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AllerleiBrockhaus 1882

Schicksal bezeichnet den Lebenslauf sowohl einzelner Menschen als ganzer Völker, sofern derselbe ein Erzeugnis von Ursachen ist, welche nicht von der Macht des Menschen abhängen. In Beziehung auf den einzelnen sind die Eltern, von denen er stammt, die Umgebungen, in denen er aufwächst, sowie die in seiner Kindheit an ihn gelangenden Bildungselemente die Grundbedingungen, aus denen sein Lebenslauf sich entwickelt, und wenn er auch sogleich mit erwachendem Selbstbewußtsein auf seine Lebensschicksale selbstbestimmend einzuwirken beginnt, so hat diese freie Einwirkung doch immer ihre enggezogenen Grenzen an den angeborenen und anerzogenen Fähigkeiten, Neigungen und Temperamentseigenschaften. Was bei einzelnen Individuen stattfindet, wiederholt sich bei Völkern als Gruppen von Individuen in vergrößertem Maßstabe. Da die Ahnung eines Unterworfenseins unter solche Gesetze unentfliehbarer Notwendigkeit sich früher im menschlichen Geiste geltend machte als die deutliche Erkenntnis derselben, so entstand daraus die mythol. Vorstellung eines S. als der Vorherbestimmung einzelner Begebenheiten und Ereignisse, denen man nicht entfliehen könne, selbst wenn man sie voraussehe und zu vermeiden trachte, eine Vorstellung, welche mit dem wirklichen Causalzusammenhange der Dinge im Widerspruch steht. (S. Fatum.) Denn wie groß auch immer die Abhängigkeit unsers Lebens von den angegebenen Ursachen sein mag, so kommt doch der Mensch, insoweit er sich über die Außenwelt in den freien Gedanken zu erheben vermag, damit über dem S. zu stehen. Er tritt damit einerseits in den Bereich der psychischen Selbstbestimmung, andererseits in das Gebiet der höchsten moralischen Zwecke, und wird auf die Weise befähigt, in sein von Natur ihm bestimmtes S. verändernd und umgestaltend einzugreifen. Das Gesetz, wonach wir einer solchen Erhebung über das S. fähig sind, ist von Fichte das Gesetz der moralischen Weltordnung genannt worden. Die Aufklärung der Schicksalsidee ist ein Hauptmerkmal, worin sich die Bildung der Neuzeit von der des Altertums und Mittelalters unterscheidet. badmanische Led nennt man eine Tragödie, die das tragische Leid des Helden auf die Einwirkung einer höhern göttlichen Macht baut. In diesem Sinne ist die gesamte Tragik der Alten S., und die berühmteste S. ist der Sophokleische «Odipusy. (S. Tragödie.) Bei den Alten war die S. vollkommen berechtigt, da sie mit dem ganzen Schicksalsglauben der griech. Religion zusammenhing. Eine Verirrung dagegen ist es, wenn in neuerer Zeit einzelne Dichter es versucht haben, die tragischen Motive von einer äußern wunderthätigen Macht abzuleiten; denn unserm Glauben und Denken fehlt für Motive dieser Art aller Anhalt. Schiller hat in der Braut von Messina zu dieser Verirrung von mißverstandener Nachahmung der Antike den ersten Anstoß gegeben; Müllner, Grillparzer, Houwald haben die Schicksalsidee zur Karikatur verzerrt. Platen zog in der Verhängnisvollen Gabels glänzend dagegen zu Felde. Otto Ludwig hat im Erbförstero sich derartigen Schicksalsmotiven wieder genähert.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 332Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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