FeedSteinheil (Karl Aug.)
TechnikBrockhaus 1882

Steinheil (Karl Aug.), ausgezeichneter Astronom, Physiker und Techniker, geb. 12. Okt. 1801 zu Rappoltsweiler im Elsaß, widmete sich seit 1821 zu Erlangen jurist. Studien. Seine Neigung für Mathematik und insbesondere Astronomie führte ihn jedoch schon 1822 zu Gauß nach Göttingen, bald darauf nach Königsberg zu Bessel. Im Herbst 1825 kehrte er in das väterliche Haus nach Perlachseck zurück. Er errichtete daselbst eine Sternwarte und beschäftigte sich namentlich mit optischen Untersuchungen, der Theorie der Fernrohre u. 321 ereits 1827 erwählte ihn die münchener Akademie zum außerordentlichen, 1835 zum ordentlichen Mitglied. In letzterm Jahre trat S. auch als Professor der Mathematik und +++ sowie als Konservator der mathem.⸗physik. Sammlungen des Staats zu München in den bayr. Staatsdienst. Auf Anregung von Gauß widmete er sich nun unter anderm der praktischen Durchführung der elektromagnetischen Telegraphie; 1836 stellte er den ersten Schreibtelegraphen her, welcher die Buchstaben u. s. w. durch Punkte in zwei Zeilen darstellte (s. u. Telegraphie), wie dies auch in andern, zum Teil jetzt noch gebräuchlichen Telegraphen geschieht; dann legte er im Sommer 1837 die erste größere Telegraphenleitung zwischen dem Akademiegebäude in München und der Sternwarte in Bogenhausen an; 1838 entdeckte er die Möglichkeit der Rückleitung der Telegraphieströme durch die Erde. Bald darauf konstruierte er die elektrischen Uhren (1838), erfand einen Pyrometer für den münchener Petersturm und benutzte die Telegraphie bereits für die Feuerwacht und den Eisenbahndienst. Obgleich S. alle seine Erfindungen in den Schriften der münchener Akademie veröffentlichte, fanden sie doch zunächst in Deutschland keine weitere Anwendung. Im J. 1846 ging er auf einige Zeit nach Neapel, wohin ihn die Regierung zur Regulierung des neapolit. Maß⸗ und Gewichtssystems berufen hatte. Im J. 1849 wurde S. von der bayr. Regierung mit der Berichterstattung über die 1846 gebaute Telegraphenlinie Hamburg-Curhaven und über den Bestand der Telegraphien in Deutschland betraut. Im J. 1849 folgte er einem Rufe der österr. Regierung zum Sektionsrat und Vorstand der telegraphischen Abteilung im Handelsministerium, in welcher Stellung er binnen zwei Jahren ein fast vollständiges Telegraphensystem über alle Kronländer des Reichs einrichtete und 1850 den deutschösterr. Telegraphenverein mitbegründen half. Hierauf entwickelte S. 1852 in der Schweiz bei der Organisation des dortigen Telegraphenwesens eine höchst erfolgreiche Thätigkeit, nach deren Beendigung er als Konservator der mathem.⸗physik. Sammilungen mit Titel und Rang eines Ministerialrats in bayr. Staatsdienst zurücktrat. Auf Wunsch seines besondern Gönners, des Königs Maximilian II., errichtete S. 1854 eine optische und astron. Werkstätte zu München, welche sehr rasch zu Blüte und „Ansehen gedieh, und aus der unter anderm die großen Refraktoren für die Sternwarten zu Upsala, Leipzig, Mannheim, Utrecht u. s. w. hervorgingen. Seit 1862 überließ er jedoch die Leitung dieses „Etablissements seinem zweiten Sohne Adolf S. und zog sich überhaupt mehr und mehr zurück. Er starb zu München 12. Sept. 1870.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 191Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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