FeedMinnesinger
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Minnesinger werden mit besonderer Betonung des von ihnen behandelten Inhalts die deutschen Lyriker des 12. und 13. Jahrh. genannt. Die Wiege der deutschen Lyrik wie des volksmäßigen Epos ist Osterreich, genauer begrenzt Oberösterreich. Sie entsproß zunächst aus doppelter heimischer Wurzel, einer geistlichen und einer weltlichen, der aber bald vom Rhein her mit bestimmendem Ein⸗ „fluß eine dritte, ausländische, französische sich gesellte. Gesungen zwar hatte das Volk schon seit langen Jahrhunderten, aber immer noch war sein Lied ein episches, ein erzählendes, und zwar nicht .nur, wenn es Thaten und Schicksale der Vergangenheit berichtete, sondern auch, wo es Ereignissen und Zuständen der Gegenwart diente, wo es Feste, „Hochzeiten, Tänze und, von geistlicher Hand aus⸗ „gehend, Kreuz-und Pilgerfahrten, See⸗ und Kriegsezüge, Gottes⸗ und Heiligendienst begleitete. Aber eben diese Berührung mit der Gegenwart gab dem Ausdrucke der subjektiven Stimmung und Empfindung Raum und führte dadurch allmählich hinüber zur Lyrik, die auch früh schon in lat. oder in halb lat., halb deutschem Gewande von fahrenden (wandernden) Geistlichen geübt wurde, welche die Fürstenhöfe suchten und dort, um zu gefallen, weltliche Lieder dichteten. Diesem Ursprunge entsprechen deutlich die ältesten erhaltenen Dichtungen Dietmars von Eist (nordöstlich von Linz, 1143—70), des von Kürenberg (dessen Burg einst eine Stunde oberhalb Linz an der Donau stand), des Burggrafen von Regensburg, Meinlos von Sevelingen (aus Söflingen bei Ulm) und des fahrenden Sängers Spervogel. Minne, Sommerlust und Winterleid, Lob oder Tadel der Herren bilden ihren gewöhnlichsten Inhalt; aber die Darstellung liebt noch epische Einkleidung in erzählender Schilde—⸗ rung von Begebnissen und Zuständen, in Selbstgespräch und Zwiegespräch oder in sprichwörtlich gedrungener Kürze, und Vers- und Strophenbau erscheinen noch in der alten epischen Einfachheit. Während diese Anfänge der neuen Sangeskunst in Oberdeutschland rasch emporwuchsen, kamen aus den Maasgegenden und durch sie vermittelt auch aus dem übrigen Frankreich nach Deutschland herüber neue Muster der Lyrik, welche stark auf den Inhalt, noch stärker auf die Form, die musikal. Begleitung und die Musikinstrumente wirkten. Als unmittelbare Wirkungen des franz. Einflusses traten mit Bestimmtheit hervor das mehrstrophige Lied an Stelle des ältern nur einstrophigen, der strengere Bau des Verses; ferner der zehn-oder elfsilbige Vers, reichere Gliederung der Strophe, entschiedenes übergewicht bloß minniglicher Stoffe und rein lyrische Weise der Auffassung mit Verdrängung des epischen Elements. Dichter dieser Üübergangsstufe sind gegen Ende des 12. Jahrh. der Limburger Heinrich von Veldeke, den die spätern als den Vater ihrer Kunst betrachten, der Pfälzer Friedrich von Hausen, die Thüringer von Kolmas und Heinrich von Morungen und die beiden Schwaben Heinrich von Rucke und Ulrich von Gutenberg. Das 13. Jahrh. führte die lyrische Kunst zur höchsten, aber nur kurzen Blüte. Die alte heimische Kunstüberlieferung mit der neuen französischen verschmelzend, schritt man fort zur lebendigsten, klängreichsten Mannigfaltigkeit der Reime, Verse und Strophen; die kältere, mehr verstandesmäßige franz. Liebesdichtung ward durch das deutsche Gemüt erweitert und vertieft, und das gesellige Leben an den Herrenhöfen bot dem dichterischen Frauendienst die vollste, dankbarste Anregung. Doch nicht der Frauendienst allein beschäftigte die Dichter, wenngleich einige der bedeutendern, wie Heinrich von Veldeke, Heinrich von Morungen, Reinmar der Alte, Gottfried von Neifen, Ulrich von Lichtenstein und alle Fürsten, die sich im Liede versuchten, nur von Minne sangen. Abweichend von den Franzosen, die fast nur Minnesang kannten, zogen dagegen andere Dichter, und darunter gerade die größten Meister, Hartmann von Aue, Walther von der Vogelweide u. a. m., auch die übrigen Kreise des Lebens in ihren Bereich und behandelten in ihren Liedern auch sittliche, religiöse und polit. Verhältnisse, feierten die Gunst der Fürsten und Herren, schalten ihre Kargheit und beklagten ihren Tod, sodaß die Gesamtheit ihrer Stoffe in drei große Abteilungen sich bringen läßt, in Frauen⸗, Gottes-⸗ und Herrendienst. Conversations-Lexikon. 13. Aufl. XI. Hiermit in einem gewissen Zusammenhange stehen die drei damals gebräuchlichen lyrischen Hauptformen: Lieder, Leiche und Sprüche. Unter Liedern verstand man jetzt gewöhnlich eine Folge von Strophen desselben, in der Regel dreiteiligen Baues und derselben Melodie, und brauchte sie vorzugsweise im Minnesange, doch auch in Gottes- und Herrendienst und zur Begleitung des Tanzes. Unter Leiche dagegen verstand man eine Folge verschiedener, in der Regel zweiteilig gebauter Strophen mit verschiedener Melodie (das, was man heutzutage durchkomponiert nennen würde) und brauchte sie gewöhnlich zur Begleitung des Tanzes, doch auch für religiöse Stoffe. Sprüche endlich, eine den Franzosen unbekannte Form, waren einzeln stehende größere, fast nur in Gottes⸗ und Herrendienst gebrauchte und nicht notwendig aus symmetrischen Teilen bestehende Strophen, die recitativisch hergesagt wurden und deshalb keiner musikalischen Begleitung bedurften. Besonderer Erwähnung verdient eine eigentümlich reizvolle Gattung des Liedes, die Tagweise oder das Taglied, welche das herbe Scheiden zweier Geliebten bei Tagesanbruch schilderte. Schon Dietmar von Eist und Heinrich von Morungen hatten deren gedichtet; Wolfram von Eschenbach vervollkommnete sie, indem er nach franz. Muster eine dritte Person, den mahnenden Wächter, einführte, wohl sicher im Widerspruch mit dem wirklichen Leben, das, wenigstens in Deutschland, schwerlich dies Verhältnis in solcher Ausbildung zeigte. Eine so ausgebildete Technik setzt natürlich ein Erlernen, eine kunstgerechte Unterweisung voraus. Aber eben nur kunstgerecht war die Belehrung, nicht schulgemäß, d. h. es gab noch keine eigentlichen Gesangsmeister, keine Schulen der Dichtkunst, sondern die Söhne der Ritter, häufig nachgeborene Söhne des niedern Dienstadels, lernten neben andern Gegenständen der höfischen Bildung, neben andern Tugenden oder «frumikeiteno, wie man es damals nannte, von ihren Erziehern, von Geistlichen oder Spielleuten, auch die Kunst des Gesangs, der Musik und des Dichtens. Daher bezeichnet die öfters vorkommende Benennung Meister in dieser Zeit nicht einen Lehrer der Dichtkunst, sondern nur einen Dichter, der seine Kunst mit solcher Meisterschaft übte, daß er andern zum Vorbilde dienen konnte. Daher erscheint auch in den Gedichten selbst nicht eine schulmäßige Abhängigkeit vom Lehrer, vielmehr war es Regel, daß jeder Dichter neu sein müsse im Finden, daß er für jedes Lied, für jeden Leich sowohl Wort (Text oder Inhalt) als don oder wise (Melodie) selbst erfinden müsse, wodurch ihm die Entlehnung von andern und wiederum andern die Entlehnung von ihm abgeschnitten und eine Mannigfaltigkeit der Formen bedingt wurde, die zuletzt notwendig zur Üüberkünstelung führte. Denn selbst die eigenen doene und wise pflegte jeder Dichter nur einmal zu brauchen; den Sprüchen allein war Wiederholung gestattet. Seine Lieder und Leiche sang der Dichter selbst, begleitet gewöhnlich durch Saitenspiel, am häufigsten durch die Fiedel oder Geige. Von ihm lernten sie die fahrenden Spielleute, die aus dem Vortrage von Gedichten ein Gewerbe machten, und trugen sie durch mündliche überlieferung von Burg zu Burg, ja weit über die Grenzen des Deutschen Reichs hinaus und pflanzten sie fort auf die kommenden Geschlechter. Daneben war Mitteilung der Gedichte durch schriftliche Aufzeichnung nur im beschränkten Maße erforderlich und üblich, auch wegen der Melodien schwieriger und gleichwohl nicht ganz ausreichend; erst als die Kunst gegen Ende des 13. Jahrh. verfiel und die Gelehrsamkeit in ihr überhand nahm, kam das Schreiben mehr in Gebrauch, während einige der ausgezeichnetsten ältern Dichter, wie Wolfram v. Eschenbach, nicht einmal zu schreiben verstanden. Doch legten sich die fahrenden Spielleute auch schriftliche Sammlungen an, weil ihnen die Menge der Gedichte für das Gedächtnis allein zu mächtig und zu bunt war; und aus solchen Büchern der Fahrenden gingen dann, zum Teil erst nach dem Untergange des Minnegesangs, mehrere der noch erhaltenen umfassenden Handschriften hervor, denen man die heutige Kenntnis jener Gedichte allein verdankt und von denen die wichtigsten sind: die heidelberger Liederhandschrift (herausg. von Pfeiffer, Stuttg. 1844), die benediktbeurer zu München (Carmina Buranav, herausg. von Schmeller, Stuttg. 1847), die weingartner zu Stuttgart (herausg. von Pfeiffer und Fellner, Stuttg. 1843) und die reichhaltigste von allen, die sog. Manessische Handschrift. Die Zahl der lyrischen Dichter im 13. Jahrh. muß sehr groß gewesen sein, denn es sind sogar in den Handschriften noch über anderthalbhundert Namen überliefert, neben manchen herrenlosen oder untergeschobenen Gedichten. Am fruchtbarsten blühte diese Lyrik in Schwaben; die größte Begünstigung fand sie an den Höfen der österr. Herzöge zu Wien und der thüring. Landgrafen zu Eisenach, endlich noch, als sie bereits dem Untergange sich zuneigte, an den Höfen in Dänemark, Pommern, Brandenburg, Böhmen und Schlesien. Reinmar von Hagenau, auch der Alte genannt, ein Elsässer, der sich am österr. Hofe aufhielt und schon vor 1210 starb, wandelte zwar noch in den Fußstapfen Heinrichs von Veldeke, übertraf ihn aber durch Feinheit der Empfindung, Richtigkeit des Ausdrucks und Fruchtbarkeit. Um zwei Jahrzehnte überlebte ihn der größte Meister und der Vollender der mittelalterlichen deutschen Lyrik, Walther von der Vogelweide. Neben beiden glänzten auch durch lyrische Gedichte die drei größten Meister der höfischen Epik, der klare Hartmann von Aue, der prächtige Gottfried von Straßburg und der tiefsinnige Wolfram von Eschenbach. Von den übrigen bis zur Mitte des Jahrhunderts verdienen hervorgehoben zu werden: Graf Otto von Botenlauben, ein Henneberger, Ulrich von Singenberg, det han zu St. Gallen, der sich nach Walther gebildet hatte, Christian von Hamle, die Schwaben Grottfried von Neifen, Schenk Ulrich von Winterstetten und Burkart von Hohenfels, die Bayern Hildebold von Schwanegau und Reinmar von Brennenberg, die Schweizer Walther von Klingen und Heinrich von (Hohen) Sar im Rheinthal, die Tiroler Leuthold von Seven und Walther von Metz und der Steier-Den Eintritt einer neuen Richtun ichr Reinmar von Zweter, ein Mbemnlander, DWaher in Ssterreich aufwuchs und später gern am böhm. Hofe lebte. Außer einem geistlichen Leich hat er kein Lied, aber einige hundert Sprüche gedichtet und diese alle in einer und derselben Strophe, dem später sog. Frau-Ehren-Ton. Von dem Minnesang sich gänzlich abwendend, behandelte er in seinen Sprüchen neben persönlichen Beziehungen auch die öffentlichen Verhältnisse von etwa 1230 bis gegen 1260, ernst und besonnen, aber in nüchterner Weise, ohne poetischen Schwung. Noch tiefer stand das dichterische Vermögen, noch minder zeigte sich Innigkeit des Gemüts bei den meisten Spätern. Selbst der bedeutendste von ihnen, Konrad von Würzburg, der in der erzählenden Gattung noch Achtungswertes leistete, vermochte bei aller Gewandtheit in der Form doch den entflohenen Geist der lyrischen Dichtung nicht mehr zurückzurufen. Allein noch eine andere Art der Lyrik war neben der rein höfischen erwachsen, eine volksmäßige, die zwar auch am Hofe ihre Üübung und Begünstigung fand, aber ihre Stoffe und zum Teil auch ihre Formen dem Volksleben entnahm. Ihr Hauptvertreter, vielleicht auch ihr Erfinder war Neidhart, ein bayr. Ritter am Hofe zu Wien, der ungefähr von 1210 bis gegen 1240 dichtete. Er führte das Leben und Treiben der Bauern mit Humor, aber auch derben Zügen, den feinern Kreisen zur Unterhaltung vor. Noch gegen Ende des Jahrhunderts ward diese Richtung durch den thurgauischen Ritter Steinmar und durch den züricher Meister Johann Hadlaub gepflegt, die jedoch dem nahen, zu wirklicher Roheit und grober Sinnlichkeit führenden Abwege nicht entgingen. So war mit dem Schluß des 13. Jahrh. der eigentliche Minnesang verstummt und die Pflege der lyrischen Poesie ging in die Hände der Meistersinger über. Über die Entwickelung und Geschichte der deutschen mittelalterlichen Kunstlyrik vgl. W. Wackernagel in seinen «Altfranz. Liedern und Leichenv (Bas. 1846) und Uhland in seiner Abhandlung „Der Minnesange (in &Schriften zur Geschichte der Dichtung und Sagen, Bd. 5, Stuttg. 1870), ferner Scherers „Deutsche Studien» (Heft 2, «Die Anfänge des Minnesangso, Wien 1874) und Lyon, „(Minne⸗ und Meistersango (Lpz. 1882). Alle in den verschiedenen Handschriften erhaltenen Gedichte hat von der Hagen in seinen „Minnesängerno (4 Bde., Lpz. 1838) zu sammeln versucht und Lebensbeschreibungen der Dichter hinzugefügt. Eine geschmackvolle Auswahl lieferte Bartsch, «Deutsche Liederdichter des 12. bis 14. Jahrh.» (Lpz. 1864; 2. Aufl. 1879). Eine kritische Ausgabe der ältern und bedeutendern M. erschien als «Des Minnesangs Frühling (Lpz. 1857; 3. Aufl. 1882) durch Lachmann und Haupt. Schätzenswert sind Tiecks neuhochdeutsche übersetzungen ( Minnelieder aus dem schwäb. Zeitalter», Berl. 1803); ferner die von Simrock (Elberf. 1857) und Storck ((Buch der Lieder aus der Minnezeito, Münster 1872).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 752Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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