FeedMünchhausen
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Münchhausen (Karl Friedrich Hieronymus, Freiherr von), aus der sog. Weißen Linie des Hauses, geb. 1720 auf dem väterlichen Gute Bodenwerder im Hannoverschen, war in seinen jüngern Jahren Kavallerieoffizier in russ. Diensten und lebte später auf seinem Gut, wo er auch 1797 starb. Er liebte es, höchst wunderbare und unglaubliche Kriegs⸗, Jagd⸗ und Reiseabenteuer als wirklich selbsterlebte im Freundeskreise zu erzählen und hatte sich dadurch weit und breit einen Namen gemacht. Noch bei seinen Lebzeiten (1785) erschien zu London unter dem Titel Baron M.'s narrative of his marvellous travels and campaigns in Russiay, eine Sammlung von Lügengeschichten. Diese Sammlung rührt von dem als Mineralog und Altertumsforscher nicht unbedeutenden, seiner Zeit auch durch belletristische Produktionen bekannten ehemaligen kasseler Professor und Bibliothekar R. E. Ra spe (geb. 1737, gest. 1794) her, der, nachdem er die ihm anvertrauten Kunst⸗ und Münzsammlungen bestohlen hatte, 1775 nach Londen geflohen war und sich dort mit Schriftstellerei beschäftigte. Nach der vierten engl. Ausgabe erschien die erste deutsche übersetzung von dem Dichter Bürger 1787 zu Göttingen, welcher 1788 eine vermehrte Auflage mit verschiedenen Zuthaten des übersetzers und wahrscheinlich auch Lichtenbergs folgte. Man vergleiche darüber sowie überhaupt über M. und das nach ihm genannte Buch Ellißens Einleitung zu „Des Freiherrn von M. wunderbare Reisen und Abenteuer» (10. Aufl., Gött. 1870). Eine mißlungene Fortsetzung des Raspe-Bürgerschen Buchs lieferte Schnorr (3 Bde., Stendal 1794—1800). Nach M. nennt man noch jetzt alle grotesk-komischen Aufschneidereien Münchhausiaden.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 931Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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