FeedSiemens
TechnikBrockhaus 1882

Siemens, Familienname eines norddeutschen Landwirts, unter dessen zehn Söhnen mehrere sich um verschiedene Zweige der Wissenschaft, Technik und Industrie hoch verdient gemacht haben. Werner S., der älteste der Brüder, geb. 13. Dez. 1816 zu Lenthe bei Hannover, besuchte das Gymnasium zu Lübeck, trat aber aus Neigung für das Ingenieurfach 1834 zu Magdeburg als Freiwilliger in die preuß. Artillerie ein. Während des dreisährigen Besuchs der Artillerie- und Ingenieurschule in Berlin (1835—38) und auch nach 1838 als Artillerieoffizier in Magdeburg trieb er mit besonderer Vorliebe mathem., physik. und chem. Studien. Im J. 1841 nahm er in Preußen das erste Patent auf galvanische Versilberung und Vergoldung. Gegen Ende 1842 und 1843 wieder sandte er seinen Bruder, Wilhelm S. (geb. 4. April 1823 zu Lenthe), welcher nach dem Besuch der magdeburger Gewerbeschule (1838—40) und 1841 der göttinger Universität, 1843 als Eleve in die gräflich Stolbergsche Maschinenfabrik eingetreten war, nach England, besonders um dort das Vergoldungs- und Versilberungsverfahren einzuführen und den von Werner erfundenen, von beiden Brüdern weiter verbesserten chronometrischen oder Differentialregulator für Dampfmaschinen und Wasserräder patentieren zu lassen und zu verwerten, welcher noch jetzt unter anderm zum Regulieren astron. Instrumente benutzt wird. Werner, auf seinen Betrieb nach Berlin versetzt, und 1844 zur Artilleriewerkstätte kommandiert, beteiligte sich daselbst eifrig an den Verhandlungen der Polytechnischen und der Physikalischen Gesellschaft; 1846 bereicherte er die elektrische Telegraphie mit einem von allen frühern ganz wesentlich abweichenden Zeigertelegraphen (mit Selbstunterbrechung). Im J. 1847 in die Kommission für Einführung elektrischer Telegraphen in Preußen berufen, schlug er derselben auf Grund seiner 1846 angestellten Versuche die Guttapercha als Isolationsmittel für unterirdische Leitungen vor und konstruierte auch zum überziehen der Drähte mit Guttapercha die erste Schraubendruckpresse; 1848 legte er im kieler Hafen mit seinem Schwager, Professor Himly, die ersten unterirdischen Seeminen mit elektrischer Zündung an und baute als Kommandant von Friedrichsort die 1849 berühmt gewordenen Batterien zum Schutze des eckernförder Hafens. Im Herbst und Winter 1848/19 baute er im Auftrage der preuß. Regierung die erste große Telegraphenlinie auf dem Kontinent zwischen Berlin und Frankfurt a. M., zwischen Berlin und Eisenach unterirdisch mit Guttapercha-Isolierung, von da bis Frankfurt oberirdisch auf Glockenisolatoren. Werner schied 1849 aus der Armee und nach Vollendung der Telegraphenlinien von Berlin nach Köln und Verviers, sowie nach Hamburg, Breslau und Oderberg aus dem Staatsdienst überhaupt, um sich ausschließlich der Telegraphenbauanstalt zu widmen, welche er schon 1847 mit dem (1867 wieder aus dem Geschäft getretenen) Mechaniker J. G. Halske (s. d.) in Berlin gegründet hatte. Diese viele Hunderte von Arbeitern beschäftigende Anstalt erstreckt, unterstützt von ihren Zweiggeschäften, ihre Thätigkeit mit verdientem Erfolg über alle Weltteile. Das erste Zweiggeschäft ward, nachdem das Hauptgeschäft schon 1853 den Bau und die zwölfjährige Unterhaltung des russ. Telegraphennetzes übernommen hatte, 1857 in Petersburg gegründet und stand viele Jahre und auch jetzt wieder unter der Leitung des als Teilhaber in die Firma Siemens u. Halske aufgenommenen Bruders Karl S., geb. 4. März 1828. Das 1858 mit Wilhelm S. unter der Firma Siemens, Halske u. Comp. begründete Zweiggeschäft in London ward später unter der Firma Siemens' Bros. von Wilhelm und Karl geleitet. Es entwickelte sich bald zu einem selbständigen Weltgeschäft und hat allein sechs der Kabel zwischen Europa und Amerika aus seiner roßen Kabelfabrik bei Woolwich geliefert und geegt. Es hat die Form einer Aktiengesellschaft mit nicht übertragbaren Aktien erhalten und steht seit dem Tode Wilhelms (1883) unter der umsichtigen Leitung eines frühern Beamten der Firma, L. Löffler. Das Zweiggeschäft in Tiflis (1863) wurde von dem preuß. Konsul, Walther S., geb. 11. Jan. 1832 und nach dessen Tode, 23. Juni 1868, von dem jüngsten, Dr. Otto S., geb. 30. Nov. 1836, geleitet, welcher 1871 starb; es war an dem von dem Hauptgeschäft geleiteten Bau der indo-europ. Telegraphenlinie, von London durch Norddeutschland und Rußland nach Teheran, beteiligt und betreibt noch jetzt bedeutende Kupferbergwerke, früher auch Petroleumquellen im Kaukasus. Ein Zweiggeschäft in Wien bestand seit 1858 einige Jahre und ward 1879 unter Leitung von Arnold S., des ältesten Sohnes von Werner S., wieder eröffnet. Es wirkt namentlich für Einführung elektrischer Bahnen in Osterreich. Werner S. entdeckte (1848) die sog. Flaschenladung isolierter Leitungen (Kabel) und die daraus entspringende Verzögerung des durch sie gesandten Stroms, gab Methoden zur Untersuchung solcher Kabel und zur Auffindung von Fehlern und Beschädigungen darin an; er stellte w1859 die genau definierte und leicht zu reproduzierende Siemenssche Quecksilber-Widerstandseinheit auf und legte dadurch den ersten festen Grund zur Ausführung genauer und vergleichbarer elektrischer Messungen. Werner gab die erste Kabellegungstheorie und legte auch das erste gelungene Tiefseekabel (Bona-Cagliari), mit Bremse und von ihm erfundenem Kraftmesser; sein überaus zweckmäßiger, 1856 erfundener Cylinderinduktor hat eine sehr vielseitige Verwendung und ungemein große Verbreitung gefunden; er erfand die für die Erzeugung des elektrischen Lichts, die elektrische Kraftübertragung und den Clektrochemismus so bedeutungsvolle dynamoelektrische Maschine, deren Theorie er in der berliner Akademie der Wissenschaften am 17.Jan. 1867 entwickelte. Große Verdienste erwarb sich Werner um die Translation, die automatische Telegraphie, das Gegen- und Doppelsprechen u. s. f. Die berliner Universität ernannte Werner S. 1860 zum Chrendoktor der Philosophie, die Akademie der Wissenschaften zu Berlin 1874 zu ihrem ordentlichen Mitglied; er ist Vizepräsident des Vereins zur Beförderung des Gewerbefleißes in Berlin, Ehrenmitglied der British Association, Mitbegründer und erster Präsident der Elektrotechnischen Gesellschaft zu Berlin und Mitglied vieler wissenschaftlichen Gesellschaften und Akademien. In Anerkennung seiner Verdienste um Wissenschaft und Technik ward S. 1885 unter die 30 Mitglieder des Ordens pour le mérite aufgenommen. Seine zahlreichen Abhandlungenwissenschaftlichen und technischen Inhalts sind aus den Sitzungsberichten der berliner Akademie, Poggendorffs«Annalenv, Dinglers Polytechnischem Journalv u. s. w. zusammengestellt unter dem Titel: «Abhandlungen und Vorträge von Werner S.v (Berl. 1881). Wilhelm S., geb. 4. April 1823, der sich 1851 in London als selbständiger Civilingenieur niedergelassen hatte und 1859 in England naturalisiert worden war, errang sich in wissenschaftlichen und technischen Kreisen so große Anerkennung, daß er bereits w1862 in die Royal Society aufgenommen wurde; er war unter anderm Präsident der British Association 1882, der Institution of Mechanical Engineers 1872—73 und 1873—74, des Iron and Steel Iustitute 1877, der Society of Telegraph Enginéers 1872 und 1878, Vorsitzender des Rats der Society of Arts zur Zeit seines Todes. Er war EChrendoktor (1870), besaß zahlreiche Medaillen und Preise von wissenschaftlichen Gesells chaften und wurde 1883 von der Königin von England als Sir William S. in den Adelsstand erhoben. Seiner ersten litterarischen Arbeit, verfaßt für die Iustitution of mechanical Engineers: On a new Regenerative Condensero, folgte 1852 eine Schrift allgemeinern Charakters: &On the conversion 0of heat into mechanical effecto für dieselbe Gesellschaft und trug ihm die silberne Telford-Medaille ein. Die Royal Sociéty erhob seine Abhandlung „On the encrease of electrical resistance in conductors with rise of temperature and its application to the measure of ordinary and furnace temperatureso zur Bakarion-Lektüre. Mit den Arbeiten von Carnot, Clapeyron u. s. w. über die mechan. Wärmetheorie bekannt geworden, bemühte er sich seit 1846, die (zuerst 1816 von den Brüdern Stirling vorgeschlagenen, in den Patenten von 1827 und 1840 von ihnen verbesserten, ebenso von Ericson bei dessen 1833 patentierten Kalorischen Maschinen angewendeten) Regeneratoren für Dampfmaschinen brauchbar zu machen; eine nach vielen Versuchen über die Wirksamkeit der Regeneratoren und die Ausdehnung des isolierten oder überhitzten Dampfes schon 1847 zu Bolton in Lancashire gebaute Regenerativdampfmaschine von vier Pferdekräften verhieß zwar günstigen Erfolg, dem Bau solcher Maschinen von 100 Pferdekräften stellten sich aber bezüglich der überhitzung des Dampfes große Schwierigkeiten entgegen. Wilhelm warf sich daher 185/in Gemeinschaft mit seinem Bruder Fri edrich S. (s. unten) auf die von letzterm zuerst vorgeschlagene Einführung der Regeneration bei Feuerungsanlagen für Hüttenzwecke, welche einen Umschwung in der Pyrotechnik veranlaßt hat. Bei den Regenerativöfen werden die aus dem Arbeitsraum des Ofens abziehenden Verbrennungsprodukte vor ihrem Eintritt in den Schornstein durch einen Regenerator geführt und erhitzen durch ihre sonst ungenützt verloren gehende Wärme die in demselben gitterartig aufgestellten feuerfesten Steine; nachdem ein Wechsel der Zugrichtung herbeigeführt worden ist, geben letztere die aufgenommene Wärme an die Luft ab, welche dem Brennmaterial zur Unterhaltung der Verbrennung zugeführt wird. An der Vervollkommnung dieser Regenerativgasöfen haben auch Hans S. (geb. 1818, gest. 1867) und ganz besonders Werner S. thätig mitgearbeitet. Friedrich S. hat bedeutende Erfolge vorzüglich in der Glasindustrie erzielt, Wilhelm aber in der Stahl⸗ und Eisengewinnung; letzterer legte 1867 ein eigenes Probestahlwerk in Birmingham, „1869 die Landore Siemens Steel Works an, in swelchen wöchentlich nahezu 1000 t Gußstahl, teils nach dem Siemensschen Verfahren unmittelbar aus den Erzen, teils nach dem S.-Martinschen Verfahren aus Guß- und Schmiedeeisen erzeugt wird. Die zahlreichen spätern Abhandlungen und Vorträge Wilhelms beziehen sich auch vorwiegend auf die Ausnutzung der Wärme und der Brennstoffe, die Gewinnung von Eisen und Stahl; 1882 schrieb er: «lber die Erhaltung der Sonnenenergies (deutsch von Worms, Berl. 1885). Ein vollständiges Verzeichnis seiner Abhandlungen und Vorträge nebst einem Lehenslauf ist enthalten im Enginéeringo vom 23.Nov. 1883; ein großer Teil derselben erschien unter persönlicher Mitwirkung Wilhelms unter dem Titel: (Gesammelte Abhandlungen und Vorträge von C. William S.» (Berl. 1885). Vgl. Obach, Sir William S. als Erfinder und Forschere (Lond. 1884). Das Leichenbegängnis des an einem Herzleiden am 19. Nov. 1883 plötzlich verschiedenen Wilhelm S. gestaltete sich zu einer Zusammenkunft der gelehrten Gesellschaften nicht nur Englands, sondern auch des Auslandes. Den Trauerfeierlichkeiten in der Westminsterabtei am 26. Nov. 1883 folgte die Beerdigung in Kensal Green. Dem Andenken Wilhelm S. haben die fünf bedeutendsten Ingenieurgesellschaften Englands am 26. Nov. 1885 ein Fenster in der Westminsterabtei mit dem Wahlspruch Laborare et orarep gewidmet. Friedrich S., geb. 8. Dez. 1826 zu Mentzendorf bei Lübeck, besuchte bis zum 16. Jahre das lübecker Gymnasium, fuhr dann 2½ Jahre lang als Schiffsjunge zur See und ging dann zu seiner weitern Ausbildung nach Berlin. Bald darauf beschäftigte er sich als Assistent seines Bruders Werner mit der Telegraphie und ging im März 1848 mit Werner nach Schleswig-Holstein und half ihm bei Anlage der Minen im kieler Hafen; hierauf machte er als Freischärler den ersten Feldzug gegen Dänemark mit, ward aber unmittelbar nach dem Abschluß des ersten Waffenstillstandes im Sommer 1848 nach England geschickt, um Werners Telegraphenapparate dort einzuführen. Von jetzt ab arbeitete Friedrich in England mit Wilhelm zusammen, bemühte sich dann, in der Maschinen- und Schiffbauanstalt, jetzt«Vulkanv, bei Stettin Wilhelms und auch seine eigenen Erfindungen im Fache der Motoren und Maschinentechnik zur Ausführung zu bringen, welche Beschäftigung er mit wechselndem Erfolg noch mehrere Jahre in Verbindung mit Wilhelm in England fortsetzte. Im Herbst 1856 konstruierte Friedrich den ersten noch mit festem Brennmaterial geheizten Regenerativofen (erstes engl. Patent 2. Dez. 1856). Im J. 1858 setzte Friedrich in seinen Regenerativöfen an Stelle des festen gasförmiges Brennmaterial und zwar Schwelgas, das aus ersterm in einem vom Ofen getrennten Generator erzeugt, in einem gesonderten Regenerator ebenfalls vorgewärmt und dann in den Heizkammern der Regenerativöfen verbrannt wird. Friedrich gab damit den Regenerativöfen, deren Erfinder er ist, im Prinzip die vervollkommnete Form, welche später zu vielseitigster praktischer Verwendung gelangte, zuerst in den deutschen Staaten und in Osterreich. Im J. 1859 siedelte Friedrich wieder nach England über und von da ab begann die großartige Entwickelung der Regenerativgasöfen (s. unter Eisen erzeugung, Bd. V, S. 900 U fg.z vgl. Feuerungsanlagen) in England, erst später in den andern europ. und außereurop. Ländern. Nach dem Tode seines Bruders Hans (1867) übernahm Friedrich die von Hans begründete Glashütte in Dresden und hat nicht nur diese zur bedeutendsten Glashütte Deutschlands gefördert, sondern auch noch Glashütten in 44. 596 bei Dresden und Neusattel bei Karlsbad in Böhmen, sowie die dresdener Hartglasfabrik aus eigenen Mitteln gegründet. Seine Glashütten beschäftigen gegenwärtig über 4000 Menschen und jede erzeugt besondere Glasartikel in eigenartiger Weise, weil die Arbeitsmittel meist Friedrichs Erfindung sind, vom Schmelzofen an bis zum Glasmacherwerkzeug. Durch eine bahnbrechende Verbesserung des Gasheizsystems (ogl. Das F. Siemenssche Heizverfahren mit freier Flammenentfaltungv, Berl. 1885) erzielt Friedrich eine weit vollkommenere Verbrennung, steigert unter Erhöhung der Ofentemperatur das Ausbringen und sichert trotzdem eine wesentlich längere Dauer der Ofen. Namentlich ur Lösung der Rauchfrage wird dieses Feuerungsöstem wesentlich beitragen. Friedrich S. gründete ferner Fabriken in Dresden, Wien und Berlin zur Herstellung von Gasbeleuchtungs⸗ und Heizapparaten eigener patentierter Erfindung, ferner technische Bureaus in Dresden und London mit Zweiggeschäften in Wien, Paris und Philadelphia zu der Verwertung seiner zahlreichen technischen Erfindungen, unter denen die hervorragendsten die Glasschmelzwannen, das kontinuierliche Glasschmelz⸗ und Arbeitsverfahren, die Herstellung von Preßhartglas (s. unter Glas, Bd. VIII, S. 79 u. 82H) und Glashartguß, sowie Friedrichs Regenerativgasbrenner (s. unter Gasbeleuchtung, Bd. VII, S. 570˙% sind. Durch die Übernahme der Geschäfte, in welchen Friedrich mit Wilhelm verbunden war, hat sich sein Wirkungsfeld wieder nach England, und in den Landoreé Siemens Steel Works namentlich wieder auf die Eisen⸗ und Stahlindustrie ausgedehnt, worin er neuerdings verschiedene Patente genommen hat. Im J. 1883 wurde Friedrich S. durch Verleihung des königl. sächs. Verdienstordens 1. Klasse ausgezeichnet. Vom Gas Iustitute erhielt Friedrich 1884 für seine Abhandlung «On distributing ligln and heato die Birmingham Medaille, auch andere Fachgesellschaften verliehen ihm Auszeichnungen. Obgleich Friedrichs Erfindungstalent, verbunden mit der Gabe, seine Erfindungen auch praktisch zu gestalten und wirtschaftlich zu verwerten, erst im abrikbetrieb erfolgreich zum Ausdruck kommt, at Friedrich S. namentlich in letzter Zeit auch auf wissenschaftlichem Gebiet Wertvolles geleistet, unter anderm durch seine Arbeiten über Verbrennungstheorie, Wärmeübertragung und Dissociation.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 804Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Technik 6