FeedShawl (engl. shawI, pers. shal, frz. chäle)
Handwerk & GewerbeBrockhaus 1882

Shawl (engl. shawI, pers. shal, frz. chäle), im gewöhnlichen Sinne überhaupt ein großes quadratisches oder länglich viereckiges Umschlagtuch mit gewebtem, gedrucktem oder gesticktem Muster; im eigentlichen Sinne ein in abgepaßter Größe hergestelltes, zu Umschlagtüchern verwendetes Gewebe, welches auf meist drei- oder vierbindigem Köpergrund eingewebte vielfarbige Figuren zeigt, die in der Regel symmetrisch nach den vier Seiten am Rande herumlaufen und so eine in der Mitte liegende Fläche des Grundgewebes einrahmen. Man webt sie mit Hilfe besonderer Einschlagfäden nach Art der broschierten und lancierten Stoffe (s. Broschieren) entweder bloß aus Kammgarn, resp. Kaschmirwolle (Kaschmirshawls) oder mit seidener, für die geringsten Arten baumwollener Kette und Einschlag von Kammgarn. Bei den durch Lancieren hergestellten S. besteht der Figurschuß für die feinern Sorten aus Kammgarn, bei geringern Sorten ganz oder teilweise aus Streichgarn, öfters mit Florettseide oder Baumwolle vermischt, bei den wohlfeilsten ganz aus Baumwolle. Die Hauptorte der Shawlfabrikation sind Paris, Lyon, Nancy, Nimes, Norwich, Edinburgh, Wien, Zürich, Basel, Berlin. „Die durch bloße Handarbeit hergestellten echt indischen, orientalischen oder türkischen Shawls, Kaschmirshawls, mit weißem Grund und broschiertem Muster, das auf beiden Seiten sichtbar ist (während die mit Hilfe des Jacquardstuhls erzeugten Imitationen mit lanciertem Muster eine rechte und eine linke Seite haben), werden in Europa zu Preisen von 1000 — 6000 Mark verkauft; dieselben sind eben infolge ihrer Kostspieligkeit in neuerer Zeit immer seltener geworden. Der indische S. gehört seiner Natur nach in dekorativer Hinsicht dem orient. Stile an, d. h. die Muster beruhen auf der Nachahmung ind. Blumenformen, die ohne Perspektive, ohne Abstufung der Farbentöne, wie in einem Herbarium ausgebreitet erscheinen. Lange Zeit waren die Bemühungen der in der Shawlfabrikation tonangebenden franz. Künstler ausschließlich darauf gerichtet, diese zarten Schöpfungen mehr oder minder treu zu kopieren, doch gab die Notwendigkeit, dem wechselnden Geschmack der Käufer zu entsprechen, endlich Veranlassung, die Zeichnung zu modifizieren. Zunächst wurde mit einigem Erfolg die Renaissance versucht, die sich hier durch die Verbindung des Ornaments mit der Phantasieblume, das Ganze in den Stil der ind. Shawlmuster übertragen, d. h. ohne jede Modellierung und in den lebhaftesten Farben, charakterisierte. Nachdem man dieser Ornamentation müde geworden war, oder es als einen Irrtum erkannt hatte, perspektivische Ansichten von Bauwerken in die Dekoration der Gewebe einführen zu wollen, wagte man es, in der Kühnheit der Linien, in der Mannigfaltigkeit der Details von dem ursprünglichen Typus abzuweichen. Heute stehen die pariser Shawlfabrikanten als die Schöpfer einer schwunghaften Industrie an der Spitze einer Schule, die das gewerbliche Zeichnen zum Förderungsmittel der gesamten Textilindustrie zu gestalten strebt.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 758Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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