Schottische Dichter. Während in dem nördl. Schottland noch bis jetzt eine kelt. Mundart gesprochen wird, hatte sich in dem südl. Teile des Landes schon seit dem 11. Jahrh. das Angelsächsische eingebürgert, welches sich durch die zahlreichen Einwanderer aus England immer mehr verbreitete. Die Sprache, die in der größern und bevölkertern Hälfte Schottlands geredet ward, zeichnete sich zwar durch manche dialektische Eigentümlichkeiten aus, war aber in ihren Hauptzügen englisch, wie ihre ältesten Denkmäler, die aus dem 13. bis 14. Jahrh. stammen, beweisen. Von den Gedichten des Thomas von Ercildoune, genannt der Reimer, der gegen das J. 1300 lebte, haben sich allerdings nur einige Verse von höchst zweifelhafter Echtheit erhalten; dagegen hinterließ John Barbour (s. d.), Archidiakonus von Aberdeen (1357), zwei größere Gedichte in schott. Mundart, wovon das zweite, welches die Heldenthaten Robert Bruces besingt, vollständig überliefert ist. Von ähnlichem Charakter ist die um 1420 von dem Geistlichen Andrew Wyntoun geschriebene «Orygynale Cronykil of Scotlando, herausg. von David Macpherson (2 Bde., Lond. 1795). Große Popularität erwarb sich ein Volksepos von ganz nationalem Charakter über den Helden Wallace, dessen Ursprung in das J. 1460 fällt, und dessen nur unter dem Namen des blinden Harry bekannter Verfasser ein wandernder Minstrel oder Bänkelsänger war. Sein Gedicht ist in einer von W. Hamilton besorgten Bearbeitung noch heute ein Lieblingsbuch des schott. Landvolks. Eine glänzende, wenngleich kurze Epoche beginnt für die schott. Dichtkunst zu Anfang des 16. Jahrh. mit William Dunbar (s. d.). Seine Werke bestehen hauptsächlich in allegorischen und moralischen Gedichten, die sich teils durch lebhafte Schilderungen und kräftigen Ausdruck empfehlen, teils durch tiefes Gefühl und einen an Schwermut grenzenden Ernst bezeichnet sind. Seine poetischen Erzählungen sind in der Art des Boccaccio gehalten und nicht frei von Sittenlosigkeit. (Vgl. Schipper, «William Dunbar, sein Leben und seine Gedichte v, Berl. 1884.) Gleichzeitig mit Dunbar glänzte als Dichter Gavin Douglas, Bischof von Dunkeld (gest. 1522), der sich vornehmlich durch die Übersetzung der Aneide in schott. Verse verdient machte, dessen Stil aber durch Latinismen entstellt wird. Robert Henryson, Schulmeister zu Dunfermline, schrieb The testament of Cresseido, als Fortsetzung von Chaucers romantischem Gedicht Troylus and Cresseido, und eine Reihe von Fabeln, in welchen sich glücklicher Humor mit einer reinen Moral verbindet. Alexander Scots Liebesgedichte erwarben ihm den Beinamen des schott. Anakreon. Sir David Lyndsay (gest. 1555) schrieb satirische Gedichte, die meist gegen den kath. Klerus gerichtet waren, wie Kittie's confessionp (1541); ja in dem satirischen Drama The three estates o, welches 1535 öffentlich aufgeführt wurde, wagte er sogar, König, Adel und Geistlichkeit gleichmäßig zu verspotten. (Seine Poetical worksov wurden herausg. von George Chalmers, 3 Bde., Lond. 1806.) Während der ganzen zweiten Hälfte des 16. Jahrh. war das Land von innern Fehden zerrissen, die alle Poesie verscheuchten, und der starre Geist des Calvinismus, der sich mit der Reformation festsetzte, ließ das Drama nicht aufkommen, auf welchem Gebiete die engl. Dichter so große Erfolge errangen. Sir Richard Maitland (gest. 1586) und Alexander Hume (gest. 1609) schrieben nur religiöse und moralische Gedichte. Von Alexander Montgomerie hat man eine ziemlich schwache Allegorie The cherrie and the slaey (1597), die sich indes durch Glätte der Diktion und ansprechenden Versbau empfiehlt; Jakobs VI. Essayés of a prentice in the divine art of poesien (1584) sind nur dadurch merkwürdig, daß sie von einem König geschrieben wurden. Nachdem dieser Fürst den engl. Thron bestiegen und den Hof nach London übersiedelte, hörte die gebildete Welt, die stets das Lateinische vorgezogen hatte, ganz auf, sich der heimatlichen Mundart zu ihren schriftstellerischen Produkten zu bedienen. Auch jetzt schrieben Arthur Johnstone und einige andere nach Buchanans (s. d.) Beispiel lat. Verse; aber Sir Robert Ayton (gest. 1638), William Drummond (gest. 1649) und alle übrigen Schotten, die sich im 17. Jahrh. durch poetisches Talent auszeichneten, schlossen sich der gleichzeitigen engl. Dichterschule an. Während daher die engl. Sprache immer sorgfältiger bearbeitet wurde, sank das Schottische zu einer lingua rustica herab, der man in der Litteratur keinen Platz mehr gönnte. Fast ein Jahrhundert lang hatte die schott. Muse geschwiegen oder sich nur schwach vernehmen lassen, als der Genius Allan Ramsays (s. d.), gest. 1758, sie von neuem belebte; der originelle Humor Ramsays, seine malerischen Skizzen, in welchen sich die Sitten und Gebräuche seiner Landsleute abspiegelten, brachten eine mächtige Wirkung hervor. Dabei zeigte Ramsay durch seinen 4Gentle shepherdo, daß die schott. Volkssprache mit dem ihr eigenen Charakter der Naivetät und Herzlichkeit auch eines zartern und edlern Ausdrucks fähig sei. Dem Englischen gegenüber, welches unterdessen allgemeine Büchersprache geworden, konnte zwar das Schottische nur auf eine bescheidene Stelle Anspruch machen. Aber der Anstoß war gegeben, und es fanden sich bald Nachahmer, welche die von Ramsay und seinem Freunde Robert Crawford (gest. 1733) eröffnete Bahn verfolgten. Robert Fergusson (gest. 1774) schrieb Satiren und poetische Schilderungen, die nur von Burns übertroffen wurden, Alexander Roß (gest. 1784) eine Idylle The fortunate shepherdo. Eine mächtige Wirkung brachte die Veröffentlichung der berühmten Sammlung altengl. Volkslieder durch Bischof Percy 1765 hervor, die ein allgemeines, tiefgehendes Interesse auch an den reichen Schätzen schott. Volkspoesie erweckten. David Herd veröffentlichte schon 1769 eine ziemlich vollständige Sammlung «Scottish songs and balladsbv. Im J. 1771 erschien die herrliche Ballade HAuld Robin Grayo, eins der zartesten und rührendsten Bilder schott. Volkslebens, dessen Verfasserin erst ein halbes Jahrhundert später in Lady Anne Barnard, Tochter des Grafen Balcarres (gest. 1825), bekannt wurde. Außerdem versuchten sich mit Glück als Liederdichter John Love (gest. 1798), John Skinner, Verfasser des Tullochorumso (gest. 1807), Jane Elliot, Susanna Blamire (gest. 1794) und Alicia Cockburn (gest. 1794). Endlich veröffentlichte Robert Burns (s. d.). 1786 seine ersten Dichtungen, die nicht nur in Schottland, sondern auch in England mit Begeisterung aufgenommen wurden. Als Dichter gehört Burns allen Zeiten und allen Nationen an; in seiner Redeweise, seinen Empfindungen und selbst in seinen Vorurteilen aber ist er echter Schotte. Nur durch ihn ward es mö lich, daß Walter Scott den schott. Dialekt in seucheanriey-Romanen anwenden konnte. Auf seine Landsleute übte Burns den belebendsten Einfluß aus, und viele eiferten ihm nach, wenn auch keiner ihn erreichte. Am nächsten kamen ihm vielleicht Alexander Wilson (gest. 1813) in dem „Watty and Mego und John Mayne (gest. 1836) in dem 4Siller Guno», das sich durch eine glückliche Mischung von Laune und Pathos empfiehlt, während der derbe Humor Sir Alexander Boswells oft in Roheit ausartet. Von den Liedern Robert Tannahills (gest. 1810) sind namentlich The flower o Dumblanes und «The Braes 0 Balquhithero Eigentum des Volks geworden, und Hector Macneill (gest. 1818) stellte in Scotland's skaith, or the history o Will and Jeano das Nationallaster der Unmäßigkeit und seine traurigen Folgen in ergreifenden Zügen dar. Unter allen schott. Dichtern entwickelte James Hogg (s. d.) die glänzendste, wenn auch ungezügelte Phantasie. Allan Cunningham (s. d.) und William Motherwell (gest. 1835) bearbeiteten nach dem Vorgange Scotts (eThe minstrelsy of the Scottish bordero, 3 Bde., 1802) die alten Volkssagen, James Hislop (gest. 1827) feierte die Märtyrer des Covenant und Robert Nicoll (gest. 1837) schrieb didaktische Gedichte. Neuerdings erwarben sich große Popularität die Dichtungen Robert Gilfillans, John Wilsons und William Edmonstone Aytouns (f. d.), dessen Lays ot the Scottish cavalierso namentlich ein kräftiges Nationalgefühl atmen. Neben Aytoun ist am bekanntesten geworden Alexander Smith (s. d.). Vgl. Bonar, «The poets and poetry of Scotlando (Lond. 1864); Murray, «The ballads and songs of Scotland in view of their influence on the character of the peopleo (Lond. 1874).