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ErdkundeBrockhaus 1882

Stettiu, Hauptstadt der preuß. Provinz Pommern und des gleichnamigen Regierungsbezirks, liegt in Vorpommern an der Oder, welche hier die in den Dammschen See mündenden Seitenarme Parnitz und Dunzig absendet. Die Stadt besteht aus der hügeligen, engen Altstadt, der seit 1850 im Süden davon angelegten Neustadt mit regelmäßigen, breiten Straßen und den seit der Aufhebung der Festung (1873) entstandenen, nach Norden und Westen strahlenförmig sich ausbreitenden Stadtteilen vor dem Berliner⸗ und Königsthor, welche an Umfang der Altstadt nicht nachstehen, ferner auf dem rechten Oderufer aus der Lastadie und der Silberwiese und zählt (1885) 99 475 E. (mit Vororten 136848 CE.), worunter 3000 Katholiken und 2000 Juden. S. wurde durch Friedrich Wilhelm J. mit Befestigungswerken nach dem Vaubanschen System perfehen, doch werden dieselben seit 1873 wieder abgetragen. Über die Oder führen drei hölzerne und eine eiserne, über die Parnitz eine hölzerne und zwei eiserne Brücken. Die eisernen vermitteln den Verkehr mit den Eisenbahnen. Von den öffentlichen Gebäuden sind zu erwähnen das Schloß (1575—77 im ital. Renaissancestil erbaut), früher Sitz der Herzöge von Pommern, jetzt des Oberprä-⸗ sidiums, der Regierung, des Oberlandesgerichts und anderer Behörden, das 1878 vollendete neue Rathaus in der Neustadt, das Postgebäude, das Direktionsgebäude der Berlin-Stettiner Eisenbahn, die Artilleriekaserne, das St. Johanniskloster (ein Asyl für alte Bürgersleute), das mtsgerichtshaus, das alte Rathaus (1245), das Schauspielhaus, die „Börse, das Konzert⸗ und Vereinshaus, das Landhaus, ferner fünf evang. Kirchen, darunter die große Jakobikirche aus dem 14. Jahrh. und die 1124 begründete, ebenfalls im 14. Jahrh. neu erbaute Peters⸗ und Paulskirche, die ä teste christl. Kultusstätte Pommerns, eine altlutherische, eine Baptistenkapelle, eine kath. Kapelle (im Schloß), eine Kirche der Irvingianer und eine sehr geschmackpvolle Synagoge. Im Landhaus steht das in carrarischem Marmor ausgeführte Original der auf dem Königsplatz aufgestellten Statue Friedrichs d. Gr. von Schadow, vor dem Schauspielhaus eine Marage von Stettin. morstatue Friedrich Wilhelms III. von Drake. S. ist der Sitz des Oberpräsidenten, der Regierung, des Oberlandesgerichts, eines Land⸗ und eines Amtsgerichts, des Generalkommandos des 2.Armeekorps, des Kommandos der 3. ——ᷓ — und mehrerer Brigadestäbe, einer Reichsbankhauptstelle und eines Konsistoriums. An höhern öffentlichen Unterrichtsanstalten besitzt die Stadt drei Gymnasien, wei Realgymnasien, einestädtische höhere Mädchenihule, eine Anstalt für Blödsinnige, ein Taubstummeninstitut, eine Blinden-und eine Hebammenanstalt, ein städtisches und ein Privatkrankenhaus (Bethanien) und verschiedene andere Stiftungen für Hilfsbedürftige. Die 1824 gestiftete Gesellschaft für pommersche Geschichte und Altertumskunde, mit bedeutender Bibliothek, hat ein antiquarisches Museum im Schloß, ebendaselbst befindet sich auch das Staatsarchiv; das Pommersche Museum birgt natur⸗ und kulturhistor. Sammlungen, das Stadtmuseum Gemälde, Kupferstiche und Skulpturen. S. ist einer der wichtigsten Plätze des preuß. Staates und Zugleich die wichtigste di Cinten Pommerns. Den Handel befördern die Linien Berlin-Stargard, S.⸗Küstrin und S.⸗Pasewalk der Preußischen Staatsbahnen, der 5—6 m tiefe Oderstrom mit seinen Nebenarmen dient als Hafen, haen Swin Dampferverbindung über den Seebesuchten den Hafen 2207 Seedampfer, 913 Revierwar es von den Franzosen besetzt. Die Umgegend der Stadt ist freundlich und malerisch, durch die zahlreichen Wasserläufe und den Schiffsverkehr belebt, das Klima in den niedrig gelegenen Teilen und wegen des raschen und häufigen Temperaturwechsels nicht besonders gesund. Unmittelbar berührt sich S. im Norden mit der Nachbarstadt Grabow, die eigentlich nur ein Vorort von S. ist und sich ihrerseits wieder in fast ununterbrochener Häuserreihe in den Dörfern Bredow (12 741 E.), Züllchow (5313 E.), Frauendorf (2539 C.) mit großen Fabriketablissements G 8km auf dem linken Oderufer entlang fortsetzt. Ebenso erstrecken sich die Ausläufer S.s im Süden, Haus an Haus und Fabrik an Fabrik reihend, fast 4 km weit bis zum Dorfe Pomerensdorf. Der Regierungsbezirk Stettin begreift den mittlern Teil der Provinz Pommern (s. d.), hat ein Conversations-Lexikon. 13. Aufl. XV. Areal von 12073,6 akm, zählt (1885) 728 343 E. und zerfällt in die 13 Kreise: Stadt Stettin, Randow, Usedom-Wollin, Anklam, Demmin, Ukermünde, Greifenhagen, Pyritz, Saatzig, Naugard, Regenwalde, Greifenberg und Kammin. Vgl. Krätz, Die Städte der Provinz Pommerno Berl. 1865); Berghaus, Geschichte der Stadt S.» (2 Bde., Wriezen 1875—76); Thiede, Chronik von Stettiner Haff, s. unter Haff. Steub (Ludw.), geistvoller deutscher Schriftsteller, geb. 20. Febr. 1812 zu Aichach in Oberbayern, kam mit seinen Eltern 1822 nach Augsburg und 1823 nach München, wo er das Gymnasium besuchte und sich hierauf an der Universität erst philol., dann jurist. Studien widmete. Die Jahre 1834 —36 verlebte er in Griechenland als Beamter im Bureau der Regentschaft zu Nauplia, später in dem des Staatskanzlers zu Gehrt. m J. 1836 wieder in seine Heimat zurückgekehrt, nahm er seinen Wohnsitz zu München, wo er 1845 zum Anwalt, 1863 zum Notar ernannt wurde. Im J. 1880 legte er das Notariat nieder. S.s Studien sind hauptsächlich auf die Alpenländer und deren ethnogr. Verhältnisse gerichtet. Sehr beachtenswerte Arbeiten in letzterer Beziehung sind insbesondere seine Untersuchungen «über die Urbewohner Rhätiens und ihren Zusammenhang mit den Etruskerno (Münch. 1843) und die Schrift Zur rhätischen Ethnologiev (Stuttg. 1854). Neuerdings veröffentlichte er «Die oberdeutschen Familiennamenv (Münch. 1870) und (Zur Namen⸗ und Landeskunde der deutschen Alpeno (Nördl. 1885). Ausgezeichnet durch gediegenen Stoff und treffliche Darstellung sind ferner seine Reiseschilderungen aus der Alpenwelt, wie Drei Sommer in Tirolo (Münch. 1846; 2. Aufl., 3 Bde., 1871), Das Bayrische Hochlando (Münch. 1860), Wanderungen im bayr. Gebirger (Münch. 1862), «Herbsttage in Tirolb (Münch. 1867). Daran schließen sich Altbayr. Kulturbildero (Lpz. 1869), Aus Tirolo (Stuttg. 1880) und der „Sängerkrieg in Tirolo (Stuttg. 1882). Früher schon bewährte er sein Darstellungstalent in den „Bildern aus Griechenland (2 Tle., Lpz. 1841; neue Aufl. 1884). Von Ses belletristischen Werken sind «Novellen und Schilderungen » (Stuttg. 1853), der Röoman «Deutsche Träume ». (3 Bde., Braunschw. 1853) und die in Tirol spielende Erzählung Der schwarze Gasto (Münch. 1863) hervorzuheben. Ferner erschien eine Sammlung seiner «Kleinern Schriften o (4 Bde., Stuttg. 1873— 75), „Lyrische Reisen (Stuttg. 1878) und „Gesammelte Novelleno (Stuttg. 1881; 2. Aufl. 1883).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 224Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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