FeedMißbildung
HeilkundeBrockhaus 1882

Mißbildung (Monstrositas) nennt man in der Tieranatomie diejenige Abweichung von der normalen Bildung des Organismus, welche eine Entstellung oder eine abnorme Lage oder eine Behinderung der Funktion der Organe bedingt und sich in ihrer Entstehung auf eine Störung der ersten Bildung zurückführen läßt (Bildungsfehler, Vitium primae formationis). Mit dem Namen der M. bezeichnet man aber nicht bloß die betreffende Abweichung von der äußern Form und Bildung, sondern häufig auch den durch eine solche Anomalie entstellten Fötus (Mißgeburt, monstrum), welcher entweder infolge unvollkommener Entwickelung und Verkümmerung lebenswichtiger Organe der Lebensfähigkeit entbehrt oder nur gewisse Funktionsstörungen einzelner Körperteile darbietet. Man unterscheidet Mißgeburten mit überzähligen oder außerordentlich stark ausgebildeten Gebilden, z. B. Hände mit sechs Fingern u. dgl. (monstrositates per excessum), solche, an denen einzelne Teile, z. B. Gehirn, Gliedmaßen, Eingeweide, fehlen (monstrositates per detectum), und endlich solche mit falscher Lagerung der Organe, z. B. das Herz auf der rechten Seite, die Leber links (monstrositates per situm transversum). Die Fälle, wo zwei Früchte in der Weise verwachsen sind, daß z. B. nur ein Leib, aber zwei Köpfe, ein Kopf und mehr oder minder vollständig zwei Leiber vorhanden, bezeichnet man als Doppelmißgeburten. Am häufigsten findet sich die mangelhaft ausgebildete Frucht, und gerade diese ist es, von deren Bildung man sich Rechenschaft geben kann. Man hat in vielen M. nur halbfertige, auf einer frühen Stufe der Entwickelung stehen gebliebene Früchte erkannt. So weiß man z. B., daß sich das Gesicht aus mehrern, von beiden Seiten der Wirbelsäule einander entgegenwachsenden Bogen bildet, die schließlich miteinander verschmelzen; geschieht dies nicht, so bleibt die Lippe, selbst der Rachen der Länge nach gespalten und stellt so die Hasenscharte und den Wolfsrachen dar. In andern Fällen führen eigentümliche Lagerungsverhältnisse der Frucht im Fruchthalter Verstümmelungen herbei. So kann die Umschlingung eines Beins oder Arms mit der Nabelschnur oder gewissen Teilen der Eihäute eine Verkümmerung, selbst eine völlige Amputation des Gliedes herbeiführen. Diese Art der M. nennt man nach ihrer Entstehung auch Hemmungsbildungen. In früherer Zeit schrieb man die Entstehung solcher und anderer Mißgeburten gern dem sog. Versehen der Schwangern zu. Es hat sich indes herausgestellt, daß die Entwickelung der Frucht in den allermeisten Fällen schon viel früher unterbrochen gewesen sein muß, als zu der Zeit, zu welcher das Versehen stattgefunden haben soll. Immerhin ist aber die Vermutung nicht völlig in Abrede zu stellen, daß Gemütserregungen (Schreck, Sorgen) der Mutter in so früher Zeit Einfluß auf den Entwickelungsgang der Frucht haben können. Weit sicherer können krankhafte Veränderungen der Zeugungsstoffe, allgemeine oder örtliche Krankheiten der Mutter, äußere mechan. Einwirkungen (Stoß, Schlag, Fall auf den Unterleib), ferner Entartungen der Eihäute und gewisse, namentlich entzündliche Krankheiten des Embryo selbst als erste Ursache einer abnormen Entwickelung der Frucht bezeichnet werden. Die Lehre von den M. wird als Teratologie bezeichnet. Litteratur. Förster, Die M. des Menschenv (nebst Atlas, Jena 1861); Gurlt, Küber tierische M.v (Berl. 1877); Ahlfeld, Die M. des Menscheno (2 Abschn. mit Atlas, Lpz. 1880 -82).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 764Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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