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Sitten & ModeBrockhaus 1882

Spiritismus oder auch Spiritualismus ist der moderne Ausdruck für den von Urzeiten her in der unkultivierten Menschheit festwurzelnden Glauben an die Möglichkeit eines Verkehrs mit den Seelen Verstorbener durch Beschwörung und Zaubermittel. Je wilder und roher die Zustände der Menschheit sind, desto mehr pflegt dieser Glaube zu herrschen, welcher sich erst bei höhern Graden zunehmender Verstandesaufklärung mehr und mehr verliert. Am stärksten verbreitet ist er bei den wilden Völkern, aber auch das heidnische und jüd. Altertum nebst dem Mittelalter sind seiner häufigen Spuren voll. Ohgleich die theoretische Unmöglichkeit eines derartigen Geisterverkehrs keineswegs streng beweisbar ist und deshalb unter den Denkern gerade die gründlichsten, wie Kant und Lessing, sich immer am meisten vor einem dreisten Absprechen in dieser Angelegenheit gehütet haben, so ist doch außer Zweifel, daß überall, wo sich ein solcher Geisterspuk im geselligen Betriebe ans Licht der Offentlichkeit wagt, auf der Stelle alle die schlimmen Haden eintreten, welche teils lügenhafter unt etrug, teils hinterlistiger Betrug anderer mit sich führen. Gewöhnlich fängt die Sache mit unbewußter Selbsttäuschung an und endigt mit bewußter Mystifikation der leichtgläubigen Menge. Das hervorragendste Beispiel eines ins Große getriebenen Betrugs dieser Art gab im 18. Jahrh. der berüchtigte Cagliostro. Pgl. Schindler, Das magische Geistesleben (Bresl. 1857); Das geistige Doppellebeno (Lpz. 1855); Perty, „Die umstischen Erscheinungen der menschlichen Naturp (Lpz. 1861). Als man im 18. Jahrh., als dem sog. Zeitalter der Aufklärung, diesen Glauben vollständig zu überwinden hoffte, erneuerte sich durch den vorgeblichen Geisterverkehr Swedenborgs, sowie durch den tierischen Magnetismus, welchen Mesmer auf die Bahn brachte, der uralte Spuk mitten im Schose des aufgeklärten Europa ärger denn je. Insbesondere wurde während der ersten Hälfte des 19. Jahrh. durch magnetisierende Arzte aus der Schule der Schellingschen Naturphilosophie die öffentliche Aufmerksamkeit stark auf gewisse merkwürdige Erscheinungen des Dämonismus oder Besessenseins hingelenkt. Am meisten war es Justinus Kerner, welcher sich aus der Beobachtung solcher Krankheitszustände eine hauptsächliche Die Scherm machte und sowohl in seiner Schrift Die Seherin von Prevorsto eigene Beobachtungen beschrieb, als auch in seinem »Magikono und andern Schriften die Beobachtungen anderer emsig sammelte. Zuletzt trat in der Mitte des 19. Jahrh. von Nordamerika aus zu all diesem Treiben das Tischrücken hinzu, aus dem sich das Geisterklopfen (Klopfgeister) entwickelte. (S. Tischrücken und Geist erklopfen.) Daraus endlich entstand die Kunst der Psychographie, bei deren höchstem Grade das durch Geister (Spirits) inspirierte Medium einfach seinen Bleistift zur Hand nimmt, um blindlings niederzuschreihen, was ihm jene in die Finger diktieren. Es bildeten sich nun auch in Frankreich und Deutschland wißbegierige Gesellschaften zur Auskundschaftung des Jenseits. Lebensbeschreibungen längst verstorbener Personen wurden nach deren eigenen Diktaten in den Druck gegeben, ihre Porträts aus dem Jenseits gezeichnet, dabei auch Gedichte und musikalische Kompositionen seliger und unseliger Geister dem Publikum zur Beurteilung vorgelegt. Als litterarische Ausgeburten dieser Sache sind bemerkenswert: Cahagnet, Der Verkehr mit den Verstorbenen auf magnetischem Wege (aus dem Französischen von Neuberth, 2 Bde., Hildburgh. u. Lpz. 1851); Hornung, Neue Geheimnisse des Tagso (Lpz. 1857); M. Eliphas Levi, „La science deés espritso (Par. 1865); Epp, Die heutige Form des S., dem von Reichenbach mit seinen Untersuchungen über Magnetismus und Elektricität und seiner odischen Kraft, sowie der Engländer Braid mit seiner Elektro-Biologie zu Hilfe kamen, wurde 1848 ebenfalls von einem Deutschen, Voß, der seinen Namen in den von Fox anglisiert hatte, in dem kleinen Dorfe Hydesville bei Newark in der Grafschaft Magne in den Vereinigten Staaten ins Leben gerufen. Im J. 1852 zählte man in Philadelphia bereits 300 spiritualistische Cirkel und 1853 an 30 000 Medien in den Vereinigten Staaten. Gleich einer Epidemie breitete sich der S. nun, trotz aller Bekämpfung durch die Wissenschaft und durch aufgeklärte Männer über den Kontinent von Amerika aus und es bildete sich über denselben eine eigene Litteratur. Die hervorragendsten wissenschaftlichen Verteidiger desselben waren die philadelphiaer Chemiker Hare und der neuyorker Richter Edmonds, an die sich später noch der berühmtere Spiritualist Hume oder Home anschloß. Unter den verschiedenen Formen spiritualistischer Manifestationen sind neben dem sog. Geisterklopfen, Geisterschreiben und Geisterzeichnen auch die musikalischen Vorstellungen der Geister bemerkenswert. In einzelnen Fällen geschah das Schreiben und Zeichnen durch die Hände der Medien, in andern vorgeblich ohne menschliche Hände, direkt durch die spiritualistische Agenz. Unter den musikalischen Demonstrationen waren die der Dayvenport Boyso aus Buffalo, welche die Herrschaft über eine Bande musikalischer Geister haben sollten, die bemerkenswertesten. Die Spiritualistin Mrs. Hayden führte den S. 1852 zuerst in England ein, ihr folgten 1855 Hume, 1859 Squire, später Slade u. a. In Deutschland hat in neuester Zeit der S. den Anschein der Wissenschaftlichkeit durch seine Verknüpfung mit gewissen naturhilos. Hypothesen über den vierdimensionalen Raum (. Dimension svierte]) und mit den auf den sog. Hypnotismus (s. d.) bezüglichen Experimenten zu gewinnen gesucht. Aus der ungemein reichhaltigen Litteratur über den S. sind hervorzuheben: James Braid, (Veuryponology, or the rationale of nervous sleep consideréd in relation with animal magnetismy (Lond. 1843); Table-turning and tabletalkingo (Lond. 1853); Godfrey, Table-moving tested and proved to be the result of satanic agencyy (Lond. 1853); (Table-turning, the devil's modern master-Ppieces (Lond. 1853); Gillson, Table-talking, disclosures of satanic wonders and prophetic signso (Lond. 1853); Howilt, The history of the supernatural (2 Bde., Lond. 1863); Owen, Footfalls on the boundary of another worldo (Lond. 1860 u. öfter); The debatable land between this world and the nexto (Lond. 1870; deutsch, Lpz. 1875); Hare, Experimental investigation of the spirit manifestations, demonstrating the existence of spiritis and their communion with mortalso (Neuyork 1858; deutsch, Lpz. 1871); Hume, Incidents in my lifes (Lond. 1863); Rob. oudin, «Confidences d'un prestidigitateuro (2 de., Par. 1859); Crookes, «Der Spiritualismus und die Wissenschafto (nach dem Russischen und Englischen ins Deutsche übersetzt von Wittig, Lpz. 1872); Edmonds, «Der amerikanische Spiritualismuso (deutsch, Lpz. 1873); Wallace, Die wissenschaftliche Ansicht des übernatürlichen » (deutsch, Lpz. 1874); derselbe,«Eine Verteidigung des modernen Spiritualismuso (deutsch, Lpz. 1875); (Bericht über den Spiritualismuso vom Komitee der Dialektischen Gesellschaft zu London (3 Tle., deutsch, Lpz. 1875); Zöllner, «Wissenschaftliche Abhandlungeno (2 Bde., Lpz. 1877 — 78); J. H. von Fichte, „Der neuere Spiritualismus, sein Wert und seine Täuschungeno (Lpz. 1878); H. Ulrici, «Der sogenannte S., eine wissenschaftliche Frager (in Zeitschrift für Philosophie und philos. Kritiko, Bd. 74, 1879), dagegen W. Wundt, «Der S., offener Brief an Herrn Professor Ulrici in Halles (Lpz. 1879; wieder abgedruckt in «Essayso, Lpz. 1886). Zur Verbreitung des S. und seiner Doktrinen erscheint in London eine Zeitschrift: «The Spiritualisty, in Deutschland die «Psychischen Studieno, herausgegeben von Aksäkow. [Geisterklopfen.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 89Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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