FeedSeewarte (Deutsche)
VerkehrBrockhaus 1882

Seewarte (Deutsche), eine Anstalt, welche die Aufgabe hat, die Kenntnis der Naturverhältnisse des Meeres, soweit diese für die Schiffahrt von Interesse sind, sowie die Kenntnis der Witterungserscheinungen an den deutschen Küsten zu fördern und zur Sicherung und Erleichterung des Schifffahrtsverkehrs zu verwerten. Sie wurde als „Norddeutsche S.v von W. von Freeden 1868 gegründet und bis 1874 geleitet, durch Reichsgesetz vom 9. Jan. 1875 aber in ein Reichsinstitut verwandelt, ihr Geschäftskreis bedeutend erweitert und ihre Einrichtung und Verwaltung durch Verordnung vom 26. Dez. 1875 geregelt. Der Sitz dieses Reichsinstituts, welches in seiner gegenwärtigen Thätigkeitssphäre kaum ein Analogon in einem andern modernen seefahrenden Staate hat, ist Hamburg, sein erster Direktor der Geh. Admiralitätsrat Dr. G.Neumayer. Entsprechend den verschiedenen, von der Deutschen S. zu lösenden Aufgaben, zerfällt dieselbe in vier Abteilungen, welche sich in ihren resp. Arbeiten gegenseitig unterstützen und ergänzen, und durch die Direktion in einem für ein erfolgreiches Wirken unerläßlichen innern organischen Zusammenhange erhalten werden. Der ersten dieser Abteilungen liegt die Bearbeitung der Aufgaben der maritimen Meteorologie ob. In erster Linie also hat dieselbe die Arbeit meteorolog. Beobachtungen auf der See zu organisieren, d. h. die Instrumente und die Journale, nebst entsprechender Instruktion zu deren Führung, an die Kapitäne der deutschen Handelsmarine zu geben, sodann hat sie die von denselben gemachten Beobachtungen einzufordern, zu reduzieren, zu ordnen und die für die Schiffahrt wichtigen Resultate daraus abzuleiten, welche in der Bearbeitung und Herausgabe von Segelhandbüchern über alle Meere der Erde gipfeln. Die Zahl der Mitarbeiter aus den Reihen der Kapitäne deutscher Kauffahrteischiffe übersteigt jetzt schon 390. Die zweite Abteilung hat sich mit der Untersuchung der in der praktischen Nautik verwendeten Instrumente, als: Sextanten, Kompasse, Logapparate, Barometer, Thermometer, Aräometer u. s. w. zu befassen. Außerdem liegt derselben die Bearbeitung der Frage der Abweichung (Deviation) der Kompasse an Bord eiserner Schiffe ob, sowie die Pflege der wissenschaftlichen Nautik überhaupt. Die dritte Abteilung befaßt sich mit der ausübenden Witterungskunde für das Gebiet des Deutschen Reichs, insbesondere der deutschen Küste, und es ist dieselbe die Centralstelle für die Witterungsmitteilungen und Sturmwarnungen. In ihr werden alle telegraphischen Witterungsberichte von Europa gesammelt und von ihr gehen solche Berichte wieder aus an die Zweigorgane der S. an der Küste, an die Tagespresse und die Schifferinstitute in Europa. Es steht zu erwarten, daß die S. später auch als Centralstelle für den meteorolog. Dienst im Interesse der Landwirtschaft für Deutschland funktionieren wird. Die vierte Abteilung ist ausschließlich der Prüfung der Schiffschronometer gewidmet; alljährlich werden in ihr zahlreiche Instrumente dieser Art mit Rücksicht auf den Einfluß der Temperatur u. s. w. untersucht; auch wird von ihr eine Konkurrenzprüfung deutscher Chronometerfabrikate abgehalten. Seit April 1882 ist mit der S. ein Lehrkursus für Navigationsschul-Aspiranten errichtet, der alljährlich von April bis September abgehalten wird. Diese nützliche Einrichtung wird auch von ältern Navigationslehrern benutzt. Die Instrumenten⸗ und Modellsammlung des Instituts umfaßt Instrumente und Apparate aus dem ganzen Gebiete der Nautik und Meteorologie, sowie auch eine Anzahl von Apparaten, welche speziell zu wissenschaftlichen Untersuchungen bestimmt sind. Dahin gehören Anemometer, magnetische Instrumente zu praktischen und streng wissenschaftlichen Zwecken, geodätische Apparate u. s. w. Observatorien und Beobachtungsräume, mit selbstregistrierenden Apparaten verschiedenster Art und zu verschiedenen Zwecken Beoach dienen zur Durchführung der systematischen Beobachtungen, welche zu dem Forschungskreise des Instituts gehören. Die Bibliothek umfaßt 12—14 000 Bände und zwar Werke, welche vorzugsweise Gegenstände der Nautik, praktischen Navigation, Meteorologie und Physik, sowie die allgemeine Geographie und Naturkunde behandeln. Den größten Teil dieser Werke bildet ein Teil der Bibliothek Doves, welche vom Reich für die S. erworben und den litterarischen Sammlungen, wozu auch eine über 1000 Cxemplare zählende Seekartensammlung gehört, einverleibt wurde. Ein namentlich für Seeleute in den Tagesstunden stets geöffnetes Lesezimmer gestattet die Benutzung der wertvollen Sammlungen in nahezu unbeschränkter Weise. Das Personal besteht aus 30—32 teils Gelehrten, teils praktischen Seeleuten und Verwaltungsbeamten. Das Institut befindet sich seit September 1881 in einem eigenen, für die Zwecke desselben besonders berechneten Gebäude. Das Gebäude liegt auf dem Stintfang (Elbhöhe); von den Türmen genießt man eine prachtvolle Aussicht über den Hafen und die Inseln zwischen den Armen der Elbe. Unmittelbar unter der Verwaltung der Deutschen S. als Centralstelle stehen 16—18 Agenturen in den vorzüglichsten deutschen Hafenplätzen, welche eine mehr oder minder vollständige Ausstattung an Instrumenten, Karten, Büchern u. s. w. haben und dazu berufen sind, auch an andern Orten im Sinne des Centralinstituts zu wirken, ferner acht Normalbeobachtungsstationen (Memel, Neufahrwasser, Swinemünde, Wustrow, Kiel, Keitum, Wilhelmshaven, Borkum), welche mit einer Serie von meteorolog. Registrierapparaten und andern meteorolog. Instrumenten versehen sind und die Aufgabe haben, die Witterungsphänomene in strengster Weise zu verfolgen und Mitteilungen telegraphisch, wie auch in Journalen an die Centralstelle gelangen zu lassen. Endlich gehören zum Ressort der Deutschen S. die Signalstellen, welche Witterungsberichte und Warnungen von der Centralstelle telegraphisch empfangen und wieder zur Kenntnis des nautischen Publikums teils durch Signale (Signalmaste), teils durch Anschlag u. s. w. bringen. Solcher Signalstellen sind von Memel bis Borkum längs der deutschen Küste 45, in ziemlich gleichmäßiger Weise verteilt, eingerichtet und seit 1876 in Thätigkeit. Litteratur. Das Organ der Deutschen S. sind die Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologies (herausg. von der kaiserl. Admiralität, Berl. 1873 fg.), von denen die ersten drei Jahrgänge als «Hydrographische Mitteilungeno erschienen. Außerdem erscheinen an fortlaufenden Veröffentlichungen des Instituts: Die täglichen Wetterkarten und Bulletinso (10 Jahrgänge), Der Piloter, ein Handbuch für Segelschiffe (4 Bde.), „Die d übersicht der Witterungo (10Jahrgänge), Aus dem Archiv der Deutschen Seewartey Jahrgänge), «Meteorologische Beobachtungen in Deutschlando (6 Jahrgänge), Tägliche synoptische Wetterkarten für den Nordatlantischen Oceanv (2 Jahrgänge, mit dem Dänischen meteorologischen Institut gemeinsam), «Die Quadrate des Atlantischen Oceanso (bis 1886 6 Bde.). Von Segelhandbüchern ist das für den Atlantischen Ocean erschienen (mit einem Atlas). Alljährlich veröffentlicht die Direktion einen Jahresbericht, von welchem bis jetzt der siebente (1884) erschienen ist; aus diesen Berichten ergibt sich der Fortgang in den Arbeiten und das Gedeihen des Instituts.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 655Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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