Dürer (Albrecht), einer der größten Künstler seiner Zeit und Lberg 2l der neuern deutschen Malerei, geb. zu Nürnberg 21. Mai 1471, war der Sohn eines geschickten Goldschmieds gleiches Namens, der aus der deutschen Kolonie Ajtös bei Gyma in Ungarn einwanderte. Der junge D. genoß den gewöhnlichen Schulunterricht damaliger Zeit und ward von seinem Vater in dessen Handwerk unterrichtet. Früh indes hatten sich auch sein Talent und seine Neigung zur Kunst entwickelt, und obgleich er im 15. Jahre die Goldschmiedekunst erlernt hatte, entschied er b doch für die Malerei. Michael Rüeneect amals der angesehenste Maler in Nürnberg, uden ihn 1486 in die Lehre. Nach Beendigung Liche en begab er sich w1490 auf die Wanderschaft, welche ihn unter anderm nach Basel, Colmar und Straßburg, wahrscheinlich bereits auch nach Venedig au Ar Er kehrte 1494 in die Heimat zurück, wo er, auf Anordnung seines Vaters, des Hans Frey Tochter Agnes heiratete. Neben dem bereits damals in seiner Vaterstadt fabrikmäßig, namentlich von dem genannten M. Wohlgemuth schwunghaft betriebenen Gewerbe der Malerei gelang es dem auf eigenen We⸗ * sich Bahn en gunnter einem höhern Ziele zurebenden jungen Künstler anfangs schwer, sich die nötige Anerkennung zu verschaffen. Mit Unterstützung seines Freundes, des nürnberger Ratsherrn Willibald Pirkheimer, ging er 1506 nach Venedig, wo er, angeregt von dem dort in aller Großartigkeit sich entfaltenden Leben, über ein Jahr verweilte und auf Bestellung der deutschen Kaufleute für die Bartholomäuskirche eins seiner schönsten Gemälde vollendete, die figurenreiche Darstellung des — kranzfestes der Heiligen Jungfrau, welches Bild später vom Kaiser Rudolf gekauft und nach Prag versetzt wurde, wo es, freilich sehr beschädigt und übermalt, sich noch im Stifte Strahow befindet. 31 5 die bisherige Annahme, daß der Aufenthalt in Venedig auf seinen Stil keinen Einfluß geübt, ist geltend zu machen, daß D., wenn er von seinem echt deutschen Wesen auch nichts einbüßte, doch von der ital. Kunst, namentlich von Giovanni Bellini, bemerkbare Einwirkungen empfing und sie in seinen Schöpfungen ganz unbefangen zu Tage stellte. Auf einem Ausfluge nach Bologna ließ er sich in der Kunst der Perspektive unterrichten. Nachdem er 1507 zurückgekehrt, betrat er die glänzende Bahn seiner Meisterschaft, die seinen Ruhm unvergänglich gemacht. Kaiser Maximilian war einer der ersten, welche iher Anerkennung zollten. Er fertigte für den Kaiser die Zeichnungen zu den großen Holzschnittfolgen des Triumphwagens und der Ehrenforte. D. besuchte 1518 den Reichstag zu Augsurg, wo er viele Fürsten und andere bedeutende Persönlichkeiten in trefflich skizzierten Zeichnungen, die sich zum Teil erhalten haben, porträtierte, und unternahm 1520 und 1521 eine Reise nach den Niederlanden, wo er für seine Kunstrichtung noch mannigfache Einflüsse empfing. Obwohl, nach Melanchthons Bericht, der Künstler selbst klagte, wie — nun erst in der Einfachheit der Natur die wahre Schönheit aufgegangen sei und er sich außer Stande fühle, das hohe Vorbild derselben zu erreichen, zeigte er doch in dem 1526 vollendeten Doppelbilde der vier Apostel (die sog. vier Temperamente, gegenwärtig in der Pinakothek zu München, gestochen von A. Reindel), einem Werke, welches den ersten Kunstschöpfungen aller Zeiten an die Seite zu setzen ist, daß er seinem Ideal näher zu kommen vermochte als irgend einer von denen, welchen er die Anregung zu danken hatte. In den Niederlanden hatte D. durch Erkältung den Grund zu seiner spätern Krankheit gelegt, der er 6. April 1528 erlag. Der Schwerpunkt der Dischen Kunst liegt in seiner durchaus ungewöhnlichen Persönlichkeit, der rein menschlichen und stoe sittlichen Bildung seines Geistes, der Kindlichkeit seines Gemüts und dem Adel der Gesinnung, die sich nicht nur überall in seinen Leistungen aussprechen, sondern auch von seinen bedeutendsten n enossen, wie Pirkheimer, Camerarius und Melanchthon, wiederholt bezeugt werden. Die ältere Kunst brachte ihm wenig Formen entgegen, in welche er seine tiefsinnigen Ideen kleiden konnte, und dies ist der Grund, weshalb er in seinen Darstellungen hier und da von einer gewissen Manier sich nicht frei erhält. Die Gärung des Reformationszeitalters hatte die verschiedenen, neu in Besitz genommenen Bereiche geistiger Bethätigung noch nicht hinreichend geklärt, um in den Anschauungen, welche D. zu offenbaren sich gedrungen fühlte, die Beteiligung des Gedankens und der Phantasie völlig zu verschmelzen, wodurch auch ihm der Zug des Phantastischen, der durch die ganze ältere deutsche Kunst geht, in merklicher Weise eigen blieb. Für diese Nachteile entschädigen aber die hingebende Liebe, mit welcher er jeden in Behandlung genommenen Gegenstand zur Vollendung führt, der unbefangene Sinn, mit welchem er sich der Gesamtheit der Welt gegenüberstellt, das tiefe Verständnis, welches er für jede einzelne Erscheinung mitbringt, und der hohe Geist, mit welchem er allen seinen detlamdet aundr den Stempel unvergänglicher Bedeutsamkeit aufdrückt. Zu den anziehendsten Arbeiten D.s gehören seine schon in frühester Zeit beginnenden eigenhändigen Porträts (die schönsten von 1498 und 1500 in Madrid und der Pinakothek zu München), welche zeigen, daß D. nicht allein einer der trefflichsten Künstler und bedeutendsten Geister, sondern vielleicht ich der schönste Mann seiner Zeit war. Andere vorzügliche Porträts von seiner Hand sind das seines Vaters (1497) im Besitz des Herzogs von Northumberland, das seines Lehrers Wo bemuth (1516) in München, das des Hieronymus Holzschuher (1526), gegenwärtig im Germanischen Museum zu Nürnberg, das des Bürgermeisters Jakob Muffel (1526), gegenwärtig in Paris, des Kai⸗ —— Maximilian in Wien u. a. Zu seinen vorzügichsten Gemälden gehören, außer den genannten, die für Jakob Heller in Frankfurt a. M. —— Rraude fahrt der Maria (1509), welche im Schloßrande zu München 1674 zu Grunde ging; ferner die Darstellun der heiligen Dreifaltigkeit mit vielen Heiligen und Seligen (1511), gegenwärtig in Wien; Adam und Eva in lebensgroßen Figuren (1507), im Palast Pitti zu .½½ u. s. w. Als umfassendem Geist genügte D. aber keineswegs die Malerei allein, um seine Gedanken darin auszudrücken: er bethätigte sich auch als Kupferstecher und Zeichner für den Formschnitt, die ihm noch oft zugeschriebenen Holzschnitzereien sind jedoch sämtlich unecht. Den ganzen Reichtum seines Talents lernt man indes aus der großen Zahl der erhaltenen Handeichnungen kennen, welche in fast allen bedeutenrn Sammlungen, vorzüglich aber in der des Erz½ Albrecht zu Wien, sich verteilt finden. upferstich und Holzschnitt hatten in den Händen seiner Vorgänger kaum die ersten Stufen der technischen Ausführung überschritten; er erhob sie zu einer Vollendung, die sie nach ihm nur bedingungsweise wieder erhalten haben. Zu seinen vorzüglichsten Kupferstichen gehören: St. Hieronymus in der Zelle, die Melancholie und Ritter, Tod und Teufel, in welchen er von drei verschiedenen Seiten her die tiefsten Grundlagen des deutschen Wesens zur An-Paradie bringt. Andere, wie Adam und Eva im aradiese, St. Eustachius u. s. w., zeichnen sich, wie die ebengenannten, durch die äußerste Meisterei D.s Kupferstichen eine überaus zarte, der Form sich anschmiegende, einfache Strichlegung. Zu seinen hervorragendsten Holzschnitten gehören: Die Offenbarung des Johannes, 15 Blätter (1498 und 1511); die große Passion, 12 Blätter (1510), die kleine Passion, 37 Blätter (1509), das Leben der Maria, ein Werk voll tiefer Empfindung und zarter Lieblichkeit, 20 Blätter (1510); die Ehrenpforte des Kaisers Maximilian, der größte existierende Holz⸗ — (1515). Wenn man D. die Erfindung der Atzkunst und des Tondrucks zuschreibt, weist man ihm, wenigstens in Bezug auf letztern, fälschlich Verdienste zu, deren er neben demen sonstigen nicht bedarf. Auch als Schriftsteller hat D. sich bethätigt und für seine Zeit maßgebend gewirkt. Sein Werk: ⸗VNderweysung der messung, mit zirckel vnd richt-Maddt in Linien ebnen vnnd gantzen corporenv Mürnh. 1525 u. öfter), gibt treffliche Vorschriften über Perspektive, besonders zur Entwerfung des Schattens der Körper, wozu er eine eigene sinnreiche Maschine in Vorschlag brachte. Run allgemeinen drang er darauf, die ganze alerkunst, soweit sie die eigentliche Zeichnung betrifft, auf mathem. Gründe zurückzuführen. Sein Hauptwerk Von menschlicher Proportion u. s. w.» (Nürnb. 1528 u. öfter) wirkte epochemachend, insofern es, gegenüber der während des ganzen Mittelalters dstematisch vernachlässigten Formengebung, zum ersten mal mit Nachdruck und Erfolg die äußere Erscheinung in der Kunst geltend machte. D. schrieb auch in Deutschland das erste Buch vom Bett Schlos. „Etliche vnderricht, zu befestigung der Stett, Schloß, vnd fleckeno (Nürnb. 1527); den Schriftgießern eigte er, wie man mit Hilfe der Geometrie die uchstaben, besonders die Versalien, nach bestimmtem Verhältnis anordnen müsse. Mehrere andere Schriften, welche D. verfaßt, sind nicht zum Druck bebeuter In allen aber erwarb er sich neben seinen edeutendsten gelehrten Zeitgenossen das Verdienst, auf Reinigung und Veredlung der deutschen Sprache erke wurden in die lateinische und die meisten neuern Sprachen übersetzt. Bei der Säkularfeier uadte Todes, 7. April 1828, wurde in seiner Vatertadt der Grundstein zu einem Standbilde D.s gelegt, das Rauch modellierte und Burgschmiet in Erz ausführte; dasselbe wurde 21. Mai 1840 enthüllt. Litteratur. Heller, Das Leben und die Werke Albrecht D.se (Bd. 2, Lpz. 1831); (F. Campe,) Reliquien von D.y (Nürnb. 1828); von Eye, 4Leben und Wirken Albrecht D.sv (Nördl. 1860): A. von Zahn, «D.s Kunstlehre und sein Verhältnis zur Renaissancev (Lpz. 1866); Thausing, «Dürer. Geschichte seines Lebens und seiner Kunstv (Lpz. 1876); Ephrussi, Albert D. et ses dessinsv (Par. 1882); Leitschuh, «Albrecht D.s Tagebuch der Reise in die Niederlande (Lpz. 1883).