FeedStruensee (Joh. Friedr., Graf von)
HeilkundeBrockhaus 1882

Struensee (Joh. Friedr., Graf von), dän. Staatsminister, bekannt durch sein tragisches Schicksal, wurde 5. Aug. 1737 zu Halle a. d. S. geboren, wo sein Vater, Adam S., der Verfasser des alten halleschen Gesangbuchs, Prediger an der Ulrichskirche war. Der junge S. erhielt seine erste Bildung im Waisenhause und studierte dann Medizin. Als sein Vater 1757 als Pastor Primarius nach Altona ging, erhielt er dort das Amt des Stadtphysikus. Er blieb auch hier, als sein Vater 1759 zum Generalsuperintendenten von Schleswig-Holstein ernannt wurde und erst nach Rendsburg, dann nach Schleswig übersiedelte (gest. 1791). Durch des Grafen Rantzau-Ascheberg Empfehlung wurde er 1768 Leibarzt des Königs Christian VII. von Dänemark für die Reise, die derselbe durch Deutschland, Italien, Frankreich und England unternehmen sollte. Nach der Rückkehr Jan. 1769 folgte er als wirklicher Leibarzt dem Könige nach Kopenhagen. Als S. den zweijährigen Kronprinzen, den nacherigen König Friedrich VI., bei Einimpfung der lattern mit Glück behandelte, übertrug ihm die Königin Karoline Mathilde (s. d.) die Erziehung des Prinzen und machte ihn allmählich zum Vertrauten ihrer nicht glücklichen Lage. S. beseitigte die Entfremdung der königlichen Gatten, welche das Werk des Günstlings Holck war, und stieg hierauf bei beiden noch höher in Gunst. Im Mai 1770 zum Vorleser des Königs, Etatsrat und Kabinettssekretär der Königin ernannt, faßte er den kühnen Entschluß, in dem fremden Lande nach dem Muster Friedrichs II. von Preußen als aufgeklärter Reformator aufzutreten. Zu diesem Zwecke wußte er die einflußreichsten Persönlichkeiten vom Hofe und aus der Regierung zu entfernen. Am 15. Sept. 1770 mußte Graf Johann Hartwig Ernst von Bernstorff seine Stelle als Minister niederlegen, und als die übrigen Mitglieder des Staatsrats mit der neuen Politik ebenfalls in Widerspruch gerieten, ward 27. Dez. 1770 der Staatsrat aufgehoben. Die Königin und S., in deren Händen jetzt die ganze Gewalt lag, entfernten den schwachen Christian gänzlich von den Geschäften. nölich 14. Juli 1771 wurde S. zum Geh. Kabinettsminister, mit einer bisher in Dänemark unerhörten Machtvollkommenheit, ernannt und 30. Juli 1771 in den dän. Grafenstand erhoben. In seiner auswärtigen Politik war S. bemüht, Dänemark vom russ. Einfluß frei zu machen und demselben in Schweden einen natürlichen Verbündeten zu verschaffen. Die Veränderungen, die er im Innern vornahm, waren auf Beförderung des Wohlstandes, der bürgerlichen Freiheit und der Aufklärung gerichtet. Er führte eine unbeschränkte Preßfreiheit ein (14. Sept. 1770), ordnete die Finanzen, verringerte die Abgaben, löste die Fesseln, in welchen Industrie und Verkehr lagen, 6e und bne den Unterricht, milderte die Strafgesetze und brachte Regelmäßigkeit in die Verwaltung. Durch Aufhebung der eximierten Gerichtsstände ward in Dänemark die Gleichheit vor dem Gesetz hergestellt; die Folter wurde abgeschafft, u. s. w. Eine Verordnung vom 20. Febr. 1771 setzte die Frondienste des leibeigenen Bauernstandes auf ein bestimmtes Maß fest. Die sog. Landwesenskommission arbeitete Vorschläge aus zu einer vollständigen Aufhebung des Heimatszwanges in Dänemark. Die überzähligen Feiertage wurden abgeschafft und die kirchliche Sittenaufsicht beschränkt, was die streng orthodoxe Geistlichkeit übel aufnahm. Bei Besetzung der Amter sollte eine strenge Auswahl eintreten, während bisher Empfehlungen und Verbindungen allmächtig gewesen waren. Dadurch fühlten sich die einflußreichen Adels- und Beamtenkreise in ihren Interessen verletzt; auch Graf von Rantzau-Ascheberg ward mit S. verfeindet. Schlimmer war es, daß S. die dän. Nationalität auf das rücksichtsloseste hintansetzte, was in Dänemark allgemeine Erbitterung erregte. Kaum hatte S. ein Jahr regiert, als sich schon die Symptome der Reaktion auf allen Punkten zeigten. Am 10. Sept. 1771 erhoben 300 norweg. Matrosen, die in der Löhnung verkürzt worden waren, eine Meuterei; am 24. Dez. empörten sich die aufgelösten Leibgarden, weil sie der Minister in die andern Regimenter stecken wollte. S. hatte sich bei diesen Vorgängen furchtsam und nachgiebig egen die Aufrührer benommen, sodaß seine Feinde kut schöpften. Auch die Geburt der Prinzessin Luise Auguste, 7. Juli 1771, gab bei dem Zustande des Königs zu den ehrenrührigsten Gerüchten Anlaß. An der Spitze der feindlichen Partei stand die Stiefmutter Christians VII., die Königin-Witwe, Juliane Marie, geborene Prinzessin von Braunschweig-Wolfenbüttel, und deren Sohn, der Erbprinz Friedrich von Dänemark. An dieselben schlossen ich fünf Männer an: Kabinettssekretär Guldberg, antzau-Ascheberg, Kriegskommissar Beringskjold, Oberst Köller und Generalmajor von Eichstädt. Ein kühner Schlag sollte S. stürzen und die Königin verderben. Die Nacht vom 16. zum 17. Jan. 1772, in welcher ein Hofball stattfand und Eichstädt die Wache vor dem Schlosse versah, wurde zur Ausführung des Anschlags festgesetzt. Gegen 4 Uhr versammelten sich die Verschworenen bei der Stiefmutter des Königs und begaben sich durch eine geheime Thür in das Schlafzimmer desselben. Man erklärte dem erschrockenen Christian, daß man käme, um ihn von einer großen Gefahr zu befreien, und zwang ihn zur Unterzeichnung von zwei Papieren, von denen das eine Eichstädt zum Kommandanten von Kopenhagen ernannte, das andere diesem und Köller unbeschränkte Vollmacht erteilte. Hierauf führte man ihn in die Wohnung der Stiefmutter und ließ ihn noch 15 Haftbefehle gegen S., dessen Bruder Karl August S., Graf Brandt, Oberst Falkenskjold und andere Anhänger S.s ausfertigen. Mit Mühe ließ sich Christian endlich auch dahin bringen, die Verhaftung seiner Gemahlin nach Kroneborg anzubefehlen. Köller bemächtigte sich nun S.s; Rantzau nahm die Königin, an welche man sogar Hand legte, gefangen. S. und Brandt wurden nach der Citadelle gebracht, wo man beide in Ketten legte und hart behandelte. Die Untersuchung gegen S. und die andern mit ihm Gestürzten wurde sofort einer Kommission von neun Personen übertragen, worunter sich auch Guldberg befand. Am 20. Febr. 1772 erschien S. vor seinen Richtern. Man zieh ihn eines verbrecherischen Umgangs mit der Königin, der Anwendung einer mörderischen Methode bei Erziehung des Kronprinzen, der Anmaßung und des Mißbrauchs der höchsten Gewalt. Keiner dieser Punkte konnte rechtlich begründet werden. In einem zweiten Verhör bekannte jedoch S. den verbotenen Umgang mit der Königin. Einige versichern, daß er dieses Geständnis nur unter Androhung der Folter abgelegt habe; andere vermuten, daß er eine lügenhafte Aussage gethan, um seinen Kopf zu retten. Auf das verhängnisvolle Bekenntnis begab sich 9. März eine zweite Kommission zur Königin nach Kroneborg (bei Helsingör), die, nach Kenntnisnahme der von S. gemachten Geständnisse, deren Wahrheit mit ihrem Namen unterzeichnete. Die Kommission veranlaßte die Trennung der königl. Ehe 6. April. Am 25. April wurden S. und Brandt als Majestätsverbrecher zum Tode verurteilt. Es sollte ihnen lebendig die rechte Hand und der Kopf abgehauen, der Körper dann gevierteilt und aufs Rad gelegt, der Kopf auf einen Pfahl gesteckt werden. Nachdem der König dieses Urteil bestätigt, wurde dasselbe 28. April 1772 vollzogen. Von den übrigen Gefangenen, die in den Prozeß verwickelt waren, wurden vier des Landes verwiesen, darunter namentlich S.s Bruder. Die andern wurden interniert oder gingen straffrei aus. In neuerer Zeit ward die Geschichte S.s durch die Trauerspiele von Mich. Beer und Heinr. Laube wieder ins Andenken gerufen. Vgl. Höst, «Der Graf S. und dessen Ministerium (1824; deutsch, Kopenh. 1826); Falkenstjold, cMémoireso (Par. 1826); Münter, Bekehrungsgeschichte des Grafen von S. v (Kopenh. 1773); Jenssen-Tusch, „Die Verschwörung gegen die Königin Karoline Mathilde und die Grafen S. und Brandt. Nach bisher ungedruckten Originalakteno (Lpz. 1864); Schiern, Bidrag til Oplysning om Katastrophen den 17. Jan. 1772 (Kopenh. 187¹); Wittich, «Struenseer (Lpz. 1879).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 313Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 4

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Heilkunde 6