FeedMurat (Joachim)
GeschichteBrockhaus 1882

Murat (Joachim), König von Neapel, Marschall von Frankreich, Schwager Napoleons I., war der Sohn eines Gastwirts zu Bastide bei Cahors im Depart. Lot und wurde daselbst 25. März 1771 geboren. Er kam in das Collége zu Cahors, studierte Theologie in Toulouse, entsagte aber dem geistlichen Stande und trat als Freiwilliger bei der Ardennenarmee ein. Wegen Ungehorsam mit Strafe bedroht, verließ er die Fahne und ging nach Paris, wurde in die konstitutionelle Garde Ludwigs XVI. aufgenommen und nach ihrer Auflösung als Unterlieutenant in ein Jägerregiment zu Pferde versetzt. Er hatte es bereits zum Obersten gebracht, als er 1794 mit dem Sturze der Schreckensregierung ausscheiden mußte. Nach den Ereignissen vom 13. Vendémiaire (5. Okt. 1795) wieder angestellt, ging er unter Bonaparte zur Armee in Italien. Im Mai 1796 überbrachte er dem Direktorium die eroberten Fahnen und wurde dabei zum Brigadegeneral befördert. M. zeichnete sich in den folgenden Schlachten aus und begleitete 1798 Bonaparte nach Agypten. Bei Abukir 25. Juli 1799 wurde er Divisionsgeneral, kehrte dann mit Bonaparte nach Frankreich zurück und leistete demselben am 18. Brumaire wichtigen Beistand, indem er zu St.Cloud an der Spitze von 60 Grenadieren den Rat der Fünfhundert auseinander trieb. Bonaparte vertraute ihm den Befehl über die Konsulargarde und verheiratete ihn 20. Jan. 1800 mit seiner jüngsten Schwester Carolina. Beim Aufbruch der Reservearmee nach Italien befehligte M. die Kavallerie und 1801 das Beobachtungsheer, später wurde er Gouverneur der Cisalpinischen Republik, Für das Depart. Lot trat er 1803 in den Gesetzgebenden Körper, und im Jan. 1804 wurde er Gouverneur von Paris. Bei Errichtung des Kaiserreichs wurde M. Marschall, kaiserl. Prinz und Großadmiral. Im Kriege von 1805 führte er die Reservekavallerie, verfolgte nach der Kapitulation von Ulm den Erzherzog Ferdinand, zwang den General Werneck 18. Okt. die Waffen zu strecken und rückte 13. Nov. bis Wien vor. In der Schlacht Eeiemamn 2. Dez. führte er die gesamte Kavallerie. Im folgenden Jahre verlieh ihm der Kaiser das Großherzogtum Berg (s. d.). Auch im Kriege gegen Preußen führte er die Kavallerie und leitete nach der Schlacht von Jena die Verfolgung, nahm Erfurt und erzielte die Kapitulation des Hohenloheschen Korps bei Prenzlau. Nach dem Frieden von Tilsit gab ihm Napoleon den Oberbefehl über das Heer in Spanien. M. zog 23. März 1808 in Madrid ein, kehrte aber bald nach Paris zurück. Nachdem Joseph Bonaparte, der älteste Bruder Napoleons, die span. Krone empfangen, erhielt an dessen Stelle M. den Thron von Neapel. Er wurde 1. Aug. als Joachim J. Napoleon zum König Beider Sicilien proklamiert und nahm im September Besitz von Neapel, während sich auf der Insel Sieilien die bourbonische Dynastie unter brit. Schutz hielt. Im J. 1810 empfing er von Napoleon das souveräne Fürstentum Ponte-Corvo. Seit 1810 suchte er sich der Oberherrschaft Napoleons zu entziehen und forderte, wiewohl vergeblich, die Entfernung der kaiserl. Truppen. Da er die in alle öffentlichen Amter eingedrungenen Fremden entfernen wollte, erteilte Napoleon aus eigener Machtvollkommenheit den in Neapel befindlichen Franzosen das dortige Bürgerrecht. Als ihn der Kaiser jedoch zur Teilnahme an dem Feldzuge nach Rußland aufforderte, ließ M. 10000 Neapolitaner zu der Großen Armee stoßen und übernahm im April 1812 wieder den Oberbefehl über die gesamte Kavallerie. Bei allen Ereignissen des Feldzugs bewahrte er seine frühere ungestüme Tapferkeit, besonders in der Schlacht an der Moskwa. Auf dem Rückzuge gab ihm der Kaiser zu Wilna den Oberbefehl über die Heerestrümmer; allein M. legte denselben in die Hände des Prinzen Eugen und eilte nach Neapel. Zwar kehrte er 1813 zur franz. Armee zurück, bewies aber nicht mehr den frühern Eifer. Nach der Schlacht bei Leipzig ging er abermals nach Neapel und wollte die franz. Fesseln brechen. Er schloß 11. Jan. 1814 mit Osterreich einen Vertrag, mit dem brit. Admiral Bentinck einen Waffenstillstand, in welchem er seine polit. Existenz sicherte und den Verbündeten ein Hilfskorps von 30000 Mann zusagte. Er marschierte 3Mi den Vizekönig Eugen, verfiel aber bald aus Mißtrauen gegen die Verbündeten und alter Anhänglichkeit an den Kaiser in Unthätigkeit. Nach dem Sturze Napoleons verlangten die Bourbons seine Absetzung. M. verstärkte sein Heer, suchte die Carbonari zu gewinnen und trat auch mit dem Kaiser auf Elba in geheime Verbindung. Als er die Rückkehr Napoleons vernahm, rückte er mit einer Armee von 40000 Mann über Rom, Florenz und Modena vor und eröffnete den Friedensantrag des Kongresses vom 31. März 1815 zurückweisend, die Feindseligkeiten gegen die Osterreicher. Am 12. April bei Ferrara geworfen, trat den Rückzug an und wurde 2. Mai bei Tolentino geschlagen, worauf sich sein Heer völlig auflöste. M. kam 19. Mai in Neapel an, entwich am nächsten Tage auf die Insel Ischia und schiffte sich dort nach Frankreich ein, während seine Familie auf der brit. Flotte Schutz suchte. Napoleon verwies ihn in die Gegend von Toulon. Nach der Schlacht von Waterloo flüchtete er 25. Aug. nach Corsica, von wo er sich 28. Sept. nach Neapel einschiffte. Er kam 8. Okt. bei Pizzo ans Land, wurde jedoch ergriffen. Der Hof von Neapel ließ ihn durch ein Kriegsgericht als Usurpator verurteilen und 13.Okt. 1815 in einem Saale des Schlosses Pizzo erschießen. Er wurde in der Kirche von Pizzo begraben. Seine Witwe, Maria Annunciata Carolina, geb. 25. März 1782 zu Ajaccio, lebte fortan unter dem Titel einer Gräfin von Lipona (Anagramm von Napoli) auf der Villa Campo-Marzo in der Nähe von Triest. Sie starb zu Florenz 18. Mai 1839. M. hinterließ aus seiner Ehe mit Carolina zwei Söhne und zwei Töchter. Der ältere Sohn, Napoléon Achille M., eb. 21. Jan. 1801, wandte sich 1821 nach den Vereinigten Staaten, wo er 30. Juli 1826 Karoline Dudley, eine Großnichte Washingtons, heiratete. Er veröffentlichte mehrere Arbeiten über die Verfassung der Union. Während der belg. Revolution war er Oberst in belg. Diensten, dann kehrte er nach Amerika zurück, wo er 15. April 1847 auf seinem Gute in Jefferson-County, Florida, starb. Sein jüngerer Bruder, Napoléon Lucien Charles, Prinz M., wurde 16. Mai 1803 zu Mailand geboren und führte den Titel Prinz von Ponte-Corvo. Auch er wandte sich nach den Vereinigten Staaten, wo er sich 18. Aug. 1831 mit Karoline Georgine Frazer (gest. 10. Febr. 1879) verheiratete und eine Erziehungsanstalt für Mädchen errichtete. Die franz. Februarrevolution von 1848 veranlaßte ihn, nach Frankreich ationgkehren, wo ihn das Depart. Lot in die Nationalversammlung wählte. Im J. 1849 wurde er zum Gesandten am Hofe zu Turin ernannt, 26. Jan. 1852 vom Kaiser zum Senator erhoben. Auch erhielt er mit seiner Familie den Titel «Hoheitoꝰ. Er starb 10. April 1878. Aus seiner Ehe entstammen zwei Töchter und drei Söhne: Joachim M., geb. 21. Juli 1834, franz. Brigadegeneral, 23. März 1854 vermählt mit einer Tochter des Fürsten von Wagram verwitwet 18. Mai 1884, mit vier Kindern; Achille M., geb. 2. Jan. 1847, vermählt 13. Mai 1868 mit einer Tochter des Fürsten Dadiani von Mingrelien; Louis Napoléon M., geb. 22. Dez. 1851, vermählt 11. Nov. 1873 mit der Witwe des zürsten Alex. Orbeliani, mit drei Kindern; Karoline, geb. 31. Dez. 1832, vermählt 1850 mit dem Baron Chassiron, verwitwet 187⁰, wiedervermählt 1871 mit John Garden of Ketisham Hall; Anna, geb. 3. Febr. 1841, vermählt seit 1865 mit Antoine de Noailles, Herzog von Mouchy. Die Töchter des Königs M. aus der Ehe mit Carolina Bonaparte sind: Lätitia Josephe, geb. 25. April w1802, vermählt 22. Okt. 1823 mit dem Grafen Pepoli zu Bologna, Witwe seit 2. März 1852, gest. 12. März 1859, und Luise Julie Karoline, geb. 22. März 1805, vermählt 25. Okt. 1825 mit dem Grafen Rasponi zu Ravenna, derwitwet 1877. Vgl. Coletta, Histoire des six derniers mois de la vie de Joachim M.v (franz. von Gallois Par. 1821); Franceschetti, Meémoires sur les événements qui ont précédé la mort de Joachim Ier) (Par. 1826); Gallois, Histoire de Joachim M. (Par. 1828); Galvani, «Mémoires sur les événements, qui ont précédé la mort de Joachim M.y (Par. 1843); Helfert, Joachim M., seine letzten Kämpfe und sein Enden (Wien 1878).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 947Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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