Steinschneidekunstoder Litho lyptiklgrch.), die Kunst, Figuren und Bilder in harte Steine zu schneiden, verdankt 2ün Entstehung dem uralten Aberglauben an die Wunderkräfte der sog. edlern Steine. Je tiefer man in das geschichtliche Altertum zurückgeht, desto größer ist die Anzahl und Verehrung der Amulette (s. d.). Nach Plinius war ihr Gebrauch im ganzen Orient verbreitet. In Agypten und selbst in Athiopien lieferte die daselbst von alters her bekannte Glyptik Scarabäen (s. d.) aus Achat, Kornalin, Jaspis, Lapis lazuüli, die sich bei Mumien vorfinden. Vorsicht, Handelsgeist, Herrscherwürde, Putzliebe u. dgl. ließen nachher die Siegel und die als Petschaft dienenden Ringe erfinden zum Versiegeln der Vorrats⸗ und Schatzkammern wie auch zum Petschieren von Briefen. Das Siegel dieses Fingerringes vertrat die Stelle der Unterschrift. Der Gebrauch der Petschafte in der Bibel und in der Geschichte der Handelsvölker des Altertums, bei den Phöniziern, Babyloniern, Persern, Griechen darf daher nicht verwundern. Nach Herodots Aussage hatte jeder Babylonier sein Petschaft, und bei den Griechen setzte wenigstens die Tradition die Sitte des Ringtragens bis zum Trojanischen Kriege hinauf. Übrigens ist das hohe Alter der S. auch in Griechenland bestätigt; denn Schliemanns Aufdeckung der Königsgräber von Mykenä hat auch geschnittene Steine mit Figuren ans Licht gebracht. Die geschnittenen Steine sind von zweierlei Art, je nachdem das Bild vertieft oder erhöht ist. Bei den Tiefschnitten (Intaglien) sind die Linien und Teile der Zeichnung in den Stein eingegraben oder eingestochen, bei den Hochschnitten (Kameen) aber in dem Steine ausgespart. Zum Schneiden der Kameen (s. d.) und Intaglien gebraucht man verschiedene Substanzen. Diese sind zunächst die eigentlichen Edelsteine oder Gemmen, die durchsichtigsten und härtesten orient. Steine, wie der Diamant, der Rubin, der Saphir, der Smaragd, der Topas (alle nur sehr selten geschnitten); ferner der Amethyst, ein violettblauer Quarz, der Aquamarin, ein meergrüner, manchmal ins Blaue spielender Beryll. Sodann kommen die gemeinen halbdurchsichtigen oder undurchsichtigen oder seifenartigen Dartiteine die, weil sie sich schön polieren lassen, zu den Edelsteinen gerechnet werden: der Opal, auf weißem, bläulich schattiertem Grunde in allen Regenbogenfarben spielend; der Türkis, ein sanftblauer Stein, welchen die Agypter oft schnitten: der Pras oder falsche Smaragd (plasma di Smeraldo), ein lauchgrüner Stein; der Achat und seine mancherlei Arten, wie Sard oder Karneol, Chalcedon, Chrysopras, Kornalin, Onyx und Sardonyr, welcher letzterer bisweilen fünf, meistens drei Farbenschichten hat. Außer den edeln und gemeinen Hartsteinarten gebrauchten die antiken und modernen Steinschneider noch andere Materialien: Felsarten, wie Granit, Basalt, Syenit; animalische Substanzen, wie Korallen, Elfenbein und Perlmuscheln; erdharzige Stoffe, wie Lapis lazuli und Bernstein; endli Metalle, wie Hämatit, bräunliches, manchma elbliches Eisenoxyd, das ganz besonders zum Schneiden der persepolitanischen Cylinder und ägypt. Amulette genommen wurde. in Glag n wurden die verschiedensten Steinarten in Glas nachgebildet. Allem Anschein nach verbreitete sich die Kunst, in arten Steinen zu schneiden, aus dem Orient nach riechenland und erreicht hier 460—336 v. Chr. den Gipfel der Vollkommenheit. Die Diadochenzeit leistete in diesem Fache sehr Vortreff⸗ . Der Luxus in geschnittenen Steinen gewann besonders durch den aus dem Orient herstammenden Gebrauch, daß man Becher, Kratere und andere Arbeiten aus edeln Metallen mit Kameen schmückte. In diese Klasse gehören auch die in derselben Zeit aufkommenden, ganz aus edeln Steinen geschnittenen Gefäße. Gegen Ende der röm. Republik gingen tuchtige Gemmenschneider aus Griechenland nach Rom. Dioskorides, der Urheber des Augustuskopfes, mit welchem der Kaiser selbst siegelte, war der ausgezeichnetste hen Werten der . der Zeit. Wenn sich auch in diesen Werken der Geist der Beandlung und der Adel der Formen nicht mehr wie in den Ptolemäergemmen findet, ist doch die Zeichnung ausdrucksvoll und die Arbeit sehr gediegen. Prunkgeräte aus geschnittenen Steinen wurden immer noch mit vieler Geschicklichkeit verfertigt. Die in der letzten röm. Kaiserzeit sehr häufige Anwendung geschnittener Steine zur Verzierung von ehrgehenken u. s. w. bewirkte, daß die Gemmenarbeit auch in so später Zeit noch auf einem merklichen Grad der Tüchtigkeit blieb. Während der ersten christl. Jahrhunderte bestand diese Arbeit noch fort in Italien und besonders in Konstantinopel. Die Gegenstände wurden nun oft aus dem Alten und Neuen Testament entlehnt. Nach dem Umsturz des Römischen Reichs scheint die S. nur noch in Byzanz betrieben worden zu sein. Hier hatten sich die antiken Kunsttraditionen erhalten, aber mit immer entschiedenern Anzeichen der einreißenden Barbarei, und im 11. Jahrh. war jenes Kunstfach völlig verfallen. Bei den andern Völkern kannte man fast nur die antiken geschnittenen Steine. Pipin siegelte mit einem ind. Bacchus, Karl d. Gr. mit einem Serais, und man kann annehmen, daß im frühern Mittelalter die Kunst des Steinschneidens abhanden gekommen war. Viele Reliquienschreine und Kultusgeräte jener Zeit sind mit antiken Kameen und Intaglien verziert. Die Einnahme Konstantinopels durch die Türken 1453 verursachte hauptsächlich das Wiederaufleben dieser Kunst in Italien, wohin sich die griech. Künstler flüchteten. Lorenzöo von Medici und dessen Sohn Pietro beriefen die besten griech. Arbeiter dieses Fachs nach Florenz. Fi dieser Schule bildete sich Giovanni, gewöhnlich iovanni dalle Carneoli genannt, der bald an dem Mailänder Domenico, mit dem Beinamen dei Camei, einen Nebenbuhler fand. Das 16. Jahrh. war die blühendste Epoche der modernen S. Giovanni Bernardi de Castel Bolognese, Valerio Vicentino, Matteo del Nassaro von Verona, Maria di Pescia, Alessandro Cesari, Jacopo Caraglio von Verona, Luigi Anichini von Ferrara machten sich vorzüglich berühmt. Die aus seltenen Steinen gearbeiteten Gefäße wurden um diese Zeit ebenfalls wieder ein gesuchter Luxusartikel. Vasari berichtet, daß der berühmte Valerio Vicentino viele Vasen aus Bergkrystall für Clemens VII. verfertigte. Andere Arbeiten Vicentinos in gravierten Krystallen existieren noch heute in der Bibliothek des Vatikan. WDaßen da Trezzo lieferte ebenfalls drei sehr schöne Vasen, und die Schüler dieses berühmten Graveurs, Gasparo und Girolamar Misseroni von Mailand, machten geschätzte Becher und Schalen aus kost⸗ [baren Steinarten. Manche Fürsten sammelten der-Eicranz Prachtgeräte. Die Gemmenkabinette in lorenz und Paris, der kaiserl. Schatz in Wien, die Schatztammer des Königs von Bayern in München, das Grüne Gewölbe in Dresden bewahren eine beträchtliche Anzahl solcher Stücke von der Meisterhand ital., deutscher und franz. Künstler. Die wundervollen geschliffenen und gravierten Krystall⸗ und Edelsteingefäße der wiener Schatzkammer stammen aber zum Teil aus Prag, wohin Kaiser Rudolf II. ital. Künstler verpflanzt hatte. Als gegen Ende des 16. Jahrh. die Kraft der bildenden Künste allenthalben 0 ermatten begann, erlitt die S. gleiches Schicksal. Erst im 18. Jahrh. Tlonue sie wieder zu einer kleinen Nachblüte. rotz ½ achtbarer Erscheinungen auf dem Gebiete der S. war es seitdem mit dieser Kunst vorbei oder die Leistungen waren wenigstens nur gering. In Bezug auf die mechan. Behandlung möchte man aus dem, was Plinius hierüber sagt, beinahe schließen, daß die Alten keine andere Methode als die von den Neuern befolgte kannten. Alle Arbeitswerkzeuge sind aus weichem, ungehärtetem Eisen oder Messing. Die einen, «Rundsägen genannt, haben an ihrem Vorderende die Form eines flachen, an den Rändern immer sehr scharfen Nagelkopfes; andere haben einen runden Kopf, wie ein Knopf, und heißen Rundperleno. Dergleichen Werkzeuge führt der Künstler von allerlei Größen. Die Instrumente werden in Bewegung gesetzt durch die Vorrichtung eines kleinen stählernen Rades, welches in der Mitte des Arbeitstisches auf einem messingenen Fuße angebracht ist und in Verbindung mit einem unter dem Arbeitstisch befindlichen hölzernen Rade, das von dem Fußtritt des Arbeiters seinen Schwung erhält. Jedes Handwerkszeug greift nur in einen Edelstein ein, wenn es stark mit Schmirgel oder Diamantbort bestrichen ist. Dieser Schmirgel (Saphirmehl mit Olivenöl gemischt) bewerkstelligt die Arbeit. Hat der Steinschneider die Figuren in Wachs auf einer Schiefertafel modelliert, so wählt er einen Edelstein, der von dem Schleifer die bestellte Form erhalten hat und zeichnet darauf mit einer kupfernen Nadel sein Modell. Alsdann hält er den Stein an die scharfe Seite einer an dem Rädchen befestigten Rundsäge und merkt während des Drehens in gewissen Abständen Auskennungspunkte an, je nach dem äußern Umriß der einzuschneidenden oder auszusparenden Figur. Diesen ersten Entwurf bringt er ganzzu Ende. Er arbeitet sofort alles aus dem Gröbsten, nimmt Masse hinweg, verfährt aber, wenn das Werk Gestalt zu gewinnen beginnt, vorsichtiger. Oft geschieht es, daß die Handwerkszeuge der gewöhnlichen Art nach den Stellen, die er bearbeiten möchte, nicht hingelangen können. In solchen Fällen bedient er sich der Diamantspitzen, eiserner oder kupferner Stifte, die mit einem Stiel versehen und vorn mit einem Stückchen Diamant gefaßt sind. Mit diesem Instrument in der Hand (nunmehr ohne Anwendung des Rades) bildet er kleine Windungen und Krümmungen, beendigt die Linien, vertieft einzelne Stellen, schneidet andere aus, löst gewisse Teile ab, macht Arbeiten, die kaum den Stein schrammen, und bringt schließlich Feinheit in seinen Schnitt. Vgl. außer Lipperts (s. d.) Daktyliotheko: King, „Antique gemso (Lond. 1860); Mariette, Traité des pierres gravéeso (2 Bde., Par. 1750, mit Kupfern); Natter, Traité de la méthode antique de graver en pierres fines, comparée avec la méthode modernes (Lond. 1754, mit Kupfern); Frischbog „Lehrbuch der S. » (Münch. 1820). teinschneider (Mor.), einer der verdientesten jüd. Gelehrten Deutschlands, geb. 30. März 1816 zu Proßnitz in Mähren, machte seine Talmudstudien in Proßnitz und Nikolsburg, studierte in Prag, Wien und Berlin, kehrte 1842 nach Töchterschule in und wurde Lehrer an einer höhern Töchterschule in Prag. Seit 1845 lebt S. wieder in Berlin, hält seit 1859 Vorträge an der Veitel-Heine-Ephraimschen Stiftung daselbst und leitet seit 1869 die Töchterschule der jüd. Gemeinde. S. gehört zu den gelehrtesten Kennern der ältern und neuern jüd. Litteratur. Unter seinen zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten haben besonders die über jüd. Litteratur und Bibliothek die verdiente Anerkennung gefunden. Dahin gehört vor allem der Catalogus librorum hebraeorum in Bibliotheca Bodleiana (Berl. 1852 — 60; dazu: «Conspectus codicum manuscriptorum hebraicorum in Bibliotheca Bodleianay, Berl. 1857); dann die Kataloge hebr. Handschriften in den Bibliotheken zu Leiden (1857), München (1875), Hamburg und Berlin (1878). Ferner sind zu nennen: 4Bibliogr. Handbuch über die Litteratur der hebr. Sprachkundev (Berl. 1859), die Zeitschrift cHebr. Bibliographies (Berl. 1858 82) und der Artikel über (Jüd. Litteraturo in der (Allgemeinen Encyklopädies von Ersch und Gruber (Sekt. 2, Bd. 27, Lpz. 1850), welcher von Spottiswoode ins Englische (EJewish Literature o, Lond. 1857) übertragen wurde. Außerdem sind zu erwähnen: Mannay (Berl. 1847), «Die fremdsprachlichen Elemente im Neuhebräischen» (Prag 1845), Reshith Hallimud (Berl. 1861), ein nach einem neuen System für eine Schule in Bombay bearbeitetes hebr. Elementarbuch, und „Polemische und apologet. Litteratur in arab. Spracher (Lpz. 1877, in den Abhandlungen der Deutschen morgenländ. Gesellschaft'). Im J. 1885 erhielt er von der pariser Akademie den Preis für ein größeres Werk über die hebr. Übersetzungen des Mittelalters.