FeedSchiestpulver
PflanzenreichBrockhaus 1882

Schiestpulver (vom lat. pulvis pyrius, daraus ital. polvere tonante, frz. poudre, deutsch Pulver, wofür indes bis ins späte Mittelalter das Wort „Kraut » üblich war) ist ein inniges Gemenge von Salpeter, Holzkohle und Schwefel nach bestimmtem Verhältnis. Dasselbe hat die Eigenschaft, bei der Entzündung der Kohle und des Schwefels sich aus dem festen Zustande sehr rasch in Gasarten umzusetzen, welche bei sehr bedeutender ursprünglicher Dichte und unter dem Einfluß einer stattfindenden bedeutenden Temperaturerhöhung ein sehr großes Ausdehnungsbestreben besitzen. Vermöge des letztern sind die Gase des S. fähig, Körper, welche ihnen im Wege stehen, fortzuschleudern und die festesten Materien auseinander zu sprengen. Das S. ist daher ein sehr geeignetes Mittel zum Forttreiben von Geschossen, zum Sprengen von Gestein, Erde, Mauerwerk u. s. w.; außerdem hat es eine gewisse zündende Kraft und ist durch den bei der Verbrennung sich entwickelnden Rauch und den entstehenden Knall als Signalmittel brauchbar. Das S. hat nicht bloß für Kriegs⸗ und Schießzwecke Bedeutung, sondern spielt auch in der bürgerlichen Technik, beim Bergbau, bei der Anlage von Straßen, Eisenbahnen u. s. w. eine wichtige Rolle. In Ostindien und China, wo der Hauptbestandteil des S., der Salpeter, in der Natur vorgebildet sich fsindet, sind nachweislich schon vor der christl. Zeitrechnung dem heutigen S. ähnliche Gemenge bekannt gewesen. Von dort hat sich ihre Kenntnis wohl durch die Araber nach Europa verpflanzt. m 7. und 8. 1e . n. Chr. spielte das Griechische euer (s. d.) als orläufer des S. eine wichtige Rolle. Während wir auch in den folgenden Jahrhunderten die salpeterhaltigen Gemenge immer noch als Brandmittel im Gebrauch finden, die entweder mittels gewöhnlicher Wurfmaschinen fortgechleudert werden oder in Form der Raketen (s. d.) als fliegende Feuer sich selber forttreiben, begegnen wir im 13. und 14. Jahrh. bereits dem S. als Mittel zum Forttreiben zerschmetternder Projektile. Damit steht die sog. Erfindung des S., welche die Engländer dem Roger Baco (1220), die Deutschen dem Franziskanermönch Berthold Schwarz (1290 —1320) zuschreiben, in enger Verbindung. Das neue, durch die Intensität seiner Wirkung alle bisherigen weit übertreffende Mittel spielte zunächst eine Rolle im Belagerungskriege und zwar nicht bloß zum Forttreiben der Geschosse, sondern auch als Sprengmittel, bis es allmählich eine Umgestaltung des gesamten Kriegswesens zu Wege gebracht hat. Die Bestandteile des S. wurden anfänglich mit der Hand zerkleinert und untereinander gemengt, später benutzte man Stampfmühlen 0 diesem Zwecke. An Stelle der Mehlform, in welcher das S. ursprünglich zur Verwendung kam, gab man demselben späterhin die Gestalt kleiner Körner, in welcher sich das Mittel bedeutend wirkungsvoller und gegen nachteilige Einflüsse widerstandsfähiger erwies. Rar größern Dauerhaftigkeit verlieh man den örnern einen matten Glanz. In Bezug auf Mengungsverhältnis und Reinheit der Bestandteile traten später Verbesserungen ein. Die Herstellung des S. ist in neuerer Zeit eine fabrikmäßige geworden, unter ausgedehnter Anwendung von Maschinen. Die besondern Anforderungen an das Treibmittel, welche sich aus der Natur der gezogenen Feuerwaffen ergeben, haben einige neue Formen des S. entstehen lassen, wie das Kieselpulver, prismatische S. u. s. w. Von den vielen Konkurrenten des S. (s. Explosivstoffe) hat bis jetzt kein einziger das S. als Treibmittel zu ersetzen vermocht, da deren zerstörender Einfluß auf die Feuerrohre eine solche Verwendung bis jetzt unmöglich gemacht hat, wogegen einzelne derselben als Sprengstoffe sich Geltung verschafft haben. Wenn auch im fertigen S. nur ein bestimmtes Verhältnis der drei Bestandteile (und zwar dasjenige, welches die meisten Gase und die höchste Temperatur im Gefolge hat) als das richtige angesehen werden kann, so finden wir dennoch in dem ursprünglichen Mengungsverhältnis oder der Dosierung des S. in den verschiedenen Staaten nicht unwesentliche Differenzen, welche dadurch erklärlich sind, daß in der Art der verwendeten Holzkohle und im Fabrikationsverfahren erhebliche Unterschiede vorkommen. Das Mengungsverhältnis im deutschen S. ist z. B. 74 Teile Salpeter, 16 Kohle, 10 Schwefel, im österreichischen 75 Teile Salpeter, 13 Kohle, 12 Schwefel, im französischen 75 Teile Salpeter, 12½ Kohle, 12½ Schwefel. Nach dem ältern Fabrikationsverfahren wurden die Bestandteile des S. in Stampfmühlen zerkleinert und unter Zusatz von Wasser, welches die Gefährlichkeit der Arbeit vermindert, gemengt und zu Kuchen verdichtet. Nach dem neuern, aus der Zeit der Französischen Revolution stammenden (sog. Revolutions-) Verfahren zerkleinert man die Vesandteile in rotierenden Trommeln unter Zusatz von Bronzeschrot jeden für sich und mengt sie dann in ebensolchen Vorrichtungen auf trockenem Wege untereinander. Dieses Verfahren he in viel kürzerer Zeit zum Ziele als das frühere. Das Verdichten findet alsdann nach vorangegangenem Wasserzusatz auf Walzenpressen oder mittels hydraulischen Drucks statt. Auch kann zur innigern Vermengung dem Trommelverfahren noch eine Bearbeitung des Pulversatzes unter rotierenden Walzen, sog. Läufern, folgen, wodurch höhere Verdichtungsgrade des S. möglich werden. Der zu Kuchen verdichtete Pulversatz wird zerschlagen und in einem Siebeapparat, der durch eine Welle mit Krummzapfen in eine schüttelnde Bewegung versetzt wird, oder mittels einer Walzenkörnmaschine in die Form größerer oder kleinerer Körner gebracht, welche in Duh Tracne den noch geglättet werden. Nachdem durch Trocknen der größte Teil der aufgenommenen Feuchtigkeit aus dem S. entfernt worden ist, erfolgt das Ausstauben und sodann das Sortieren und Verpacken des fertigen Fabrikats. S. von besonderer Form, wie z. B. das prismatische, kubische u. s. w., wird aus gewöhnlichem Pulverkorn auf Pressen hergestellt. Solange es sich nur um glatte Feuerwaffen handelte, gab man dem S. eine Körnergröße von höchstens 2 mm und sonderte dasselbe in feineres S. für Gewehre und Wurfgeschütze und gröberes für Kanonen. Das feinere S. würde in den großen Ladungen der letztern einen zu nachteiligen Einfluß auf die Rohre ausgeübt haben, da es die größere Verbrennungsgeschwindigkeit und heftigere Wirkung besitzt. Das gröbere S. würde sich dagegen in den erstgenannten Waffen als zu schwer entzündlich und zu wenig wirksam erwiesen haben. Mit der Einführung der Perkussionszündung bei Gewehren trat die Notwendigkeit ein, die Maximalgröße der Körner für Gewehrpulver so viel zu verringern, daß der Eintritt des S. in den engen Zündkanal des Gewehrs erfolgen konnte. Für Büchsen und Jagdgewehre kam ein noch feineres und kräftigeres S., das Pirsch-, beziehungsweise Jagdpulver vor. Mit der Annahme der Züge bei Beschützrohren, wodurch dem Geschoß bei seiner Bewegung im Rohr ein vergrößerter Widerstand erwächst, der sich bei der Hinterladung durch den Wegfall des Spielraums noch steigert, ließen sich unter Beibehalt des bisherigen Geschützpulvers nur geringe Ladungsverhältnisse und Geschoßgeschwindigkeiten erzielen, deren Steigerung indes durch die Aufgabe der Bewältigung von Panzerzielen bald als unabweisbares Bedürfnis sich herausstellte. Zu dem Ende mußte die Einleitung der Verbrennung des S. verlangsamt, die erste Einwirkung der Pulvergase auf das Geschoß zu einer mehr druck- als stoßartigen umgestaltet werden. Das mit geringer Geschwindigkeit in die Züge eingeführte Geschoß mußte durch die nachhaltige Wirkung eines langsamer als bisher sich zersetzenden S. eine allmähliche Steigerung seiner Geschwindigkeit im Rohr erlangen, der Gasdruck, statt wie bei dem bisherigen rasch verbrennenden S. sich vorherrschend auf den hintern Teil des Rohrs zu konzentrieren, mußte sich mehr auf die ganze Länge des Rohrs verteilen. Hierdurch ließen sich die Pulverquantitäten erheblich steigern. Die Mittel lagen in der vermehrten Größe und Dichtigkeit des Korns und in der Zuhilfenahme einer von innen nach außen fortschreitenden Verzehrung des einzelnen Pulverkorns, mit welcher ein Zunehmen der Brennflächen verbunden war. Die Verdichtung der ganzen Ladung zu einem zusammenhängenden Körper (komprimierte Ladungen) erwies sich nicht als günstig. Zu den verbesserten Pulversorten in Gestalt unregelmäßiger grober Körner gehören: das für große Ladungen schwerer Geschütze bestimmte engl. Kieselpulver (Pebble-Pulver) mit Körnern von 12/ bis 15, mm Größe und 1,7 spezifischem Gewicht; das bei Feldgeschützen und überhaupt kleinen Kalibern mit großen Ladungsverhältnissen zur Anwendung kommende grobkörnige Schießpulver mit Körnern von 4—9 mm Größe und 1,65 spezifischem Gewicht. Körner von regelmäßiger Gestalt zeigen: das engl. Pellet-Pulver in Form von Cylindern, 18 mm stark, 10,5 mm hoch, mit einer Ausbohrung von 5,o5 mm Weite und 7,575 mm Höhe; das zuerst von dem Nordamerikaner Rodman angegebene, jetzt bei großen Kalibern gezogener Hinterladungsgeschütze sehr verbreitete Prismatische Schießpulver, in Gestalt von sechsseitigen regulären Prismen von 40 mm Durchmesser über Eck und 24,66 mm Höhe mit 7, beziehungsweise 1 durchgehenden Kanal, vom spezifischen Gewicht 1,66, beziehungsweise 1,75. (Vgl. Tafel II: Geschütze, Fig. 4.) Bei beiden Sorten findet eine regelmäßige Lagerung der einzelnen Körner und infolge dessen eine sehr gleichmäßige Verbrennung der Ladung statt; durch die Kanäle ist ein gleichzeitiges Abbrennen von innen nach außen, also mit wachsender Brennfläche gesichert. Die vereinigten rheinisch-westfälischen Pulverfabriken und die Aktiengesellschaft Rottweil-Hamburg vertreiben zur Zeit ein sog. braunes Schießpulver (poudre chocolat), dessen Zusammensetzung noch unbekannt, das aber, als prismatisches S. bei schweren Geschützen verwendet, sehr günstige Eigenschaften zeigt, besonders Entwickelung erheblich größerer Kraft unter vermindertem Gasdruck auf das Rohr, sehr gleichmäßige Wirkung, größere Haltbarkeit, verminderte Gefährlichkeit. Seitens einer größern Zahl von Mächten sind umfangreiche Bestellungen auf dasselbe erfolgt. Für Hinterladungsgewehre ist ein gröberes S. als vordem zulässig, doch ist bei dem geringen Widerstande, welchen das leichte Geschoß leistet, eine rasche Zersetzung vorteilhaft. Man fördert diese durch Anwendung einer Kohle von geringerm Verkohlungsgrade. Bei dem kleinen Kaliber der heutigen Gewehre macht sich der Rückstand des S. in sehr nachteiliger Weise geltend. Man verringert diesen namentlich durch eine sehr innige Mengung der Pulverbestandteile, welche zugleich die Gleichmäßigkeit der Wirkung des S. erhöht. Zu den in Aussicht stehenden verringerten Kalibern von 8 und 9 mm (für Handfeuerwaffen) erscheint ein S. langsamer Zersetzung Imneft (l. Ein neues, von der Pulverfabrik b6 Rottweil (s. oben) fabriziertes Gewehrpulver soll erheblich vergrößerte Geschoßgeschwindigkeiten, geringere Verschmutzung und Erhitzung des Laufs, verminderte Rauchentwickelung gegenüber den bisherigen Sorten ergeben. Zu reinen Sprengzwecken wird entweder das gewöhnliche Geschützpulver benutzt, oder man fertigt ein besonderes Spreng⸗ oder Minenpulver, mit großen, runden, stark polierten Körnern von vermehrtem Schwefelgehalt, wodurch dasselbe gegen die Einwirkung der Feuchtigkeit widerstandsfähiger gemacht wird. Von den drei Bestandteilen des S. ist der Salpeter ein zusammengesetzter Stoff, welcher aus einer Verbindung von Salpetersäure mit Kaliumoxyd (Kali) hervorgeht. Die Elemente des Salpeters sind demnach Sauerstoff, Stickstoff, Kalium. Die Holzkohle, der Hauptsache nach Kohlenstoff, enthält, von den Holzbestandteilen herrührend, einen bei kürzerer Verkohlungsdauer größern, bei längerer geringern Prozentsatz von Sauerstoff und Wasserstoff. Der Schwefel ist ein einfacher Stoff. Unter dem Einfluß einer auf etwa 300 C. erhöhten Temperatur verbindet sich der Sauerstoff des Salpeters mit dem Kohlenstoff der Kohle zu Kohlensäure. Zum vollständigen Freiwerden des Sauerstoffs aus dem Salpeter trägt die Anwesenheit des Schwefels bei, welcher sich mit dem Kalium zu dem den festen Rückstand des S. bildenden Schwefelkalium verbindet. Der Stickstoff des Salpeters wird für sich frei. Durch die Bildung der Kohlensäure im Wege der Verbrennung steigt die Temperatur auf mehrere Tausende von Graden (zwischen 3000 bis 5000 C.). Das Schwefelkalium wandelt sich durch Oxydation zum größten Teil in schwefelsaures Kali um, außerdem entsteht kohlensaures Kali; durch Verflüchtigung des schwefel⸗ und kohlensauren Kalis und durch unverbrannt bleibende Kohle entsteht der Pulverrauch oder Pulverdampf. Die Bildung von Schwefelwasserstoff gibt letzterm den unangenehmen Geruch. Der Rückstand bildet gegen 60 Proz., die Gase nur gegen 40 Proz. der Verbrennungsprodukte des S. Von dem in einem Feuerrohre sich beim Schießen erzeugenden Rückstande wird der größte Teil durch die Gewalt der Gase aus dem Rohre geschleudert. Was zurückbleibt, wird bei feuchtem Wetter schleimig, bei trockenem erhärtet es und bildet die Pulverkruste. Der Rückstand erschwert das Laden und macht ein häufiges Reinigen des Rohrs nötig. Nach Berthelot (franz. Chemiker) ergibt kg Kriegspulver bei der Explosion 216 1 Gas und entwickelt 608000 Calorien oder Wärmeeinheiten (Grammcalorien). Als relative Stärke errechnet Berthelot 137000 für S. im Vergleich mit 472000 für Schießbaumwolle und 937000 für Nitroglyzerin. Bunsen hat die Gasspannung, welche bei der Verbrennung des S. im geschlossenen Raum erzeugt wird, zu 4373 Atmosphären errechnet, was einer Arbeit von 6740 Meterkilogramm entsprechen würde. Die praktische Messung der Kraft des S. geschieht gewöhnlich durch die Ermittelung der einem Geschoß unter bestimmten Verhältnissen verliehenen Geschwindigkeit, zu deren Bestimmung man sich eines auf dem Elektromagnetismus beruhenden Apparats, des Chronographen von Leboulenge bedient. (S. u. Chronoskop.) Eine weniger genaue Ermittelung der Kraft des S. ergibt sich aus der dem Geschoß mitgeteilten Schußweite. Die Gefährlichkeit, welche dem S. als leicht entzündlichem Stoffe von bedeutender Kraftentwickelung innewohnt, der nachteilige Einfluß, welchen die Feuchtigkeit der Luft und die Erschütterungen beim Transport auf seine Beschaffenheit üben, veranlassen zu Vorsichtsmaßregeln bei der Aufbewahrung, der Verarbeitung und dem Transport des S. (S. Magazine.) Fabriken für Kriegspulver sind in der Regel Staatsinstitute; sie liegen nach Möglichkeit isoliert und sind so gebaut, daß die einzelnen Arbeitslokale räumlich getrennt sind, um der Fortpflanzung einer etwaigen Explosion möglichst vorzubeugen. Die dem S. ähnlichen, durch veränderte Wahl eines oder mehrerer Grundbestandteile abweichenden Gemenge s. unter Explosivstoffe. Vgl. unter andern Rutzky, «Theorie der Schießpräparate und innern Ballistiko (Wien 1870); Upmann und von Meyer, «Das S., die Explosivkörper und die Feuerwerkereiv (Braunschw. 1874); Böckmann, «Die explosiven Stoffe (Wien 1880).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 340Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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