FeedMüller (Johs. von)
ReligionBrockhaus 1882

Müller (Johs. von), berühmter deutscher Geschichtschreiber, geb. als Sohn eines Pfarrers 3. Jan. 1752 zu Schaffhausen, besuchte das dortige Gymnasium, studierte in Göttingen Theologie und Geschichte, wurde 1772 Professor der griech. Sprache am Gymnasium seiner Vaterstadt, 1774 Privatlehrer zu Genf. Aus seinen Vorlesungen in einem Privatzirkel zu Genf im Winter 1777 über die Universalhistorie entwickelten sich seine 24 Bücher allgem. Geschichter (3Bde., Tüb. 1811 u. öfter). Das Hauptwerk dieser Zeit aber war der erste Band seiner 4Geschichte der Schweizer 5. (Bern 1780). Eine Reise nach Berlin, wo er eine Anstellung hoffte, blieb ohne Erfolg. Dagegen verschaffte ihm der General und Staatsminister von Schlieffen die Professur der Statistik am Collegium Carolinum zu Kassel, die er im Mai 1781 antrat. Um diese Zeit veranlaßten ihn Josephs II. Staatsreformen zur Herausgabe der «Reisen der Päpste (1782), worin die Hierarchie als Schutzwehr der Völker gegen fürstl. Gewaltherrschaft dargestellt wird. Wiewohl M. in Kassel 1782 die Anstellung als zweiter Bibliothekar erhielt, nahm er doch 1783 seine Entlassung, um bei seinem alten Freunde Rob. Tronchin in Genf seine «Schweizergeschichtefortzusetzen. Bald aber zog er sich 1784 auf Bonstettens Landsitz Valeires und von da an im Sommer 1785 nach Bern zurück. Im Febr. 1786 wurde er von dem Kurfürsten Karl Joseph von Mainz als Hofrat und Bibliothekar in Mainz angestellt, wo er die neue Ausgabe des ersten und den zweiten Band der &Schweizergeschichtes zu Stande brachte. Obgleich reform. Protestant, wurde er vom Kurfürsten 1787 wegen Dalbergs Wahl zum Koadjutor nach Rom gesendet und im Winter darauf in der Kabinettskanzlei angestellt, 1788 zum Geh. Legationsrat, bald nachher aber zum Geh. Konferenzrat ernannt. Außer der Fortsetzung seiner «Schweizergeschichtes veröffentlichte er damals die „Darstellung des Fürstenbundes » (Lpz. 1787), «Briefe zweier Domherreno» (Frankf. 1787) und «Erwartungen Deutschlands vom Fürstenbundey (Frankf. 1788). Später ernannte ihn der Kurfürst zum Direktor der kurrhein. Kreisakchive, worauf auch der Kaiser ihn im Jan. 1791 zum Edeln von M. zu Sylvelden und zum Reichsritter erhob. Bei seiner Rückkehr von einer Reise nach Wien im Okt. 1792 fand er Mainz in franz. Händen, kehrte daher nach Wien zurück und trat hier als Wirklicher Hofrat in die Geheime Hof- und Staatskanzlei ein. Da sein Widerstand gegen einen Religionswechsel ihm jede Aussicht auf Beförderung verschloß, so übernahm er im Herbst 1800 die Stellung des ersten Custos bei der kaiserl. Bibliothet, verließ aber Wien 1804, als ihm nach van Swietens Tode die Präfektur der Bibliothek vorenthalten und zugleich die Fortsetzung des Drucks der «Schweizergeschichtes sogar im Auslande untersagt wurde, und trat in Berlin als Historiograph in preuß. Dienste. Neben seinen Privatstudien und den Abhandlungen für die Akademie beschäftigten ihn hier teils die Herausgabe der Herderschen Werke, zu denen er namentlich die Geschichte des Cid lieferte, teils der vierte Band der 4Schweizergeschichten (1805) und die neue Ausgabe der drei ersten Bände (1806). Nach der Schlacht bei Jena ließ sich M., infolge einer Unterredung, zu welcher ihn Napoleon 20. Nov. 1806 berief, für diesen gewinnen, eine Umwandlung seiner bisherigen polit. Ansichten, welche ihm, in Verbindung mit der Rede, die er 29. Jan. 1807 in der Akademie De la gloire de Frédérice hielt, mit Recht mehrfache bittere Anklagen zugezogen haben. Aus dem preuß. Staatsdienste verabschiedet, war M. auf dem Wege nach Tübingen, wohin er einen Ruf als Professor erhalten hatte, als ihn ein franz. Kurier mit dem Befehl Napoleons erreichte, schleunigst nach Fontainebleau zu kommen. Hier wurde er zum Minister-Staatssekretär für das neue Königreich Westfalen bestimmt. Er trat im Dez. 1807 seine neue Stellung an, der ihn aber König Jéröme schon am 21. Jan. 1808 unter Beförderung zum Generaldirektor des Unterrichts enthob. M. starb zu Kassel 29. Mai 1809. König Ludwig I. von Bayern ließ ihm als Kronprinz auf dem Kirchhofe zu Kassel ein Denkmal errichten. Eine seltene Vereinigung von eisernem Fleiße und schöpferischer Phankasie, umfassender Gedächtniskraft und glühender Empfindung wurden an ihm bewundert. Das Verdienst seiner „Schweizergeschichter ist allgemein anerkannt, wenn es auch durch ihre kritischen Mängel, durch die einer ungleichen Darstellung und einer rauhen und abgebrochenen, oft schwerfälligen und dunkeln Sprache verringert wird. Jetzt ist das Werk inhaltlich veraltet. Die Fortsetzung seiner «Schweizergeschichte v lieferten Glutz⸗-Blozheim, Joh. Jak. Hottinger, Vulliemin und Monnard (Bd. 5, Abteil. 2, bis Bd. 15, Zür. 1816—53). M.s Sämtliche Werker 2 Bde., Tüb. 1810—19; neue Folge, 40 Bde., Stuttg. 1831—35) wurden von seinem Bruder, dem Oberschulherrn und Professor Johann Georg M. zu Schaffhausen (geb. 1759, gest. 20. Nov. 1819), und seine Briefe an seinen ältesten Freund in der Schweizy Zür. 1812) von J. H. Füßli herausgegeben. Vgl. M.s Biographien von Heeren Epz. 1809), Wachler (Marb. 1809; auch in den (Biographischen Auffätzen», Lpz. 1835), Woltmann (Berl. 1810), Roth (Sulzb. 1811), Windischmann (Winterth. 1811), Döring (Zeitz 1835).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 917Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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