen Epoche wieder zu der frühern zeichnenden und illuminierenden Behandlung zurückgegangen; die Umrisse werden mit der Feder vorgezeichnet und sodann von dem Pinsel mit flachen Farbentönen ausgetuscht. Später hatte man lieber Goldgründe, wobei man das Pergament nicht wie die Byzantiner einfach mit irgend einem Leim dünn bestrich, sondern förmlich grundierte, d. h. mit einem geleimten Kreidegrund überzog und auf diesem das Blattgold auflegte, welches dadurch ein gewisses Relief und nachher vermittelst einer leichten Polierung einen Glanz erhielt, der uns noch heute in Erstaunen setzt. Die Mönchsschulen, damals die einzigen Werkstätten für das Abschreiben und Ausmalen der Bücher, wetteiferten fortan in Hervorbringung von Handschriften, die sich durch kalligraphische Eleganz ebenso wie durch reichen Bilderschmuck hervorthaten und, prachtvoll eingebunden, bei den kostbarsten Kultusgeräten im Klosterschatz aufbewahrt, zuweilen auch in einem eigenen Bücherzimmer aufgestellt wurden. Von dem 13. Jahrh. an gehörten die Bücherabschreiber nicht mehr ausschließlich zu den Mönchen. Daher vermutlich das fortan sogar in der liturgischen und kanonischen Bücherausschmückung hervortretende satirische Element. Seit Mitte des 12. Jahrh. tritt ein abermaliger Stilwechsel ein, und zwar im Geiste jener Kunstrichtung, die man gewöhnlich die gotische zu nennen pflegt. Die byzant. Reminiscenzen werden jetzt, wenn auch nicht völlig aufgegeben, doch entschieden zurückgesetzt. Der Künstler folgt überwiegend seinen eigenen Antrieben, die ihn zum Anschluß an Natur und Wirklichkeit hindrängen. Mit Ausnahme von Gott Vater, Christus, Maria, Aposteln, Propheten und Patriarchen, für welche das herkömmliche idealische Kostüm noch beibehalten ist, erscheinen die andern Personen in der Zeittracht des darstellenden Künstlers. Die Figuren und Gewänder zeigen die lebhafte Bewegung, das mehr oder minder schlanke Verhältnis, das eigentümlich langgezogene und weich geschwungene Gefält der got. Skulpturen; in den Gesichtern und Geberden finden sich neben dem Typischen mehr aus dem Leben beobachtete Züge. An die Stelle der Goldgründe kommen entweder schachbrettartig mit Gold und Farben gefelderte oder tapetenartig mit buntem Blätter- und Blumenwerk gemusterte Hintergründe. Mit dem Anfang des 14. Jahrh. zeigt sich wiederum eine beträchtliche Verbesserung. Die illuminierten Federzeichnungen der Flachmalerei gestalten sich zu eigentlichen, nur mit dem Pinsel in Guaschfarben ausgeführten und mit Lichtern, Schatten, Halbtönen versehenen Gemälden. Die Motive sind ansprechend; die Körperverhältnisse bleiben noch überschlank, auch die Gewandmotive behalten den starken Schwung und die scharfen, magern Rippen der got. Skulpturen; das Kolorit, obschon noch sehr bunt, hat doch ein gefälliges Ansehen, und die Ausführung, obwohl noch schüchtern, ist stets sorgsam und zart durchgebildet. Die Schachbrett- und Tapetengründe ersetzt man, am frühesten in den Niederlanden, zunächst durch Zimmerräumlichkeiten, die schon einigermaßen vertieft sind, und wagt sich sodann, nachdem man im Kunstbetrieb zu größerer Selbständigkeit gelangt ist, an landschaftliche Hintergründe, in welchen bereits die Perspektive, wenn auch nur nach ungefährem Augenmaß, berücksichtigt wird. Seitdem mit allgemeinerer Verbreitung der Geisteskultur unter den Laien der Besitz zierlicher Andachts⸗ und Unterhaltungsbücher für die Gebildeten zur Sache des Geschmacks und bei den Großen des Luxus geworden war, beschäftigte die Handschriftenverfertigung nicht mehr allein die Mönche in den Klöstern, sondern auch eine Menge von Schönschreibern und Miniaturmalern in denHaupt- und Universitätsstädten. Namentlich war Paris dafür so berühmt, daß Dante in seinem großen Gedicht sich darauf bezieht. 1 In der letzten Hälfte des 14. Jahrh. hatten die Miniaturmaler ganz besondere Gönner an König Karl V. von Frankreich und an seinen beiden Brüdern, dem Herzog Johann von Berri und Philipp dem Kühnen, Herzog von Burgund, aus deren Büchersammlungen berühmte Prachtstücke, z. B. die zwei Horarien des Herzogs von Berri, in die große pariser Bibliothek übergegangen sind. Das immer stattlichere Aufblühen der großen Malerei in den Niederlanden und in Italien und die stete Zunahme der fürstl. Liebhaberei an Bilderhandschriften konnten natürlich für die weitere Durchbildung der Miniaturkunst nicht ohne Wirkung bleiben. Die Behandlung wird freier und naturwahrer, die Umrisse der Figuren haben Weichheit und Anmut. Die Auswahl und Anordnung der Gegenstände, die feinere Formengebung und Gewandung, die geschmackvollen Ornamente deuten auf das völlige Heranwachsen dieses Kunstzweigs. Weit und breit berühmte Manustripte: das Missal des Herzogs von Bedford, im Britischen Museum, das Brevier desfelben Herzogs, in der großen pariser Bibliothek, das Gebetbuch der Anna von Bretagne, im Louvre, die Bibel des Matthias Corvinus, Königs von Ungarn, im Vatican, u. s. w., beweisen, wie ausnehmend Treffliches die Miniaturmalerei in den Niederlanden, in Frankreich und Italien während des 15. Jahrh. leisten konnte, dessen zweite Hälfte besonders tüchtige Meister zählt, Jean Fouquet von Tours, Gherardo und Attavante von Florenz, Girolamo von Verona, u. s. w. Die Erfindung der Buchdruckerkunst that freilich der Miniaturmalerei empfindlichen Schaden, tötete sie aber nicht mit Einem Schlage. Von den ersten xylographischen Bilderbüchern, von der «Armenbibelo, dem „Heilsspiegelo, der Ars moriendis u. s. w. gab es außer den gewöhnlichen Eremplaren auch solche, wo die Holzschnitte von Illuministen ausgemalt waren, und in noch kostbarern Drucken auf Pergament geschah dies Ausmalen mit Deckfarben, aufgehöhten Lichtern und Gold, nach Art der Miniaturhandschriften, sodaß sie auf den ersten Anblick dafür gehalten werden konnten. In den ersten typogr. Bücherdrucken war oft das Titelblatt prachtvoll ausgemalt und wurden auf den Blattseiten weiße Stellen gelassen für den Illuministen, indem man bloß am Rande mit einem Kapitälchen den großen Anfangsbuchstaben, den er zeichnen und malen sollte, andeutete. Später wurde die Miniaturmalerei noch lange für die Versorgung fürsll. Bibliotheken mit Prachtmanuskripten in Anspruch genommen und überhaupt in ihrem Fortgang so wenig gehemmt, daß sie erst zu Anfang des 16. Jahrh. den freiesten Besitz aller technischen Mittel erlangte und damit ihre vollkommensten Leistungen hervorbrachte: das Brevier des Kardinals Grimani, von dem Genter Gerhard Horebout ausgemalt, in der Markusbibliothek zu Venedig, und das Meßbuch des Kardinals Farnese, ein Meisterwerk des Giulio Clovio, in der Bibliothek zu Neapel. Indes auf die Länge vermochten die Miniaturmaler nicht, sich des vereinigten Andrangs der Buchdrucker, Holzschneider und Kupferstecher zu erwehren; sie verloren ihre letzten Kunden und mußten sich zum Malen von Bildnissen, Dosendeckeln u. dgl. bequemen. Hieraus entstand im 17. Jahrh. eine neue Gattung Klein⸗ und Feinmalerei, die von jenen frühern Malereien in Bücherhandschriften den Namen Miniaturmalerei erhielt. Man gebraucht dazu sehr feine, mit Gummiwasser angemachte Farben, die bloß mit der Pinselspitze in Pünktchen oder Strichelchen aufgetragen werden. Gewöhnlich punktiert oder strichelt man nur das Nackte, und behandelt das übrige, Gewänder und Hintergründe, nach herkömmlicher Guaschmanier; bisweilen wird aber auch die ganze Arbeit punktiert oder gestrichelt. Man malt solche M. auf feinkörnigem, starkgeleimtem Papier oder auf besonders zubereitetem Holz, mitunter auch auf Email, am häufigsten aber auf Elfenbein und Pergament. Durch die Erfindung der Photographie ist diese Art Miniaturmalerei sehr in Abnahme geraten und beinahe ganz verschwunden. Vgl. Ballard, «Traité de miniaturey (CLyon 1672; nachher öfters unter dem Titel Ecole de la miniaturen, Par. 1782 u. 1816; deutsch, Nürnb. 1688). Eine typogr. Nachbildung mittelalterlicher Werke mit Miniaturenschmuck ist das von Heinrich Reiß in Wien 1861 gedruckte Missale romanumy; dieser (1872) sowie sein Nachfolger Ludwig Lott veröffentlichte auch cSammlungen der schönsten Miniaturen des Mittelalterso in chromoxylographischen Nachbildungen.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 748Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 5

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Bildende Kunst 6