Schiesbaumwolle, Schießwolle, Pyrorylin, Nitrocellulose (coton fulminant, fulmicoton, fulmi-cotone), ist ein durch Umwandlung gewöhnlicher Baumwolle mittels Einwirkung konzentrierter Salpetersäure, gewöhnlich unter Anwesenheit von Schwefelsäure, sich bildender Explosivstoff, der in der Sprengtechnik eine Rolle spielt. Die Darstellung der S. wurde, nachdem schon vorher Bracounot, sowie Pelouze ähnliche Wirkungen der Salpetersäure auf Stärke, Papier u. s. w. beobachtet hatten, 1846 von Schönbein in Basel und gleichzeitig von Böttger in Frankfurt a. M. veröffentlicht. Die Entdeckung des neuen Explosivstoffs machte ungeheueres Aufsehen und wurde derselbe in verschiedenen Staaten einer Prüfung in Bezug auf militärtechnische Eigenschaften unterworfen, die aber zunächst nur in Ssterreich einen Erfolg hatte, um den sich besonders der Hauptmann von Lenk verdient gemacht. Ssterreich nahm um 1860 die S. als Treib⸗ und Sprengmittel in sein Waffensystem auf, ließ dieselbe aber bald wieder fallen, nachdem mehrfache Fälle der Selbstexplosion in Magazinen vorgekommen waren. In neuerer Zeit ist es jedoch in England, insbesondere dem Chemiker Abel des engl. Kriegsdepartements gelungen, in der sog. komprimierten S. ein Produkt von hoher Vollkommenheit herzustellen. Die S. findet daher jetzt, und zwar als Verbindung feuchter mit trockener S., ausgedehnte Verwendung zu Sprengpatronen, zu den Sprengarbeiten der Genietruppen, sowie zum Laden von Seeminen und Torpedos. Auch unterliegt sie Versuchen zur Anwendung als Sprengladung von Hohlgeschossen. Reine Baumwolle besteht als Cellulose aus Kohlen⸗, Wasser-, Sauerstoff (CeHIoO5); treten nun zu 2 Molekülen Cellulose 3 Molekule konzentrierte Salpetersäure (NaO5), so geben erstere beiden je 3 Atome Wasserstoff ab, welche sich mit 3 Atomen Sauerstoff der Salpetersäure zu 3 Molekülen Wasser (HeO) verbinden. Die Salpetersäure wird zu Untersalpetersäure (NO.) und es entsteht S. oder Trinitrocellulose (CeH-NO. J3 O;). Das ausscheidende Wasser wird von der bei der Präparierung der S. anwesenden Schwefelsäure begierig aufgesaugt und wird dadurch der Verdünnung der Salpetersäure, welche den Prozeß hemmen würde, vorgebeugt. Die Schwefelsäure wird späterhin durch Waschen entfernt. Durch das angegebene Verfahren gewinnt man die S. in Form von Flocken oder Strähnen. Sie hat als solche das Aussehen der Baumwolle, nur ist sie spezifisch schwer und knirscht beim Anfühlen. Sie ist unlöslich in Wasser, aber je nach der Konzentration der Säure, mit welcher sie bereitet wird, leichter oder schwerer löslich in einem Gemisch von Alkohol und Ather. Bei abnehmender Konzentration des Säuregemisches erhält man eine in Ather-Alkohol leicht lösliche, sog. Collodiumwolle oder Dinitrocellulose, welche bei der Entzündung nur schwach verpufft. (Vgl. Collodium, Bd. IV, S. 507.) Eigentliche S. ist in Ather-Alkohol unlöslich. In lockerm Zustand entzündet sie sich bei 120—170 C., auch durch Schlag und Stoß mit harten Körpern, und verbrennt ohne erheblichen Rückstand. Die Verbrennungsgase sind im luftleeren Raum Kohlenoxyd, Wassergas und Stickstoffgas; die Explosionsgase enthalten außerdem noch Kohlensäure. Nach Berthelot (franz. Chemiker) ergibt 1 kg S. bei der Explosion 801 1 Gas; die Anzahl der Calorien oder Wärmeeinheiten (Grammealorien) ist 590000. Als Anhalt für die relative Stärke der wichtigern Sprengstoffe errechnet Berthelot für S. 472000 gegen 137000 für Schießpulver und 937000 für Nitroglyzerin. Die S. zieht in gewöhnlichem Zustande aus der Luft Feuchtigkeit an und ist dann zu Selbstzersetzung geneigt, die zu Selbstentzündung werden kann. Nach dem Abelschen Verfahren erhält man die S. in stark komprimiertem Zustande. Die auf gewöhnlichem Wege gewonnene S. wird zu dem Ende zerkleinert und in einen Zustand feiner Verteilung gebracht und der stark mit Wasser versetzte Brei zuerst mit Hebelpressen und dann mit starken hydraulischen Pressen verdichtet, demnächst getrocknet; dieselbe kann auch in Körnerform übergeführt werden. Solche S. ist in feuchtem Zustande gegen Stoß oder Schlag unempfindlich; wenn angezündet, brennt sie ruhig ab. Getrocknet und in Verbindung mit feuchter S. ist sie zwar auch gegen Stoß oder Schlag unempfindlich, explodiert jedoch durch Zündhütchen; 100—150 g S. durchschlagen eine Eisenbahnschiene gänzlich. Der freiwilligen Zersetzung der S. wird durch Imprägnierung mit Wasserglas oder Soda vorgebeugt. Wenn es nun auch gelungen ist, der S. die nötige Haltbarkeit und einen geringern Grad der Gefährlichkeit als früher zu geben, so kann sie doch wegen ihrer raschen Verbrennung und damit verbundenen Brisanz nicht als Treibmittel in Betracht kommen, sondern bleibt auf die Anwendung in der Sprengtechnik beschränkt. (S. auch Explosivstoffe.) Vgl. Böckmann, Die explosiven Stoffe» (Wien 1880). Bezüglich der Herstellung von Celluloid aus S. s. Celluloid, Bd. IV, S. 105.