FeedSmyrna (türk. Ismir)
Handwerk & GewerbeBrockhaus 1882

Smyrna (türk. Ismir), uralte griech. See- und Handelsstadt im türk. Vilajet Aidin, an der Westküste Kleinasiens, jetzt die bedeutendste, reichste und blühendste Stadt der Levante und Hauptverkehrsplatz zwischen Asien und Europa, ist im Hintergrunde des 65 kEm weit ins Land eindrin-Meerb von Bergen umgürteten Smyrnaischen Gipfel die Ruinen eines aus den ältesten Zeiten stammenden und während der Zeit der Genuesenherrschaft wiederhergestellten Felsenschlosses trägt. Die Stadt, deren imposantem Außern keineswegs das Innere entspricht, zerfällt in die untere oder Frankenstadt und die obere oder Türkenstadt. Die erstere besteht ihrem Hauptteile nach aus einer langen, mit Lavaquadern gepflasterten Straße, von der aus viele mit neuen Häusern versehene Nebengassen laufen. Der Hafenkai, 1876—78 aus Lavagestein fest gebaut und mit stattlichen neuen Häusern, Cafés und Hotels geziert, ist der Hauptschmuck der Stadt geworden. An seinem Südwestrande gelangt man, vorüber an dem neu angelegten Binnenhafen, den geräumigen Lagerhäusern der Kaigesellschaft und der Zollbehörde, in den äußerst belebten Bazar, den Mittelpunkt des Tauschhandels zwischen europ. und asiat. Waren, welcher auch die Frankenstadt mit der Türkenstadt verbindet. Die letztere zieht sich am Fuße des steilen Burgberges ostwärts entlang und enthält zwei besondere Stadtteile für die Armenier und Juden. Außer vielen schlanken Minarets zieren die Türkenstadt drei stattliche moderne Gebäude der türk. Regierung: das Generalgouvernement, die Kaserne für die Besatzung und das Gefängnis. S. zählt 200000 E., darunter nur gegen 50000 Mohammedaner, 80000 anatol. Griechen, wovon etwa 20000 hellen., die übrigen ottoman. Unterthanen sind, 30000 Armenier und Juden, und etwa 40000 Franken, Italiener, Engländer, Franzosen, Deutsche, Osterreicher und andere Europäer oder deren Abstammung und Mischungen, Levantiner genannt. Ungeachtet dieser Mannigfaltigkeit der Nationalitäten und Religionen zeigt S. doch den Charakter einer griech. Stadt, und mit Ausnahme der Türken spricht die ganze übrige Bevölkerung mehr oder minder gut das Griechische. S. ist der Sitz eines griech., eines armenischen und eines röm.⸗kath. Erzbischofs, sowie der Konsuln der europ. Mächte, Persiens und Nordamerikas. Die Stadt hat viele Moscheen, aber keine einzige schöne, mehrere mohammed. Bethäuser und Derwischklöster, vier kath., zwei armenische und sieben griech. Kirchen, drei prot. Kapellen, mehrere christl. Klöster, mehrere Synagogen, viele Chans, Bäder und Kaffeehäuser. Unter den verschiedenen Unterrichtsanstalten befindet sich auch die von den kaiserswerther Diakonissen gegründete Pensions⸗ und Schulanstalt für Mädchen, mehrere gute Schulen für Knaben, in deren dreien auch der deutsche Unterricht obligatorisch ist, eine von der jesuitischen Propaganda gegründete Anstalt, sowie diejenige der österr. Mechitaristen. Krankenhäuser bestehen hier von fast allen Nationalitäten. S. hat zehn Buchdruckereien, ebenso viele Zeitungen in fünf Sprachen, seit 1851 ein Handelsgericht und seit 1854 eine Bank. Die Industrie ist wenig belangreich. Die Stadt besitzt fünf Maschinenfabriken und Eisengießereien, sechs Dampfmühlen, drei Dampfbrettschneidereien und einige Zeugdruckereien; außerdem bestehen nur Kleingewerbe. Desto bedeutender, wenn auch großen Schwankungen unterworfen, ist der Handel. Zu Lande kommen hier durch zahlreiche Karawanen die Produkte Kleinasiens, Syriens, der Euphratländer und Persiens, zur See die Fabrikate aller Länder Europas an, nach denen, sowie nach Nordamerika, andererseits die asiat. Erzeugnisse abgehen; 1883 kamen an und gingen ab 947 Post- und Warendampfer2 mit 999060 t Gehalt, und 464 Segelschiffe mit 72653 t Gehalt. Der Gesamtwert der Ausfuhr d belief sich auf 107 326206 Frs., der Einfuhr auf 117905835 Frs. Der Erxport erstreckte sich auf Baumwolle, Knoppern, Droguen, Opium, Blutegel, auf Feigen, Rosinen und andere Früchte, auf Seide, Wolle und Tierhäute, auf Teppiche, Tücher, Manufaktur⸗ und Kurzwaren. An der Ausfuhr waren beteiligt vor allen England, dann Frankreich, die türk. Häfen, Deutschland, Osterreich, Amerika, Italien. Der Import umfaßte hauptsächlich Woll-, Baumwoll⸗, Seiden⸗ und Leinenwaren und andere Manufakten, auch Droguen und Medikamente. Beteiligt waren die türk. Häfen, i dann England, Frankreich, Deutschland, Osterreich, Amerika und Griechenland. Von S. führen zwei Eisenbahnen in das Innere Kleinasiens. Die eine in südöstl. Richtung über Ephesus, Aidin bis Sarakio (Länge 150 kKm) mit Zweigbahn von Turbali nach Tireh (Länge 30 Kkm), die zweite in nordöstl. Richtung über Sardes nachAlascheir (Philadelphia). Zwei kleine Lokalbahnen verbinden S. mit den Sommeraufenthaltsorten Burnabat und Budscha. In S. selbst sowie in der Umgebung sind nur noch geringe Spuren von Trümmern aus dem Altertum sichtbar. S. ist eine von den sieben Städten, welche auf die Ehre Anspruch machen, die Vaterstadt Homers zu sein. An den Ufern des Flüßchens Meles zeigte man einst den Ort, wo er geboren worden, und an dessen Quellen die Stelle, wo er in dunkler Grotte seine Gesänge gedichtet haben soll. Eine Merkwürdigkeit der Umgegend ist das der Stadt gegenüber am Nordrande des Golfs stehende sog. Grab des Tantalos, ein großer lodischer Grabhügel (Tumulus) auf kreisrundem Unterbau kegelförmig sich erhebend, an der Basis etwa 60 m im Durchmesser. Im Innern befindet sich eine viereckige Grabkammer. Geschichtliches. S. war ursprünglich eine von AÄoliern im 10. Jahrh. v. Chr. gegründete Stadt, die später von den Kolophoniern durch Verrat eingenommen und dem Jonischen Städtebund zugeführt (vor 850), aber nach 580 durch Alyattes, König der Lydier, erobert und in mehrere Dörfer aufgelöst wurde. Erst Antigonos begann den Wiederaufbau der Stadt, der durch des Königs Tod in der Schlacht bei Ipsos (301) unterbrochen und dann von Lysimachos zu Ende geführt ward. Dies neue S., im Südwesten des alten und 4 km dem Meere näher erbaut, erblühte zum Mittelpunkte des kleinasiat. Handels und war unter der röm. Herrschaft eine der schönsten, glänzendsten, auch durch ihre Rhetoren berühmten Städte Kleinasiens. Bischof Polykarpos erlitt in 997 169 n. Chr. den Märtyrertod. Die durch Erdbeben 178 in einen Trümmerhaufen verwandelte Stadt baute Kaiser Marcus Aurelius wieder auf; durch die Fortdauer ihres großen Handelsverkehrs ist sie bald wieder zu neuer Blüte gelangt. S. wurde den Byzantinern 1092 durch den türk. Seeräuber Tzachas entrissen, aber bereits 1097 wieder dem griech. Kaiser unterworfen. Seit 1344 war die Stadt längere Zeit im Besitz der Rhodiser (Johanniter) und eines päpstl. Statthalters. Von Timur wurde sie im Dez. 1402 nach 14tägiger Belagerung erobert, ausgemordet und zerstört. Auch diesmal erhob sie sich wieder aus den Trümmern und blieb nun seit Befestigung der osman. Herrschaft durch Mohammed J. bis zur Reuzeit im ganzen von Kriegsschicksalen verschont. Vgl. Scherzer, «S., mit besonderer Rücksicht auf die geogr., wirtschaftlichen und intellektuellen Verhältnisse von Vorder-Kleinasiend (Wien 1873).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 892Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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