FeedSchreibkunst
TechnikBrockhaus 1882

Schreibkunst, im eigentlichen Sinne die Fertigkeit, Gedanken durch sichtbare Zeichen dauernden Ausdruck zu geben, hat ihren Ursprung in der sagenhaften Vorzeit. Die ältesten bekannten Schriften reichen bis einige Jahrtausende v. Chr. und zeigen die S. schon in hoher Entwickelung. Früher ein Privilegium der Priester und besonders Bevorzugter der Großen, behielt sie lange ihre Uübung und Pflege hauptsächlich in Klöstern, bis mit Beginn der Buchdruckerkunst die S. begann, ein Bedürfnis fürs praktische Leben zu werden, und aufhörte, als Kunst zu gelten. In ältester Zeit schrieb man auf Stein, Holz, Metall, Leder, später auf Papyrus, Wachstafeln, Thon, dann auf Pergament, seit Anfang des 14. Jahrh. meist auf Papier, welches seit zwei Jahrhunderten ausschließlich im Gebrauch ist. Je nach dem Material wurden die Schriftzeichen mit scharfen Instrumenten eingehauen oder eingeritzt, mit Formen eingeprägt, oder mit Pinseln und Schreibrohrfarbig Fedepttele d. In den letzten Jahrhunderten bildeten Federkiele das Hauptschreibwerkzeug, sind aber im 19. Jahrh. durch Schreibfedern aus Stahl verdrängt worden. Einen höhern Grad der S. bildet die Schönschreibkunst oder Kalligraphie. Sie bedient sich meist der Zierschriften, bei denen es hauptsächlich auf ästhetischen Effekt ankommt, und erfordert besondere Geschicklichkeit. Hierher gehört auch die Schriftmalerei, die Ausschmückung einzelner Buchstaben mit Ornamenten und Bildern. Letztere, Riniaturen genannt, waren besonders im 12. Jahrh. üblich und bildeten einen besondern Zweig der Malerei. Die Darstellung ganz kleiner, mit bloßem Auge kaum lesbarer Schrift, aus der man allerhand Figuren, selbst Porträts bildete, sind als Spielerei und Verirrung zu bezeichnen, ebenso die bis zur Unkenntlichkeit getriebene Überladung der Großbuchstaben mit Schnörkeln, die im 16. und 17. Jahrh. von den Neudörffern in Nürnberg besonders gepflegt wurde. Die Stenographie (s. d.). bedient sich sehr kurzer Zeichen und die Geheimschrift besteht aus der Anwendung besonders verabredeter (geheimer) Zeichen. (S. vöhnüche Se und Dechifluchttars de Die gewöhnliche Schreibschrift besteht aus den bekannten 24 — 26 Buchstaben des Alphabets, und zwar zum kleinen Teil aus Großbuchstaben zur Hervorhebung von Wörtern und Satzanfängen, meist aber aus Kleinbuchstaben, welche aus einer Verkürzung der Form der Großbuchstaben entstanden sind. Die S. fand seit dem 15. Jahrh. in den westeurop. Ländern die sorgfältigste Pflege. Obenan steht Italien, es überlieferte die reinen lat. Antiquaformen und das Vorbild, diese Formen in geläufigen Zügen nachzuschreiben. Spanien, Frankreich, England und Holland folgten dem Beispiel Italiens, indem sie vor und nach an Stelle der aus der geläufigen Darstellung der eckigen got. Buchschrift entstandenen spitzen Buchstabenformen zum Gebrauche der rundlichen lat. Schrift übergingen, in gleicher Weise, wie sie die eckige Druckschrift mit der einfachern und deutlichern lat. Druckschrift vertauschten. Auf Deutschland blieben die Fortschritte des Auslandes ohne Einfluß, weil seinen Schreibmeistern, welche zu sehr der Kleinschreiberei und dem Schnörkelwesen zugethan waren, das richtige Verständnis dafür fehlte. An einzelnen guten Versuchen hat es zwar nicht gefehlt, doch sind sie nicht durchgedrungen, und gegenwärtig noch besteht die deutsche Schreibschrift aus Formen, welche mit den dafür vorgeschriebenen spitzen Federn nicht nachgeschrieben werden können. Der Schreibunterricht wie die Schrift selbst stehen in Deutschland mit dem allgemeinen Entwickelungsgange der Schrift außer Zusammenhang. Die von den Brüdern Grimm u. a. angeregten, in neuester Zeit von Soennecken eingehend begründeten Bestrebungen, den früher versäumten Anschluß an die naturgemäße Weiterentwickelung der Schrift durch allgemeine Einführung der lat. Schrift anzubahnen, finden Widersacher bei denen, welche in falschem Patriotismus die spitze Schreibschrift und die eckige Druckschrift für etwas eigentümlich Deutsches halten, während beides nur von andern Nationen früher schon abgelegte Mißbildungen sind. Vgl. Bauernfeind, Vollkommene Wiederherstellung der Schreibkunsto (Nürnb. 1716); Wattenbach, «Das Schriftwesen im Mittelalter » (Lpz. 1875); Soennecken, „Das deutsche Schriftwesend (Bonn u. Lpz. 1881).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 493Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 3

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Technik 6