FeedUnsterblichkeit
Sitten & ModeBrockhaus 1882

Unsterblichkeit nennt man die bewußte Fortdauer der menschlichen Persönlichkeit nach dem Tode. Der Glaube an eine persönliche Fortdauer findet sich ebensowohl auf den niedrigsten wienuf den höchsten Stufen menschlicher Kultur, ohne darum ein völlig allgemeiner zu sein. Sein Ursprung beruht auf dem Triebe des Menschengeistes nach Selbstbehauptung gegenüber der äußern Naturgewalt und auf der diesem Triebe entsprechenden unwillkürlichen Reflexion, daß der Mensch als bewußtes und handelndes Subjekt dem allem Naturdasein beschiedenen Lose der Vergänglichkeit nur scheinbar unterworfen sein könne. Die älteste Form dieses Glaubens ist die Manenverehrung oder die Vorstellung, daß der Tote auf geheimnisvolle Weise seine bisherige Thätigkeit fortseze. Während man don den LHenanh und Stammeshäuptern glaubte, daß dieselben auch nach dem Tode fortfahren, die Familie oder den Stamm zu beschützen, schrieb man andern Toten wieder schädliche Einwirkungen auf die Lebenden zu, die man durch Begütigung der Toten meinte abwenden zu müssen. Mit dieser Vorstellung hängt die Sitte zusammen, den Toten Speise, Waffen, Boote und andere Gegenstände, deren sie in ihrem bisherigen Leben bedurften, zu opfern. Es ist schon ein fortgeschrittener Standpunkt, wenn man, wie dies ebenfalls bei vielen Naturvölkern der Fall ist, den Zustand und das Thun des Toten als von seinem bisherigen verschieden vorstellt. Diese Stufe gehört der Auffassung der abgeschiedenen ⸗Seeleno als Schatten (eidola), als 4Geister o,«Gespenstero oder «Dämonen» an. Auch auf dieser Stufe sind die Seelen keineswegs rein geistig gedacht; es kommt ihnen nur eine andersartige, schattenhafte, gespenstige Leiblichkeit zu, der Erscheinungsform nach der verlassenen verwandt und doch wieder von dieser völlig verschieden, gleichsam eine körperlose Leiblichkeit. Wesentlich derselben Entwickelungsstufe gehört die Annahme an, daß die Seelen der Toten ihren bisherigen Körper verlassen und wieder in denselben zurückkehren, oder auch in andere Körper f der können. Der sog. Totemismus beruht auf der Anschauung, daß die Seelen der Vorfahren in Tierkörper gefahren sind, daher jeder Stamm sein eigenes Schutztier (Dodaim oder Totem) verehrt. Verwandt ist die Lehre von der Seelenwanderung (s. d.), welche bei den Indiern zu einer philos. Theorie über einen wiederholten Reinigungsprozeß der sündigen Seele ausgebildet ist. Letztere beruht auf der Vorstellung von einer Vergeltung nach dem Tode, welche gegenüber der ursprünglichen Anschauung von einem einfachen Fortleben bereits eine höhere Entwickelungsstufe bezeichnet. Dem gegenüber gründet sich die bei den Griechen und den alten Hebräern verbreitete Vorstellung von einem Schattenreiche (dades, im Hebräischen Scheol) auf eine abstrakt-sinnliche Auffassung des Grabes als Aufenthaltsort der Toten, das ihnen zugeschriebene schattenhafte Dasein, welches als körperlos, bewußtlos, fühllos dargestellt wird, auf eine abstraktsinnliche Auffassung ihres Nichtdaseins. Daß daneben die Toten im Schattenreiche doch wieder als irgendwie existierend vorgestellt werden, geht einfach daraus hervor, daß man einerseits den Tod als Ende des Lebens, andererseits doch wieder den Toten als Subjekt von Zuständen auffaßt, deren spezifischen Unterschied vom bisherigen Leben die geschäftige Phantasie näher auszumalen strebt. Erst ganz vereinzelt regt sich im hebr. Altertum die Hoffnung einer persönlichen Fortdauer. Ganz verschieden davon ist die Lehre von der To tenauferstehung oder die Auferweckung der Leiber am Tage des Gerichts, welche im spätern Judentum sich aus der Hoffnung auf Neuaufrichtung der israel. Theokratie und aus der umgestalteten Vergeltungslehre entwickelt hat und von dem Judentum ins Christentum und auch in den Islam übergegangen ist. (S. Auferstehung.) Aber auch die Auferstehungslehre selbst hat verschiedene Modifikationen erfahren. Neben die sinnliche Vorstellung einer einfachen Wiederbelebung des irdischen Leibes, welche einem Tertullian und andern Kirchenlehrern schon durch die Vergeltungslehre gefordert zu sein schien, trat schon bei dem Apostel Paulus die nachmals noch öfters wiederholte Vorstellung von einer künftigen Bekleidung der Seele mit einem dem gegenwärtigen zwar ähnlichen, jedoch vollkommenern Leibe von himmlischer Natur. Da aber auch von einem solchen erklärten Leibes eine klare und widerspruchsfreie Anschauung nicht zu gewinnen war, so trat die Auferstehungslehre, namentlich unter dem Einflusse der Aufklärungsphilosophie des 18. Jahrh., immer mehr hinter die Vorstellung einer leiblosen Seelen—⸗ fortdauer zurück. In Verbindung hiermit stand die Verdrängung der Vergeltungslehre durch die Zdee einer künftigen Vervollkommnung des Menschengeistes oder einer höhern Ausbildung unserer geistigen Anlagen in einem zukünftigen und jenseitigen Zustande, zu welchem der gegenwärtige den Vorbereitungszustand oder die Prüfungszeit bilde. In diesem Sinne finden wir den Unsterblichkeitsglauben in der Neuzeit sowohl bei Dichtern (Gellert, Klopstock, Novalis, Byron) als bei Philosophen GKant und Fichte) aufgefaßt. Da jedoch auch die Vorstellung einer nackten Seelenexistenz dem Verstande um nichts faßlicher ist, so trat ihr schon im 18. Jahrh. im franz. Materialismus die Leugnung des Unsterblichkeitsglaubens in jeder Gestalt gegenüber. Der neuere deutsche Materialismus meint sogar den naturwissenschaftlichen Beweis dafür antreten zu können, daß das geistige Leben des Menschen nichts anderes sei, als eine Funktion seiner körperlichen Organe, mit deren Zerstörung natürlich auch die Seeler und ihre Thätigkeit verschwinen müsse. Dem gegenüber wurde von einzelnen Naturforschern und Philosophen wieder die ur-Hurünglich in der Platonischen Philosophie heimische Vorstellung einer eigenen „Seelensubstanzv geltend gemacht, welche mit dem Leibe nur in vorübergehende Verbindung getreten sei. In anderer Weise suchten Leibniz und Herbart durch ihre Monadenlehre lie die U. der Seele Raum zu schaffen. Kant hielt die U. aus theoretischen Gründen für unerweislich und gründete den Glauben daran auf die praktischen Postulate der Vernunft. Die konsequente Aufhebung der dualistischen Anschauung in der Hegelschen Philosophie führte zwar zu der Lehre, daß der Geist die innerste Substanz alles Daseins sei, schien aber die Fortdauer des Individuums aufzuheben und eine Rückkehr des individuellen Geistes in das Allgemeine zu fordern. Ausdrücklich wurde diese Meinung ausgesprochen in Richters „Lehre von den letzten Dingen » (Bd. 1, Bresl. 1833). Göschel dagegen, in den Schriften »Von den Beweisen für die U. der menschlichen Seele im Lichte der spekulativen Philosophie⸗ (Berl. 1835) und «Die siebenfältige Osterfrages (Berl. 1836), suchte die Hegelsche Philosophie gegen diesen Vorwurf zu verteidigen. Auch C. H. Weiße (Die philos. Geheimlehre von der U. des menschlichen Individuums», Dresd. 1834) und J. H. Fichte (Die Idee der Persönlichkeit und der individuellen Fortdauero, Elberf. 1834) versuchten eine philos. Begründung der Unsterblichkeitslehre, und Fechner unternahm einen ähnlichen Nachweis auf Grund einer poetisch-phantasievollen Naturanschauung in seinem Büchlein vom Leben nach dem Toder (Lpz. 1836) und im dritten Teile seines „Zendavesta, oder über die Dinge des Himmels und des Jenseitsd (Lpz. 1851). Auf dem heutigen Stande der Forschung wird sich kaum verkennen lassen, daß ein philos. Beweis ebenso wenig für als gegen die U. geführt werden kann, und daß auch die materialistische Bestreitung derselben keine wissenschaftlich zwingende ist, letzteres schon darum nicht, weil der Materialismus überhaupt nicht im Stande ist, die Thatsachen des Bewußtseins und des geistigen Lebens überhaupt auf mechanischem Wege zu erklären. Der Glaube an eine persönliche Fortdauer wird jedoch aus denselben geistigen Motiven, denen er von Anfang an entsprungen ist, immer wieder entstehen. Der Mensch trägt nun einmal das Bewußtsein in sich, daß er mehr als ein bloßes Naturwesen ist und daß sein geistiges Leben, seine Vernunft und Freiheit unabhängig ist von dem Mechanismus des äußern Naturdaseins. Dem persönlichen Selbstbewußtsein des Menschen gegenüber ist dieses ganze materielle Dasein eine blobe Erscheinungswelt, der gegenüber das Ich seine Freiheit behauptet als ein einer wesentlich andern Ordnun der Dinge entsprungenes, seinen Lebenszweck in sich selbst tragendes Wesen, dessen innerster Kern durch die Schranken von Raum und Zeit nicht berührt wird. Insbesondere aber ist es die religiöse Anschauung von einer unzertrennlichen Lebensgemeinschaft des personlichen Subjekts mit Gott, durch welche der Glaube an U. immer neue Nahrung erhält, auch wenn die Art und Weise einer persönlichen Fortdauer nach dem Tode die unserer Erkenntnis gesetzten Grenzen nun einmal überschreitet, also auch nur von der Phantasie auf eine bestimmte Vorstellung gebracht werden kann. Vgl. Flügge, 4Geschichte des Glaubens an U., Auferstehung u. s. w. » (3 Bde., Lpz. 1794—99); Beckers, «Mitteilungen aus den merkwürdigsten Schriften der verflossenen Jahrhunderte über den Zustand der Seele nach dem Toder (2Hefte, Augsb. 1835—36); Meyer, «Die Idee der Seelenwanderungy (Hamb. 1861); Schelling, Clara, oder Zusammenhang der Natur mit der Geisterwelto (2. Aufl., Stuttg. 1865); Alberti, Kuber die U. der Seele als persönliche Fortdauer des Menschen nach dem Toder (Stettin 1865); Ritter, „Unsterblichkeito (2. Aufl., Lpz. 1866); J. H. Fichte, «Die Seelenfortdauer und die Weltstellung des Menschenv(Opz. 1867); Teichmüller, «U. der Seeler (Lpz. 1874); Arnold, «Die U. der Seele, betrachtet nach den vorzüglichen Ansichten des llassischen Altertumso (Landsh. 1870); Spieß, „Entwickelungsgeschichte der Vorstellungen vom Zustande nach dem Tode-Jena 1877).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 47Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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