FeedSehe
TierreichBrockhaus 1882

Sehe, soviel wie Pupille. Sehen. Am S. sind beteiligt 1) die in der Netzhaut ausgebreiteten letzten Endigungen des Sehnerven (Stäbchen⸗ und Zapfenschicht), welche auf die Einwirkung von Lichtstrahlen durch eine bestimmte Erregung reagieren; 2) die Sehnerven, deren Fasern die Erregung nach denjenigen Gehirnteilen leiten, in welchen sie wurzeln; 3) diese Gehirnteile selbst, in denen die Erregung in Lichtempfindung umgesetzt wird. Während die Erregung durch Lichtstrahlen keinem andern Nerven, sondern ausschließlich der erwähnten Netzhautschicht zukommt, ruft jede andersartige (mechan., elektrische, thermische, chem.) Reizung der beim S. beteiligten Substanzen immer nur dieselbe Erregungsform, nämlich die Lichtempfindung, hervor. Bei den vollkommenern Tieren bilden nun die Querschnitte der Stäbchen und Zapfen ein sehr feines Mosaik und wird das von einem jeden Punkte eines leuchtenden Objekts ausgehende Licht auf ein Feldchen dieses Mosaiks konzentriert, und die dadurch hervorgerufene Erregung gesondert zum Gehirn geleitet, das demnach ebenso viele Einzeleindrücke erhält, als Feldchen des Mosaiks vom Licht getroffen werden. Das auf der Netzhaut entworfene Mosaikbild eines Objekts, das desto mehr einem kontinuierlichen Bilde gleichen muß, je feiner und zahlreicher die Feldchen sind, kommt in dieser Weise zur Anschauung. über die Weise, in welcher die Wirkung der Lichtstrahlen in Lichtempfindung umgesetzt wird, wissen wir nur, daß eine chem. Einwirkung auf das von Boll und Kühne entdeckte Sehrot (Sehpurpur), d. i. eine die Netzhaut durchdringende blaßrote, durch Einwirkung des Lichts erblassende Substanz, eine Hauptrolle spielt. Wenigstens läßt sich an einem unter besondern Cautelen herausgenommenen Auge die Form derjenigen Objekte, die sich unmittelbar vorher auf der Netzhaut abbildeten, in einem blassen Bilde erkennen (Photogramm). Die Lösung der rein physik. Aufgabe, auf der Netzhaut Bilder der Sehobjekte zu entwerfen, vollzieht sich in der Schöpfung in einem dreifachen Typus. Bei dem ersten, den musivisch zusammengesetzten Augen der Krebse und Insekten (s. beistehende Fig. 1), endet die Netzhaut mit einem halbkugeligen Körper g, auf dessen Oberfläche feine cylindrische, radienartig angeordnete Röhrchen r sitzen, an deren Boden die feinen Sehnervenfasern enden und die durch für Licht unempfindliche Scheidewände getrennt sind. Die Sonderung der Lichteindrücke und die Entstehung eines Mosaikbildes ist Fig. 1. nun dadurch gegeben, daß nur solche Punkte der Außenwelt die Nervenfaser eines Röhrchens erregen können, die in der geradlinigen Fortsetzung desselben liegen. Neben den eben geschilderten einfach musivischen Augen sehen wir auch dioptrisch musivische, in denen die einzelnen Röhrchen mit kleinen, das Licht sammelnden, linsenähnlichen Körpern (e der Figur) kombiniert sind, und eine gewisse Accommodation dadurch ermöglicht wird, daß durch die Wirkung von tanz der Endnerven⸗ EEII faser von diesem Kör⸗——— per veränderlich ist. 0 Der zweite nach Leukart nur im Auge B eines Cephalopoden Fig. 2. vorkommende Typus beruht auf dem Prinzip des kleinsten Loches (. Fig. 2). Im vordern Abschnitt des Auges findet sich eine kleine offnung, durch welche die Lichtstrahlen A und Bß auf die dunkle Hinterwand des Auges fallen und dort ein Bild des Objekts entwerfen 48. Der dritte Typus, die dioptrisch kollektiven Augen, basieren auf dem Prinzip der Camera obscura. Sie finden sich bei den Wirbeltieren und als ihr Prototyp kann das menschliche Auge (s. d.) (Fig. 3) gelten. Hier machen es die Anordnung der brechenden Medien und ihre Beziehungen zur Pupille möglich, daß nicht nur die in der Richtungslinie o des Auges liegenden Objekte, sondern auch ein Teil der daneben liegenden auf der in Form einer Kugelschale ausgebreiteten Netzhaut sich abbilden, so Punkt A in &, Punkt B in g (List der Kreuzungspunkt der Richtungsstrahlen). Die Gesamtheit dieser Eindrücke konstituiert das Gesichtsfeld des Auges. Da jedoch der gelbe Fleck, der am hintern Ende der Augenachse (Blicklinie) Objektpunkt, welcher scharf gesehen werden soll, und schneiden sich beim binokularen S. die beiden Blicklinien in diesem Punkte. Die Bilder, welche die beiden gelben Flecke erhalten, verschmelzen dann u einem einzigen, d. h. der fixierte Punkt wird einjach gesehen, wie alle Punkte, die sich auf gleichwertigen und identischen Stellen der beiden Netzhäute abbilden. (S. Horopter.) Der Eindruck des Körperlichen, der Tiefendimension, entsteht nun dadurch, daß beide Augen von einem körperlichen Gegenstande nicht ganz gleiche, sondern etwas verschiedene Bilder erhalten, und es läßt sich, wenn man die letztern als Flächenbilder den betreffenden Augen im Stereoskop vorführt, künstlich die Täuschung des Körperlichsehens hervorrufen. Beim binokularen S. unterrichtet uns das Muskelgefühl über den Grad der Konvergenz der Augenachsen und damit über die Entfernung des gesehenen Punktes, und aus dieser Entfernung und der Größe des erhaltenen Netzhautbildes bilden wir uns ein Urteil über die Größe eines gesehenen Objekts. Bei den niedersten Tieren beschränkt sich das S. größtenteils auf die Unterscheidung von Hell und Dunkel. Die oft in großer Anzahl vorhandenen und häufig an beweglichen Körperteilen angebrachten Augen bestehen nur aus einem Pigmentflecke oder einem zapfenartigen Gebilde, dem bei manchen Arten linsenförmige Körper von starkem Lichtbrechungsvermögen eingelagert sind.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 662Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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