Seebäder waren zwar schon im Altertum gebraucht, wurden aber bis auf die neuere Zeit wenig als Heilmittel angewendet. Im 18. Jahrh. wurden sie zuerst in England üblich, später auch in Deutschland, nachdem Lichtenberg und Janus auf ihren Nutzen aufmerksam gemacht hatten. Das älteste deutsche Seebad ist Doberan (1793). Die Wirkun g des Seebades beruht weniger auf dem Salzehalt des Wassers, als vielmehr auf der Einwirung des Wellenschlags, dem Einatmen der (salzhaltigen) Seeluft, dem Aufenthalt an der Küste (unter höherm Luftdruck) und der durchaus veränderten Lebensweise. Je nach der Stärke des Wellenschlags, der Temperatur, der geschützten Lage des Ortes sind die S. in ihrem Werte verschieden. Die Heilwirkungen, welche man durch S. zu erzielen sucht, sind teils eine reizende und stärkende auf das Muskel⸗ und Nervensystem, sowie auf die äußere Haut, teils eine sog. zerteilende, auflösende für das Lymph-⸗ und Drüsensystem. Namentlich wirkt das Seebad außerordentlich kräftigend und abhärtend auf die Haut, leitet von innern Organen ab, vermehrt den Appetit und befördert dadurch nicht wenig Conversations-Lexikon. 13. Aufl. XIV. die gesamte Ernährung. Es wird daher vorzugsweise bei chronischen Nervenkrankheiten, bei Drüsenkrankheiten, skrofulösen Geschwülsten und Verhärstronul chronischen Hautausschlägen, besonders skrofulöser Art, Erschlaffung der Haut und Neigung zu gichtischen und Ihenmalischen Übeln angewendet. Schädlich jedoch sind die S. bei Vollblütigkeit, Gem nischen Magen- und Leberkrankheiten, chronischem Lungenkatarrh und Lungenschwindsucht. Bäder von erwärmtem Seewasser verdienen in manchen Fällen den Vorzug. Die passendste Zeit zu einer Seebadekur ist von Mitte Juli bis Mitte September. In den meisten S. ist die Einrichtung des Bades folgende. Man läßt sich in einem bedeckten Karren, der nach der Seeseite eine Thüre mit einer kleinen Treppe hat, in die See schieben, entkleidet sich darin und steigt dann in die See hinab, in welcher man 5, höchstens 10 Minuten verweilt. Nach dem Bade ist ein Spaziergang am Strande von der Dauer einer halben bis ganzen Stunde nötig; dann muß Ruhe und Erfrischung folgen. Die beste Zeit zum Baden ist in den Morgenstunden bei noch nüchternem Magen oder nach einem sehr leichten Frühstück. Mehrmals an einem Tage zu baden, ist schädlich; en. reichen 30 Bäder hin, um die erwünschte Wirkung hervorzubringen. Als die vorzüglichsten S. sind zu nennen: 1) an der Ostsee Cranz, Zoppot, Rügenwalde, Kolberg, Prerow, Putbus und Saßnitz auf Rügen, Warnemünde, Swinemünde, Ahlbeck, Heringsdorf, Dievenow und Misdroy, Doberan, Travemünde, Düsternbrook bei Kiel und Marienlyst auf Seeland; 2) an der Nord see (deren Salzgehalt und Wellenschlag bedeutender ist, die außerdem auch Ebbe und Flut hat): Wyk auf Föhr, Westerland auf Sylt, Helgoland, Cuxhaven, Wangeroog Spiekeroog, Norderney, Borkum, Ramsgate, Margate, Harwich, Yarmouth, Scheveningen, Blankenberghe und Ostende; 3) am Kanal (wo die Fluthöhe bedeutender): Dover, Brighton, Southampton, Portsmouth, Wight, Dieppe, Boulogne und Havre-de-Gräce; 4) im Mittelländischen und Adriatischen Meere (wo das Meerwasser wärmer und keine Flut ist): Marseille, Messina, Neapel, Nizza, Genua, Livorno, Venedig, Triest. Vgl. außer der Litteratur zur Balneographie: Fromm, «über die Bedeutung und den Gebrauch der S.v (2. Aufl., Norden 1883).