Sachs (Hans), der hervorragendste unter den deutschen Dichtern des 16. Jahrh., wurde 5. Nov. 1494 als der Sohn eines Schneiders in Nürnberg geboren. Für den Handwerkerstand bestimmt, erhielt er doch eine Asadt. Bildung auf der Lateinschule seiner Vaterstadt. Nachdem er seine Lehrjahre als Ohhard Nür vollendet und bei dem Leinweber Leonhard Nunnenbeck die Anfangsgründe des Meistergesangs erlernt hatte, begann er 1511 seine Wanderschaft und arbeitete in Regensburg, Passau, Salzburg, Hall im Innthal, Braunau und Wels. Im J. 1513 zog er nach München, arbeitete später als Schuhmacher noch in Leipzig, Lübeck, Osnabrück, kehrte 1516 in seine Heimat zurück, wurde Meister in seiner Zunft, undcgont sich 1519 und lebte seitdem, geachtet und geehrt von Mitbürgern und Fremden, der Ausübung seines Handwerks und der Dichtkunst. Nach dem Tode seiner ersten Frau verheiratete er sich noch einmal 1561. Er starb 19. Jan. 1576. Sein Denkmal in Nürnberg wurde 24. Juni 1874 enthüllt. Die Bedeutung Hans S.) liegt nicht in seinen Seiner Weure aus die er nicht in die Sammlung seiner Werke aufnahm, sondern in den außerhalb der Schule entstandenen Dichtungen. Jene sollten nur der Nürnberger Meisterschule zugute kommen, welcher seit Hans S. tüchtige sittliche Lebensanschauung und reger Eifer für das Reformationswerk eigen blieb. Der kirchlichen Bewegung seiner Zeit schloß sich Hans S. schon 1630 aus tiefer überzeugung und mit großem Verständnis an. Luthers Auftreten begrüßte er 1523 durch ein Gedicht, welches nicht wenig zur Förderung der Reformation in den Kreisen des Bürgertums beitrug: Die Wittenbergisch Nachtigall, die man ietz höret vberallo (sprachlich erneuert von K. Siegen, Jena 1883). Auch dichtete er geistliche Lieder, die teils einzeln, teils in Sammlungen an die Offentlichkeit gelangten, und erörterte reformatorische Fragen in dialo—⸗ gischer Form. In seinen weltlichen Dichtungen steht Hans S. hoch über allen Dichtern des 16. Jahrh., sowohl durch die Fülle des Inhalts als durch die Mannichfaltigkeit in der Wahl der Formen und die glückliche Behandlung derselben. überhaupt befindet er sich auf der Höhe der poetischen Bildung seiner Zeit. Mit gleicher Kenntnis beherrscht er die Geschichten und Sagen des klassischen Altertums wie den gesamten Reichtum der Zeit an novellistischen Stoffen, Anekdoten und meist aus der Volksüberlieferung geschöpften Schwankerzählungen. Auch die deutsche Heldensage verstand er für seine Zeit neu zu beleben. Der reiche Schatz des Wissens, den er sich angeeignet hatte, fügt sich unter seiner Hand den entsprechenden Formen und der dem Sinne des Volks gerechten Behandlung. In ihm erscheint der Kampf der Zeit zwischen der gelehrten Richtung und dem Volksmäßigen ausgeglichen Dabei beruht seine Dichtung durchaus —* ernster und doch milder sittlicher Anschauung. Alles wird von seltener Lebensweisheit getragen und ist von der Heiterkeit eines reinen und friedlichen Gemüts durchdrungen. Den Gattungen nach lassen sch die Gedichte Hans S. in folgender Weise übersichtlich einteilen: ehrgedichte in mannichfacher Einkleidung, als Vision oder in ähnlicher allegorischer Form, oft als Wechselrede; Sprüche und poetische Gespräche: Fabeln und Parabeln; erzählende Gedichte, unter denen die Schwänke, welche ihre Stoffe meist aus dem Leben nehmen, wohl von keinem Dichter übertroffen worden sind; endlich dramatische Dichtungen. 6. das eigentliche Wesen des Dramas hatte Hans „wie seine ganze Zeit, kein Verständnis. Der Zweck der dramatischen Form lag für ihn nur in der lebendigern Vorführung einer Handlung vor den Augen der Zuschauer. Die Darstellung ist demnach vorwiegend episch. Unter den Dichtungen dieser Art melde die Fastnachtspieles obenan, eine Gattung, welche durch ihn mit einem bedeutendern Gehalt erfüllt wurde. Neu herausgegeben wurden dieselben von Götze in den «Neudrucken deutscher Litteraturwerke des XVI. und XVII. Jahrhundertso (5 Bde., Halle 1880—84). Man kann Hans S. als den fruchtbarsten aller deutschen Dichter 40LKeer Um die Mitte des J. 1536 gibt er die Zahl seiner Gedichte zu 5000 coder mehry san. Beim Beginn des J. 1567 zog er die Summe aller seiner Dichtungen. Dieselbe betrug in 16 Büchern «Meistergesängey 4275 Nummern. Ferner fand er 17 Spruchbücher und ein unvollendetes mit Dramen (208), geistlichen und weltlichen Gesprächen, Sprüchen, Fabeln und Schwänken, Dialogen in Prosa, Pfalmen und geistlichen Liedern, „Gassenhauern, Liedern vom Kriegsgeschrei, auch ettlichen Bulliederno, im ganzen 6048. Zu diesen kamen bis zu seinem Tode 3 mehrere hinzu. Bei der Sammlung seiner Werke schied Hans S. alle Meisterlieder aus, ebenso auch die strophischen Gedichte. Während seines Lebens erschienen 792 Stücke in 3 Bänden, nach seinem Tode 642 Nummern in 2 Bänden. Die von Hans S. selbst besorgten Ausgaben sind: 1) (Sehr Herrliche Schöne vnd wahrhaffte Gedicht. Geistlich vnd Weltlich u. s. w.y (Nürnb. 1558, 1560, 1570, 1589, 1590); 2) Das ander Buch u. s. w. (Nürnb. 1560, 1570, 1590, 1591); 3) «Das dritt vnd letzt Buch u. s. w.y (Nürnb. 1561, 1577, 1588, 1589). Diesen drei Bänden folgten nach seinem Tode: 4) (Das vierdt Buch u. s. w.» (Nürnb. 1578); 5) K(Das fünfft vnd letzt Buch u. s. w. » (Nürnb. 1579). Nachdrucke erschienen zu Kempten (1612) und Augsburg (1712). In Zwickau wurden 1853 13 Bände Handschriften aufgefunden, andere in Dresden und Göttingen. Autographische Gedichte finden sich in der Bibliothek zu Wolfenbüttel. Seit dem Eintritt des Kunstcharakters der deutschen Dichtung im 17. Jahrh. wurde Hans S. vergessen und sein Wert verkannt. Als Goethe 1774 mit den Vorstudien zu Fausto beschäftigt war, kam er auch zu Dichtungen des alten Meisters. Die Eindrücke, die er von ihnen empfing, legte er in dem Gedicht nieder: Erklärung eines alten Holzschnitts, vorstellend Hans S.“ poetische Sendungy (zuerst in Wielands „Deutschem Mercur »,‚ Aprilheft 1766). Seit Goethes warmer Anerkennung wurde von Hans S. Gedichten einzelnes in Auswahl wieder gedruckt; ein vollständiger Wiederabdruck seiner sämtlichen gedruckten Sachen in der Bibliothek des Litterarischen Vereins zu Stuttgart, von Adelbert von Keller, später von E. Götze besorgt, ist bis zu dem 14. Bande vorgeschritten. Hervorzuheben sind ferner: 4Proben aus Hans S. Werken » von Bertuch (Weim. 1778); 4Hans S. sehr herrliche Gedichter, von Häßlein (Bd. 1, Nürnb. 1781); Werke, herausgegeben von Büsching (3 Bde., Nürnb. 1816—24); «Hans S. im Gewande seiner Zeite (Gotha 1821); KKHans S. Eine Auswahlo, von Götz (11 Bdchn., Nürnb. 1824—30); «Schwänkes, herausgegeben von Nasser (Kiel 1827); &Hans S. Eine Auswahl aus ——7 Werkeno, von G. W. Hopf (Bd. 1 u. 2, Nürnb. 1856); «Deutsche Dichter des 16. Jahrh. Mit Einleitungen und Worterklärungenv, herausgegeben von K. Gödeke und J. Tittmann (Bd. 4—6: «Dichtungen von Hans S.», Lpz. 1870—71, 2. Aufl. 1883—85, von E. Götze besorgt). Sein dramatischer Schwank «Das heiß' Eiseno wurde für die neuere Bühne bearbeitet von R. Genée (Wien 1876). Eine Auswahl seiner Werke mit Biographie gab Arnold in der «Deutschen Nationallitteraturo (Bd. 45 und 48, 2 Bde., 1884), seiner Spruchgedichte mit Einleitung und Anmerkungen A. Engelbrecht (Naumb. a. S. 1879) heraus, welcher 1885 auch ein unbekanntes Gedicht von S. in Gesprächsform, auf die Belagerung Nürnbergs durch den Markgrafen Albrecht Alcibiades von Brandenburg-Kulmbach, auf der berliner Bibliothek gefunden hat. Hauptquelle für Hans S. Leben ist M. Salomon Ranisch, «Histor.⸗kritische Lebensbeschreibung Hans S.'» (Altenb. 1765). Von neuern Schriften sind zu nennen: Hofmann, Hans S. Sein Leben und Wirkeny (Nürnb. 1847); Neumann, «über einige Handschriften von Hans S., nebst ungedruckten Gedichtenv (ond 1843): E. Weller, Der Volksdichter Hans S. und seine Dichtungeno (Nürnb. 1868); Lützelberger, KHans S., sein Leben und seine Dichtungen » (Nürnb. 1874).