FeedStickmaschinen
TechnikBrockhaus 1882

Stickmaschinen (frz. machines à broder, engl. embroidering-machines), Maschinen zur Nachahmung der Handarbeit in der sog. Weißstickerei (s. unter Stickerei). Man unterscheidet zwei Systeme von S. je nach der mit denselben hauptsächlich erzeugten Stichart: die Plattstich-Sticktenstich: S und die Tambourier-⸗ oder Kettenstich-Stickmaschinen. Ofters werden unter S. nur die erstern verstanden. Bei den Plattstich-Stickmaschinen wird die bedeutende Leistungsfähigkeit durch die große Zahl der gleichzeitig nach demselben Muster hergestellten Erzeugnisse, bei den Tambouriermaschinen durch die hohe Arbeitsgeschwindigkeit bedingt. Die erste brauchbare S. erfand Josua Heilmann in Mülhausen i. E. im J. 1829. Die meisten der heutigen Plattstich-Stickmaschinen, wenigstens diejenigen für Handbetrieb, sind im Prinzip der Heilmannschen Konstruktion ähnlich, wenn sich auch in der Durchführung vielfache Verbesserungen Geltung verschafft haben. Diese Maschinen beruhen auf der direkten Nachahmung der Handarbeit. Da es aber zu schwierig und zu unsicher sein würde, alle gleichzeitig einzustechenden Nadeln um das der Musterung entsprechende Maß zu verschieben, wie dies beim Sticken mit der Hand geschieht, wird bei der Maschinenarbeit bequemer der in einem ausbalancierten Rahmen eingespannte Stoff selbst in dem Maße, wie es zwei aufeinander folgende Stiche bedingen, bewegt, während alle Nadeln stets in derselben Horizontal-und Vertikalebene durch den Stoff geführt werden. Die dem Muster entsprechende jedesmalige Verschiebung des Rahmens erfolgt mittels eines Pantographen oder Storchschnabels (s. d.) in der Weise, daß ein Stift an dem längern Arm desselben auf eine Schablone, d das gewöhnlich sechsfach vergrößerte Muster arstellt, und zwar auf die Endpunkte des jedem Stickfaden entsprechenden Schraffierstrichs, aufgesetzt wird, während der kürzere Arm die auf das wirkliche Maß des Stickfadens reduzierte Bewegung auf den Rahmen überträgt. Das gemeinschaftliche Durchstechen aller Nadeln (deren Anzahl je nach der Feinheit des Garns sowie nach der dadurch bedingten Nadelstärke und Distanz von 224 bis 672 schwankt) wird mittels Zangen bewirkt, welche sich auf Wagen befinden, die I beiden Seiten gegen den senkrechten Rahmen auf Schienen vor⸗ und rückwärts geführt werden. Die an beiden Enden zugespitzten, in der Mitte mit dem Ohr versehenen Nadeln (vgl. Nadelführung, Fig. 9 auf Tafel: Stick⸗, Strick- und Wirkmaschinen) werden durch diese Zangen, welche die Finger der arbeitenden Hand ersetzen, iechen dts welch letztere sich aber nach dem Durchtechen des Stoffs sofort öffnen, worauf die Zangen des gegenüber befindlichen Wagens die Nadeln erfassen und die Stickfäden bei dem nun erfolgenden Rückgang dieses Wagens durchziehen, während der erste Wagen an seiner Stelle bleibt. Sa. 8 zeigt die beiden Wagen einer zweireihigen und unten, sodaß mit einmaligem Vor⸗ und Rückwärtsgehen des Wagens das Muster an zwei Stellen des Stoffs reproduziert wird. Fig. 14 zeigt eine dreireihige Stickmaschine für Handbetrieb, die von der Sächsischen Stickmaschinenfabrik in Kappel bei Chemnitz gebaut wird. Zur Bedienung derselben ist eine Einfädlerin und ein Sticker erforderlich. Von letzterm wird immer ein gewisser Grad von übung vorausgesetzt, denn er muß mit der einen Hand den Zeigerstift des Storchschnabels auf dem Muster führen, während er mit der andern Hand durch Umdrehung einer Kurbel die verbundene Vor⸗ und Rückwärtsbewegung der beiden Wagen und somit das Durchstechen und Durchziehen aller von den Zangen gehaltenen Nadeln verrichtet. Ferner muß der Sticker, indem er abwechselnd seine Füße auf den einen oder andern Tretschemel setzt und so den Wagenwechsel bewirkt, sämtliche Zangen des ersten Wagens, welche die durch den Stoff gestochenen Nadeln loslassen sollen, öffnen und alle gegenüberstehenden Zangen des zweiten Wagens, welche die halb durchgestochenen Nadeln zu erfassen haben, schließen, um sie ganz durchzuziehen. Da die meist Im langen Fäden sich während der Arbeit verlürzen, hat das bedienende Mädchen frische Nadeln einzufädeln und dieselben gegen die leeren auszuwechseln, sowie auf etwaige Störungen zu achten. Die beschriebene Maschine dient in erster Linie zur Herstellung von verzierenden Streifen für Damenkleider und Wäsche, von Tüllspitzen und Kraen, Manschetten u. s. w., findet aber auch zum Besticken von Tischdecken, farbigen Kleiderstoffen, Hausschuhen, Hosenträgern u. s. w. ausgedehnte Verwendung. Diese Maschinen werden, um größere Vielseitigkeit der Muster zu erzielen, mit einem sog. Festonnierapparat und mit einem Bohrapparat versehen. Ersterer dient dazu, den zum Umrändern von Zackenmustern erforderlichen Festonstich zu erzeugen; mit dem letztern werden die durch das Muster bedingten Durchbrechungen im Stoff hergestellt. Der Festonnierapparat muß die Stickfäden auf der Vorderseite des Stoffs in dem Moment, wo die Nadeln von hinten durch den Stoff gestochen werden, in solcher Lage halten, daß durch das Hindurchziehen der Fäden nach vorn der betreffende Stich entsteht. Dies wird durch lange, horizontale, zu einem beweglichen Rahmen verbundene Schienen erreicht, welche entweder über oder unter den Nadelbahnen vor dem Stoff so angebracht sind, daß an ihnen befindliche, ab-oder aufwärts gegen die Nadeln stehende Stifte beim Ein⸗ )fahren des Vorderwagens auf die locker herabhängenden Fäden einwirken können. Die Stifte erfassen nämlich, sobald die Einrückung des Apparats durch einen Hebel kurz vor dem Einstechen der Nadeln seitens des Vorderwagens selbstthätig erfolgt ist, die Fäden, ziehen sie nach unten oder oben und bilden hierbei Schlingen, welche sie so lange offen halten, bis die nunmehr wieder von hinten durch den Stoff kommenden Nadeln durch dieselben hindurchgegangen sind. In Fig. 5 ist die Bildung des Festonstichs veranschaulicht. Mit dem Wiederherausfahren des Vorderwagens gehen die Stifte aus den Schlingen heraus in ihre frühere Stellung zurück und werden alsdann durch das Anziehen der Fäden nach vorn zusammengezogen. Der Bohrapparat besteht aus je einer längs der Nadelreihe liegenden Schiene, welche mit vierschneidigen Stahlspitzen (Bohrern) versehen und mittels Scharniers so angebracht ist, daß durch Vorklappen der Schiene vor jeder Nadel ein solcher Bohrer zu liegen kommt. Um ein Zurückweichen des Stoffs zu verhüten, liegt hinter dem Stoff, den Bohrern gegenüber, eine zur Aufnahme der letztern mit Vertiefungen versehene Schiene (Bohrlatte). Sobald der Vorderwagen mit den Bohrern gegen den Stoff fährt, werden an den durch den Storchschnabel fixierten Stellen die gewünschten Durchbrechungen hergestellt, welche dann noch umstickt werden müssen. Durch Zurückklappen der beiden Schienen ist der Bohrapparat jeden Augenblick außer Thätigkeit zu setzen. Das Bestreben, beim Betrieb der Stickmaschinen Elementarkraft anzuwenden und hierdurch nicht nur schneller, sondern auch billiger produzieren zu können, hat seit langem zu der Konstruktion selbstthätiger, mit endlosem Faden arbeitender Maschinen geführt. Eine durch Dampf⸗, Wasser-oder Gaskraft zu betreibende sog. Schiffchen-⸗Stickmaschine ist in Fig. 10 dargestellt. Dieselbe führt auf einem Wagen in zwei Reihen je 112 Nähmaschinennadeln und auf der andern Seite des Stoffs an feststehenden Trägern ebenso viele Schisschen, welche die Bindung der von den Nadeln in den Stoff eingeführten Fäden auf der hintern Stoffseite zu bewirken haben. Wie bei den Stickmaschinen für Handbetrieb, ist auch hier der zu verzierende Stoff in einem Rahmen ausgespannt und wird vom Sticker durch einen Storchschnabel bewegt. Die Bewegung des Nadelwagens erfolgt mittels Excenter, die an einer längs der ganzen Maschine liegenden Welle sitzen. Die Schisschen werden durch zwei Excenter und ein Hebelwerk dirigiert und zwar so, daß je nach Wunsch durch Einrücken des betreffenden Excenters Plattstich oder Steppstich gebildet wird. Die Schiffchen-Stickmaschine, welche 6—10 mal so rasch als die Handmaschine arbeitet, eignet sich besonders zum Besticken von Tüll zur Herstellung von Tüllspitzen. Mit der Handstickmaschine kann sie in Bezug auf Schönheit, Feinheit und Genauigkeit der Arbeit nicht konkurrieren; auch können echte Festons auf derselben nicht hergestellt werden. Bei den mit Ohrnadeln arbeitenden Tambouriermaschinen wird die Bewegung, welche zur Einstellung eines neuen Stichpunktes in die Arbeitsrichtung notwendig ist, stets den stichbildenden Werkzeugen, der Nadel und dem Greifer, erteilt. Derartige Maschinen wurden zuerst Ende der sechziger Jahre von A. Voigt in Chemnitz angegeben, später von Billwiller in St. Gallen u. a. verbessert. Sie eignen sich besonders zum Besticken großer Zeugflächen und finden daher vorzugsweise in der Tüll- und Mullgardinenstickerei Anwendung. Leistungsfähiger sind die mit Hakennadel versehenen Tambouriermaschinen, von denen die von dem Franzosen Antoine Bonnaz 1866 erfundene namentlich in der Hausindustrie am meisten verbreitet ist, da dieselbe sowohl hinsichtlich der Arbeitsgeschwindigkeit (1800 Stiche in der Minute, gegen 20 — 25 einer Handstickerin), als in der Mannigfaltigkeit der erzeugten Stickarbeiten von keiner andern Tambouriermaschine erreicht wird und durch Weglassung des Rahmens, sowie durch zweckmäßige Einrichtung des Stofftransports eine kompendiöse Anordnung ermöglicht, ohne daß sie dadurch für das Besticken großer Flächen weniger brauchbar wird. Zahlreiche Hilfsapparate machen diese Maschine zur Ausführung besonderer Zierstiche, zum Aufnähen von Litzen und Schnüren (Soutachieren), zur gleichzeitigen Herstellung mehrerer Kettennähte aus einem Faden u. s. w. vorzüglich geeignet.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 233Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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