FeedSchriftflechten
Handwerk & GewerbeBrockhaus 1882

Schriftflechten, s. Graphideen. Schriftgießerei. Der Erfindung der Buchdruckerkunst folgte bald die der S., denn sobald man geschnittene Holzplatten zu einzelnen Buchstaben zerteilte und diese als bewegliche Typen zum Satze verwendete, mußte man darauf denken, viele und gleichmäßige Typen auf vorteilhaftere Weise anzufertigen. Schon Peter Schöffer wendete 1452 ein Gußverfahren an. So wie die Erfindung der Buchdruckerei eine deutsche ist, so brachten auch Deutsche die S. zuerst auf eine hohe Stufe der Vollkommenheit, denn Arn. Pannartz und Konr. Sweynheym erfanden 1467, während man bis dahin nur deutsche (gotische) Lettern verwendet hatte, in Rom die jetzt noch gebräuchliche lateinische, die Antiquaschrift. Das erste Erfordernis zu einer Schrift sind die Stempel, mittels deren die Formen zum Gusse der Lettern oder Schriften (s. d.P erzeugt werden. Die ersten Stempelschneider waren in Nürnberg, und man ließ sich die Abschläge der Schriftstempel von dort kommen. In Leipzig wurde die erste S. 1656 von Hahn gegründet, welche nachher an Janson überging, und aus der die Eberhardsche entstand; diese hatte Stempel von Nürnberg. Erst Müller legte sich auf die Stempelschneiderei, und nach seinem Tode kamen seine Stempel und seine Gießerei durch Heirat seiner Witwe 1719 an Bernh. Christoph Breitkopf, dessen Sohn, Johann Gottlob Immanuel Breitkopf (s. d.), der eigentliche Schöpfer der leipziger Typographie wurde. Die ausgezeichnetsten Stempelschneider der neuern Zeit sind die von Bodoni, Elzevier und Stephanus, Baskerville, Didot, Zink, Schmidt u. May. Gegenwärtig genießen die Schriften der Gießereien von Breitkopf u. Härtel, Brockhaus in Leipzig, Klinkhardt, Schelter u. Giesecke in Leipzig und Wien, Flinsch, Krebs Nachfolger und Bauer in Frankfurt a. M., Gronau, Wöllmer und Theinhardt in Berlin, Bauer u. Comp. in Stuttgart u. a., sowie der Staatsdruckereien in Berlin und Wien eines hohen Rufs. Was die Technik der S. betrifft, so geschieht der Guß in den sog. Gießinstrumenten, welche man für die verschiedenen Lettern einer und derselben Schriftart weiter und enger, je nach der Breite der Lettern, machen und für die Schriftformen, die Matrizen, verändern kann. Die letztern bestehen aus einem Stückchen Kupfer, in welchem mittels eines stählernen, gehärteten Stempels (Patrize) die der Letter vertieft abgeprägt ist, und welche dann genau justiert werden. Die Matrize wird nun in das Instrument gesetzt und dessen einzelne Teile dann nach der Schrifthöhe und der Breite des Buchstabenkörpers (Kegel) durch Schrauben festgestellt. In die auf solche Weise vorbereitete Form gießt nun der Arbeiter das geschmolzene Schriftzeug, eine Mischung von Blei und Antimon, welcher oft auch Zinn und Kupfer zugesetzt wird, worauf die Form öffnet, die Letter auswirft und das Instrument wieder zum Guß schließt. Von dem gegossenen Buchstaben wird nun der Anguß abgebrochen, der an den Kanten vorstehende Grad durch Reiben auf einem Sandstein oder auf einer Schleifmaschine zwischen Stahlplatten mit Feilenhieb abgeschliffen und eine ganze Reihe solcher Buchstaben in dem Bestoßinstrument genau abgeglichen, welches mittels eines genau stellbaren Hobels geschieht, sodaß alle Buchstaben gleiche Höhe erhalten; dann werden sie vollends bestoßen und in Pakete zur Ablieferung gesetzt. Die großen Buchstaben zu Plakaten und Anzeigen wurden ehemals in Sand, später in Gips geformt und gegossen. Pfnorr in Darmstadt hat dazu eigens konstruierte Fallwerke, sog. Clichiermaschinen (s. Clichieren) erfunden, wo das Metall in die Formen getrieben wird. Auch auf dem Wege der Galvanoplastik lassen sich — gute Matrizen für die S. erzeugen, welche sehr scharfe Lettern geben. Da das Gießen der einzelnen Lettern sehr zeitraubend war, kam man auf den Gedanken, Maschinen zu bauen, welche diese Arbeit schneller und in derselben Güte machen sollten. Applegath in London und andere konstruierten dergleichen Maschinen, die aber sämtlich ihrem Zweck nicht entsprachen. Endlich wurde in Amerika eine solche Maschine ein Patent genommen, na welcher E. Hänel in Berlin Maschinen baute. Dies Modell war es, welches in der Mechanischen Werkstätte von F. A. Brockhaus in Leipzig so wesentlich umgewandelt wurde, daß die jetzt vielfach verbesserten Schriftgießmaschinen verschiedener Konstruktion daraus entstanden, mittels derer ein Arbeiter in der Stunde 1500—2000 Buchstaben gießen kann. Die Lettern werden sehr scharf und gewähren noch nebenbei den Vorteil, daß sie bedeutend leichter sind. Die Maschine besteht in einem kleinen Kessel, der über einem Ofen steht, und in welchem sich eine kräftige Druckpumpe befindet, welche durch eine Kurbel an der Maschine dergestalt Betrieb gesetzt wird, daß sie in gewissen Zwischenräumen einen Strahl des in dem Kessel befindlichen geschmolzenen Metalls ausspritzt. Im Augenblick des Ausspritzens führt die Maschine durch Umdrehung der Kurbel das an einem Hebel befindliche Gießinstrument vor die Ausgußöffnung und drückt es dort fest an. Die Zeit zwischen zwei Ausspritzungen des Metalls wendet die Maschine dazu an, das Instrument von dem Kessel zu entfernen, zu öffnen, den fertigen Buchstaben auszuwerfen, das Instrument wieder zu schließen und gegen den Kessel anzudrücken. Alle diese Arbeiten werden durch die Bewegung einer Kurbel von einem Arbeiter verrichtet, der außerdem die Ausgußöffnung und die Form stets rein zu halten hat. Für jeden Buchstaben wird das Instrument besonders vorgerichtet. Neuerdings sind sog. Komplettmaschinen erfunden und in Gebrauch genommen worden, welche alle Manipulationen des Gusses und des Fertigmachens der Lettern bewirken und einen sehr schönen und sich billig stellenden Guß liefern. Vgl. Bachmann, «Die S.» (Opz. 1867); Waldow, «Encyklopädie der graphischen Künste (Lpz. 1884); Smalian, «Praktisches Handbuch für Buchdrucker im Verkehr mit S.» (Lpz. 1877).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 499Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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