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Handwerk & GewerbeBrockhaus 1882

Sinn und Sinne. In ursprünglicher Bedeutung bezeichnet Sinn die Fähigkeit des Menschen, den vernünftigen Inhalt irgend welcher Erfahrungen aufzufassen, und in übertragener Bedeutung diesen vernünftigen Inhalt selbst. So sagt man von jemand, er habe Sinn für die Poesie, für Naturschöneit u. s. w., so spricht man von dem Sinn einer ede u. s. w.; so nennt man Gegenstände, die einen verborgenen Sinn haben, oder Menschen, die ihn aufzufassen wissen, sinnig oder sinnreich, und umgekehrt, was dessen ermangelt, sinnlos. In der philos. Terminologie versteht man unter Sinn im allgemeinen das Vermögen unmittelbarer Auffassung und Erkenntnis im Gegensatze zu dem durch begriffliche Reflerion aus gegebenem Stoffe Neues herausarbeitenden Nachdenken, oder das Prinzip der unmittelbaren Gewißheit. Das zeitweilige Vermögen sensualistischer Erkenntnistheorien hat dann auch Veranlassung zu noch engerer Bedeutung des Wortes gegeben. Indem man diese unmittelbare Gewißheit nur in der äußern Erfahrung suchte, setzte man die sinnliche Erkenntnis mit der durch leibliche Einflüsse vermittelten Wahrnehmung gleich, nannte infolge dessen sinnlich den gesamten Inhalt der äußern Erfahrung und bezeichnete die leiblichen Organe, welche dieselbe vermitteln, als die einzelnen Sinne. In diesem Zusammenhang wurde allmählich der Ausdruck esinnlichs gleichbedeutend mit «materiello. Wie man die Sinnlichteit des Menschen, oder sein gesamtes Vermögen, durch leibliche Vermittelungen etwas von der materiellen Welt zu erfahren, dem Verstande oder der Vernunft gegenüberstellte, so nannte man im Gegensatze zur geistigen Welt die materielle auch die sinnliche Welt. Dieser Gegensatz übertrug sich dann auch auf das praktische Gebiet; auch 91 nennt man sinnliche Gefühle oder Begierden die auf leibliche Veranlassungen und Triebe gegründeten und spricht z. B. von einer stark entwickelten Sinnlichteit eines Menschen und nennt einen solchen auch wohl direkt in tadelnder Bedeutung esinnlichv. Die Sinnlichkeit als äußere Wahrnehmungsthätigkeit umfaßt die Gesamtheit der Vorstellungen, welche uns durch die Veränderung unserer leiblichen Zustände zugeführt werden. Die Vermittelung geschieht hier stets durch die Erregung bestimmter Nerven oder Nervenkomplexe, indem mit der Funktionsstörung der letztern auch der entsprechende eil der Sinneswirkungen fortfällt. Denn vermöge einer Einrichtung, welche in der Wissenschaft als die spezifische Energie der Sinnesor-Draa bezeichnet wird, stellt sich in dem entwickelten rganismus jede Art von sinnlicher Empfindung an bestimmte Nervenbahnen derartig gebunden dar, daß einerseits sie selbst nur durch deren Reizung entsteht, andererseits jede beliebige Reizung dieser Nervenbahnen zu Empfindungen dieser Art führt. So entstehen z.B. Gesichtsempfindungen nie anders als durch Reizung des Sehnerven; aber wie und an welcher Stelle man auch diesen Nerven reize, ob durch Licht, oder durch Stoß, oder durch Clektricität, oder durch centrale Nervenbewegung, ob an seinem peripherischen oder centralen Ende oder in der Mitte, nie gibt er eine andere, als eine Gesichtsempfindung. Diese eigentümliche Thatsache beginnt sch allmählich in entwickelungsgeschichtlicher Hinsicht dadurch aufzuhellen, daß die Thätigkeit der Nerven von Anfang an durch ihre peripherischen Endigungen bedingt ist, welche durch ihren auue Aufnahme und befahigt und. nur bestimmter Bewegungsformen befähigt sind. So sind z. B. die Endigungen des Sehnerven im Auge so eingerichtet, daß sie zwar die feinen Schwingungen des Lichtäthers, nicht aber die gröbern Bewegungen der Luft empfinden, welchen sich das Ohr mit den Endigungen des Gehörnerven angepaßt hat. Im einzelnen unterscheidet man fünf äußere Sinne: den Gefühlssinn, den Geschmack, den Geruch, das Gesicht und das Gehör. Für einen jeden dieser Sinne bestehen besondere eigenartige Sinnesorgane, welche aus den betreffenden Sinnesnerven und gewissen peripherisch gelegenen nervösen Endorganen zusammengesetzt sind und durch die Einwirkung spezifischer Sinnesreize (Wärme, Licht, Schall, chem. und elektr. Reiz) die Erregung gewisser Partien des Gehirns und damit die Entstehung der betreffenden Sinneswahrnehmung vermitteln. Der Sinn des Gefühls (s. d.) in der weitesten Bedeutung umfaßt zunächst die verschiedenen körperlichen Schmerz-⸗und Lustempfindungen, die Gefühle der Munterkeit, Kraft, Beklemmung, Ermüdung u. s. w. (S. Gemeingefühl.) Der Gefühlssinn in engerer Bedeutung, der über die ganze Hautoberfläche verbreitet ist, enthält die Unterscheidung des Harten und Weichen, des Rauhen und Glatten, Spitzigen, Scharfen, Stumpfen, Nassen und Trockenen; ferner die Empfindungen der Wärme und Kälte. Wegen der Menge der Empfindungsnerven in den Fingerspitzen ist hier der Gefühlssinn als Tastsinn (s. d.) der feinsten Unterscheidungen fähig. Vollkommen unempfindlich sind im gesunden menschlichen Körper nur die Haare, die Zähne bis auf den Zahnkeim und die Knochen. Geruch (s. d.) und Geschmack (s. d.) haben eine große Verwandtschaft miteinander. Ihre Empfindungen laufen zum größten Teile miteinander parallel; der eine Sinn unterstützt den andern, weshalb auch viele Bezeichnungen für spezifische Geruchsempfindungen von den verwandten Geschmacksempfindungen entlehnt oder mit ihnen gleichbedeutend sind. Der Sinn des Gesichts (s. Gesicht, Sehen) hat seinen eigentlichen und unmittelbaren Gegenstand an den Farben und den verschiedenen Graden ihrer von der Beleuchtung abhängenden Helligkeit oder Dunkelheit. Aber die Beweglichkeit und willkürliche Lenkbarkeit des Auges, die Fähigkeit desselben, sich durch Zusammenziehung und Erweiterung der Pupille der Nähe oder Entfernung der Gegenstände, sowie der stärkern oder schwächern Beleuchtung zu accommodieren, erweitern und erhöhen die Brauchbarkeit des Gesichtssinns und machen ihn dadurch fast zu einem Analogon und Surrogat des Tastsinns, sowie umgekehrt Blinde durch Ubung und Verfeinerung des Tastsinns den Mangel des Gesichts zum Teil ersetzen. Der unmittelbare Gegenstand des Gehörs (s. d.) endlich sind das Geräusch der Schall, der Klang, die Laute (Vokale) „endlich die Töne, samt deren Abstufungen nach Höhe und Tiefe. Der hohe Wert des Gehörsinns liegt darin, daß er mit Hilfe der artikulierten Wortsprache dem Menschen das Reich des geistigen Verkehrs aufschließt und dadurch die entscheidende Bedingung einer fortschreitenden geistigen Kultur darbietet. IHüberhaupt zeichnen sich die Gesichts⸗ und Gehörsempfindungen dadurch vor denen der übrigen Sinne aus, daß mehrere derselben, gleichzeitig dargeboten, nicht in eine trübe Gesamtempfindung zusammenfließen, sondern sich nach bestimmten unterscheidbaren Verhältnissen gestalten. Daher können sie Gegenstände eines ästhetischen Wohlgefallens werden, welches sich über das bloß Angenehme und Unangenehme der übrigen Sinnesempfindungen erhebt und der Tonkunst und den bildenden Künsten den Boden bereitet. Man bezeichnet diese Sinne daher als die edlern und höhern. Während die Psychologie die Sinnesempfindungen als ein Geschehen in der Seele betrachtet und die aus dem Zusammentreffen und der allmählich wachsenden Anhäufung einer Mehrheit solcher Ereignisse hervorgehenden Folgen zu bestimmen hat, hetrachtet die Physiologie die organische Vermittelung derselben durch die Nerven samt den physik., chem. und organischen Bedingungen dieser leiblichen Vorgänge. Als Eindrücke im eigentlichen Sinne, als Abbildungen der Gegenstände kann aber weder die Psychologie noch die Physiologie die Empfindungen betrachten: sie sind der Ausdruck eines Geschehens, welches durch die Organisation des Nervensystems und durch das Verhältnis des letztern zu der Seele bedingt ist; daher uns die sinnliche Empfindung niemals die wahre Beschaffenheit der Dinge, sondern nur die Art verrät, wie wir davon affiziert werden. Insofern ist jede Empfindung subjektiv im weitern Sinne. Als subjektive Empfindungen im engern Sinne bezeichnet man dagegen solche, welche ohne Einwirkung äußerer Gegenstände mittels einer davon unabhängigen Erregung der Nerven erfolgen; z. B. die subjektiven Gefühlszustände des Hypochonders, der säuerliche Geschmack bei verdorbenem Magen, das Ohrenbrausen u. s. w. Werden derartige subjektive Empfindungen nicht als solche erkannt, sondern irrtümlich auf äußere Gegenstände bezogen, so entstehen daraus die sog. Sinnestäuschungen (s. d.). Die Empfindungen stehen mit ihren physik. Reizen nicht in direkten, sondern indirekten Zusammenhängen. Denn sie geben weder die Gestalt und Beschaffenheit der physik. Reize genau wieder, noch auch wachsen fer in demselben Verhältnis, worin die Reize wachen, vielmehr nach eigentümlichen algebraischen Formeln. Ein glücklicher Versuch, die Verhältnisse der Empfindungen zu ihren Reizen durch exakte Messung zu bestimmen, ist durch Fechner gemacht worden in seiner Psychophysiko (2Bde., Lpz. 1860). Der gesamten leiblich vermittelten Wahrnehmung steht nun aber im Menschen noch die sog. innere Wahrnehmung, d. h. Erfahrung von unsern eigenen psychischen Funktionen gegenüber, und diese bezeichnet man seit Locke als den innern Sinn, eine Rückkehr gewissermaßen zu dem ursprünglichen Gebrauch des Wortes. Dieser Ausdruck bezeichnet nicht etwa ein mystisches Vermögen höherer Wahrnehmungen, sondern nur die Thatsache des Bewußtseins, daß unsere eigenen seelischen Lebensakte der Gegenstand unserer erfahrenden Vorstellung werden können. Vgl. außer den betreffenden Artikeln über die einzelnen Sinne und Sinnesorgane und außer den Lehrbüchern der Physiologie und Psychologie besonders: Dornblüth, »Die Sinne des Menschenv (Opz. 1857); Böhmer, «Die Sinneswahrnehmungenv (Erlangen 1869); Leyden, aüber die Sinneswahrnehmungenv 2. Aufl., Berl. 1872); Preyer, Die fünf Sinne des Menschenv (pz. 1870); Bernstein, Die fünf

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 841Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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