Sappho (in der Namensform des lesbisch-äolischen Dialekts Psappho), die berühmteste griech. Dichterin, von den Alten mehrfach als zehnte Muse gefeiert, lebte in der zweiten Hälfte des 7. und der ersten des 6. Jahrh. v. Chr. Sie war in Eresos auf der Insel Lesbos geboren, Tochter des Skamandronymos und der Kleis. Wahrscheinlich siedelte sie mit ihren Eltern frühzeitig nach Mytilene, der Hauptstadt der Insel, über, wo sie ihre musikalische und dichterische Bildung empfing und dann einen Kreis von Freundinnen und Schülerinnen um sich sammelte, an denen sie, wie die Reste ihrer Gedichte noch heute zeigen, mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit hing, und von denen sie eine ähnliche dieratlischen Zuneigung verlangte. Namentlich die attischen Komiker, welche die S. mehrfach zum Gegenstande ihres Spottes gemacht haben, haben dieses Verhältnis zu einem unnatürlichen Laster verzerrt und auch sonst allerhand groteske Erfindungen ihr angehängt. Die Geschichte von ihrer unglücklichen Liebe zu dem schönen Jüngling Phaon, von der sie sich durch einen Sprung vom Leukadischen Felsen geheilt haben soll, knüpft vielleicht außer an leidenschaftliche Wendungen in ihren Liedern an eine auf Lesbos und in andern Gegenden Griechenlands bekannte Sage an. Sicher ist, daß sie, als die Aristokraten aus Mytilene verbannt wurden, nach Sicilien ging, später aber nach Mytilene zurückkehrte und dort noch um 565 in hohem Ansehen lebte. Wahrscheinlich war sie verheiratet und hatte eine Tochter. Mit ihrem Zeit- und Kunstgenossen, dem Dichter Alkäos, scheint sie in freundschaftlichem Verkehr gestanden zu haben. Aus einem Gedicht von Alkäos und einem solchen von S. ist noch die Anrede des Alkäos an sie und ihre Antwort darauf erhalten. Wie hochberühmt S. war, beweist auch dies, daß Mytilene und Eresos oft ihren Kopf, sowie auch ihre ganze Figur auf ihre Münzen setzten. Noch Silanion schuf eine Statue der Dichterin. Außer auf lesbischen Münen sind auf Thonreliefen und Vasenbildern Darstellungen der S. (zum Teil mit Alkäos) und vielleicht in einem Kopf in Florenz eine Büste derselben erhalten, welche wie ein Teil der Münzen auf eine Rorträhn Darstellung zurückgehen mag, deren orträtähnlichkeit aber freilich sehr zweifelhaft bleibt. Vgl. O. Jahn in den Abhandlungen der Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften» (Bd. 8, Lpz. 1861); Büchner in der Zeitschrift für Numismatiko (Bd. 9, Berl. 1882), und über das Leben von S. Welcker, «S. von einem herrschenden Vorurteil befreite (Gött. 1816); Kock, «Alcäus und S. (Berl. 1862); Schöne, «Untersuchungen über das Leben von S.» (Lpz. 1867). Der Hauptcharakter der Poesie der S. ist das Schwärmerische, Leidenschaftliche; Tiefe und Glut der Empfindung, daneben große Anmut und Lieblichkeit, ja bisweilen Naivetät, die entschieden an den Ton des Volksliedes erinnert. Die rhythmischmetrische Form ihrer von den Grammatikern in neun Bücher geteilten Dichtungen war sehr mannigfach; am häufigsten scheint sie sich außer der Alcäischen der nach ihr benannten Sapphischen Strophe bedient zu haben, welche durch die dreifache Wiederholung des sog. Sapphischen elfsilbigen Verses und einen sog. Adonischen Vers ) als Abschluß gebildet wird. In der musikalischen Begleitung ihrer Gedichte (die nach griech. Sitte der Dichter selbst setzte) bediente sie sich außer der äolischen zuerst unter den griech. Dichtern auch der weichen mixolydischen Tonart. Die zum Teil ziemlich umfänglichen Fragmente ihrer Dichtungen waren früher am besten herausgegeben von Neue (Berl. 1827) und in Schneidewins Deleéctus poesis Graecorum elegiacae, iambicae, melicaen (Gött. 1839); jetzt sind sie es in Bergks Poetae lyrici graecio (4. Aufl., Bd. 3, Lpz. 1882); deutsch übersetzt sind sie von Richter (&S. und Erinnab, Quedlinb. 1833), Hartung in «Die griech. Lyrikero (Bd. 6, Lpz. 1857) u. a.; zum größten Teil auch von Geibel in seinem „Klassischen Liederbuch » (2. Aufl., Berl. 1875). Grillparzer hat S.s Liebe zu Phaon und ihren Tod zum Gegenstand einer Tragödie gemacht, Leopardi einen Ultimo canto di Saffop gedichtet.