Strumpfwirkerei (frz. bonneterie, engl. hosiery), die Verfertigung von Artikeln, welche ursprünglich nur durch Stricken oder Häkeln von der Hand erzeugt wurden (s. Strumpfwaren), mittels besonderer Maschinen, der Strumpfwirkstühle oder Wirkstühle. Nach der Art der Herstellung werden bei den Erzeugnissen der S. Kulierware und Kettenware unterschieden. Bei der erstern besteht, ähnlich wie bei der gestrickten Arbeit (s. Stricken und Strickmaschinen), das Gebilde aus einem einzigen (hier wellenförmig verlaufenden) Faden, indem der Zusammenhang der einzelnen Fadenschleifen oder Maschen durch Ineinandergreifen derselben erreicht wird; bei der Kettenware dagegen sind ebenso viele Fäden vorhanden, als sich Maschen in der Reihe befinden. Der charakteristische Unterschied beider Arbeitsmethoden von der Weberei besteht darin, daß nicht eine Verbindung zweier Systeme von einander parallel laufenden Fäden, sondern eine Verschlingung entweder eines fortlaufenden Fadens oder vieler nach der Länge des Arbeitsstücks verlaufender Fäden stattfindet. Je nachdem Kulier⸗ oder Kettenware erzeugt werden soll, ist die Konstrultion der Wirkstühle verschieden; die beiden Haupttypen derselben sind demnach die Kulierstühle und die Kettenstühle und bei den erstern sind wiederum der gewöhnliche Wirkstuhl und der Rund-oder Cirkularstuhl zu unterscheiden. Beim gewöhnlichen Wirkstuhl ist für je eine Masche eine besondere Nadel erforderlich, welche nicht nur die neue Mas che bildet, sondern sie auch festhält; es sind mithin so viele Nadeln vorhänden, als in der größten Breitt des Arbeitsstücks Maschen vorhanden sind. Mit tels dieser Nadeln und verschiedener Hilfsapparate wird eine ganze Maschenreihe auf einmal gebildet Aus Fig. 11b auf Tafel: Stick⸗, Strick⸗ und Wirkmaschinen sind die einzelnen Phasen der Maschenbildung beim gewöhnlichen Wirkstuhl (Kulierstuh) zu erkennen. Die Fig. 114a zeigt die eigentümlich gestaltete, horizontal und fest liegende Nadel, welche mit ihrem hintern Ende in das sog. Stuhlblei eingegossen, am vordern Ende dagegen umgebogen ist, sodaß sich die elastische Spitze (der Kopf) in eine Kerbe (Chasse) der Nadel einlegen kann, sobald dieselbe heruntergedrückt wird, wodurch dann der Haken vollständig geschlossen ist. Der Nadelschaft ist cylindrisch, nur unter dem Kopf, wo die Kerbe sich befindet, etwas abgeplattet. Je nach der Feinheit des zu verarbeitenden Garns ist die Stärke der Nadeln verschieden. Ebenso wichtig für die Maschenbildung wie die Nadeln sind die in die Zwischenräume der letztern hineinhängenden Platinen, dünne eiserne Bleche, deren eigenartige Form aus den in Fig. 11 b gezeichneten Platinenteilen und aus Fig. 1, welche die Ansicht des ganzen Wirkstuhls zeigt, ersichtlich ist. In der Fig. 11b der ersten Reihe hängt unter dem og. Gewölbe der Platine das fertige Gewirke; eine Masche umfaßt die Nadeln. Aus der rechts stehenden Figur, sowie aus der links gegebenen Seitenansicht geht hervor, daß bereits ein neuer Faden durch die Vorsprünge (Nasen) der Platinen, welch letztere links als vertikal stehende Stäbe erscheinen, zwischen den einzelnen Nadeln heruntergeschoben ist (der Faden war nämlich ursprünglich vom Wirker quer über sämtliche Nadeln gelegt). In der zweiten Reihe sieht man, wie durch Vorrücken der Platine die gebildete ose unter den Kopf der Nadel geschoben ist. Bei der nun folgenden Manipulation muß der elastische Nadelkopf in die auf der Oberseite des Nadelschafts befindliche Kerbe gedrückt werden, damit die alten Maschen über die neuen fortgeschoben werden können. Die dritte Reihe veranschaulicht diese Phase. Der Nadelkopf ist durch die Presse, einen horizontal über allen Nadeln liegenden keilförmigen Stab, heruntergedrückt und die alte Masche durch die bauchige Krümmung der Platine vorgeschoben. In der vierten Reihe erscheint die neue Masche fertig gebildet; das fertige Gewirke hängt nun vorn an der Nadel und wird durch die Platinen wieder zurückgeschoben, worauf das Spiel von neuem beginnen kann. Die Platinen haben bei der Maschenbildung einen vierfachen Zweck zu erfüllen; erstens müssen sie den Faden wellenförmig zwischen die Nadeln hineinlegen, dann denselben unter die Nadelköpfe vorschieben, hierauf die alten Maschen über die niedergedrückten Nadelspitzen überschlagen und schließlich die neue Masche mit der anhängenden fertigen Arbeit gegen den Stuhl hin zurückschieben. Die, wie bereits erwähnt, in horizontaler Lage unverrückbar befestigten Nadeln sind mit den Haken nach oben mittels einer leicht schmelzenden Legierung in ein feststehendes Lineal, die Nadelbarre, ein gegossen. Das Einlegen des Fadens zwischen die Nadeln kann nicht mit einem mal erfolgen, weil sonst derselbe reißen würde; er wird deshalb mittels der sog. fallenden Platinen, die sich sämtlich nacheinander senken, zwischen jedes zweite Nadel-f paar eingeschoben, sodaß er sich immer vom Ende e teher ergänzen kann. Diese Platinen sind mittels t⸗ ungleicharmiger Hebel (Unden) an ihren Osen aufegehängt. Das schnell aufeinander folgende Senken . der einzelnen Platinen, Kulieren genannt, wird dmittels des Rößchens erreicht, eines auf einer rStange bewegbaren Körpers, der unter den Federn, „ durch welche die Hebel in ihrer Lage erhalten werden, e hin-⸗ und hergezogen wird. Das Einschieben des e Fadens zwischen die übrigen Nadeln erfolgt alsdann mittels der stehenden Platinen, wobei sich die ersten Platinen wieder etwas heben müssen, rdamit man die nötige Fadenlänge erhält. Die stehenden Platinen sind an der parallel zur Nadelbarre angebrachten Platinenbarre ähnlich wie die Nadeln an jener befestigt, sodaß sie durch Heben und Senken derselben sämtlich mit einem mal verschoben werden. Alle diese Bewegungen, sowie die Funktionierung der Nadelpresse erfolgen mittels mehr oder weniger komplizierter Mechanismen durch die vom Arbeiter benutzten Tretschemel. Der beschriebene alte, aber noch vielfach in Gebrauch befindliche Wirkstuhl für den Betrieb durch Menschenkraft ist nach und nach mit vers chiedenen Vorrichtungen zur Herstellung von Mustern, zum Abnehmen und Zugeben u. s. w. versehen worden. Auf sehr einfache Weise läßt sich eine Musterung erzielen, wenn man nicht mit einem mal alle Nadelköpfe preßt und die Maschen überschiebt, sondern nur einen Teil derselben, was leicht durch Anwendung einer sägenartig ausgeschnittenen Nadelpreßschiene zu erreichen ist. Eine Vorrichtung zum Abnehmen oder Mindern ist bei dem mechanischen Wirkstuhl in Fig. 6 und 13 dargestellt. Bedeutend einfacher als der Kulierstuhl ist der Kettenstuhl. Derselbe ist insofern mit dem Webstuhl verwandt, als auch hier auf Walzen aufgewickelte Ketten erforderlich sind, doch wird die Bindung der Kettenfäden nicht durch einen Schußfaden, sondern durch in diagonaler Richtung nebeneinander fortlaufende Maschen erzielt. Auf diese Weise wird es zugleich möglich, auf dem Kettenstuhl Arbeiten mit verschiedenfarbigen Längsstreifen anzufertigen. Da beim Kettenstuhl das Einbringen eines Fadens zwischen die Nadeln wegfällt, indem die Kettenfäden nur gehoben und zur Seite gerückt werden, sodaß sie unter die Nadelköpfe gelangen, arbeitet man mit dieser Maschine schneller. Das überschieben deralten Maschen erfolgt ganz wie beim Kulierstuhl. Der Bindung wegen rückt der Kettenfaden bei jeder Reihe um eine Nadel weiter, also von Nadel 1 nach 2, dann nach 3 u. s. w. und etwa von Nadel 6 an wieder rückwärts, sodaß eine Zickzackmusterung entsteht, wie sie für das Kettenstuhlgewirke charakteristisch ist. Ein mechanischer Wirkstuhl, Patent Hilscher und Hertel in Chemnitz, ist in Fig. 6, einige Details dazu sind in Fig. 13 abgebildet. Dieser Stuhl wird mit Elementarkraft betrieben und muß deshalb in jeder Beziehnng selbstthätig sein. Die Maschenbildung erfolgt bei demselben nach den beim Kulierstuhl erläuterten Prinzipien; jedoch ist hier die horizontalliegende Nadelbarre beweglich und wird bei der Maschenbildung automatisch vor- und rückwärts geschoben. Eine Vorrichtung zum Abnehmen ist nach Fig. 13 im Nachstehenden bechrieben. Die Deckvorrichtung besteht aus einem Rahmen L (in Fig. 13 im Schnitt ersichtlich). Dieser um einen Zapfen schwingende Rahmen hängt gewöhnlich vorn am Stuhl und wird, sobald er benutzt werden soll, in die Höhe geklappt, sodaß die auf ihm sitzenden Nadeln b vor die Nadeln a zu liegen kommen. Fig. 13 I läßt die Stellung erkennen, bei welcher die Masche von der Stuhlnadel durch die Abschlagplatine e auf die Nadel der Deckvorrichtung Kanadeln wird; Fig. 13 II zeigt, wie von den Hilfsnadeln b der Deckvorrichtung die Masche auf die Nadel a geschoben wird, nämlich durch das Zurückgehen der Kulierplatinen d. Auf diese Weise kann man auf jede Nadel je nach Bedarf zwei Maschen schieben. Als mechanischer Wirkstuhl und als Handwirkstuhl hat der Rund- oder Cirkularstuhl gleich große Verbreitung gefunden. Ein wesentlicher Vorteil des Cirkularstuhls besteht darin, daß das mit demselben hergestellte Gewirke sogleich die für viele Zwecke erwunschte Schlauchform hat (also nicht erst zusammengenäht zu werden braucht), weshalb der Rundstuhl auch Schlauchstuhl genannt wird. Außerdem gestattet der Cirkularstuhl auch das Zugeben und Abnehmen, wie es z. B. die Form des Strumpfes verlangt;, jedoch erfordert diese Arbeit sehr komplizierte Mechanismen, sodaß man meist nur Schläuche herstellt, die man aufschneidet, um aus dem gewonnenen Stoff nach Belieben Strümpfe, Taillen, Jacken u. s. w. zuzuschneiden. Beim Rundstuhl sind die Nadeln und Platinen in einem Kreis angeordnet, wie auch die Maschenbildung durch eine Kreisbewegung erfolgt. Zwei Rundstühle verschiedener Systeme sind in Fig.7 und 12 abgebildet. Das Gewirke hängt an den Nadeln ähnlich wie bei dem bekannten Kinderspielzeug, das aus einem durchbohrten Kork besteht, dessen Umfang mit Stecknadeln besetzt ist, wobei mit einer Nadel die alten Maschen über einen um die Nadeln gelegten Faden geworfen und so neue Maschen gebildet werden. Während der Kreisbewegung wird beim Rundstuhl durch einen Fadenführer von einer Spule aus das Garn zurechtgelegt und die Maschenbildung durch die Mailleuse (den Umfang des Rundstuhls umkreisende Räder) vollendet. Man hat Rundstühle mit 2, 4 und 6 Mailleusen, sodaß mit diesen Maschinen eine eminente Tagesproduktion erzielt werden kann. Der Wirkstuhl, d. h. der einfache Hand-Kulierstuhl wurde 1589 von William Lee in Cambridge erfunden. Von England ging der Erfinder, da es ihm dort an Unterstützung fehlte, nach Frankreich, wo er in Paris und Rouen der Begründer einer blühenden Strumpfwarenindustrie wurde. Nach der Aufhebung des Edikts von Nantes brachten prot. Flüchtlinge die S. nach Deutschland. Die meisten der spätern Erfindungen und Verbesserungen beziehen sich nur auf die Form der erzeugten Gegenstände und auf die Herstellung anderer Muster. Gegenwärtig werden derartige Waren in außerordentlicher Mannigfaltigkeit aus Wolle, Baumwolle, Leinen und Seide hergestellt. In England, besonders in Nottingham, ist der fabrikmäßige Betrieb der Wirkerei sehr ausgebildet; in Frankreich werden vorzüglich seidene Strümpfe ewirkt. Deutschland besitzt mehrere bedeutende flegestätten dieser Industrie. Chemnitz fabriziert baumwollene Strümpfe, sowie baumwollene, wollene, leinene und seidene Handschuhe: Apolda liefert die verschiedenartigsten wollenen Waren. Außerdem sind große Wirkereien in Zeulenroda, in der Umgegend von Nürnberg und Erlangen, in Calw, Reutlingen, Berlin und im nördl. Böhmen.