FeedStuhlweißenburg
ErdkundeBrockhaus 1882

Stuhlweißenburg (ungar. Székes fehérvär, lat. Alba regia oder Alba regalis), Hauptort des gleichnamigen Komitats in Ungarn, eine königl. Freistadt, Sitz eines Bischofs und eines königl. Gerichtshofs, liegt in morastiger Ebene, in der Nähe der Sümpfe Sär-Ret, zu deren Ableitung hier viele Kanäle und Gräben gezogen wurden, an der Linie Pragerhof-Budapest der Osterreichischen Südbahn, die hier nach Uj-Szöny abzweigt, und durch Zweigbahn nach Kis-Czell mit der Ungarischen Westbahn verbunden, sowie an der Vicinalbahn Särbogäro-Bicske. Die Stadt hat viele Vorstädte und zählt (1880) 25 612 C. Es bestehen daselbst an Bildungsanstalten ein kath. Obergymnasium, eine königl. Staatsoberrealschule, eine Handelshochschule, eine höhere Töchterschule, ein bischöfl. Seminar und ein ungar. Theater. Unter den Gebäuden sind bemerkenswert die Kathedrale zur Heiligen Jungfrau, die schöne (1752 erbaute) Johanniskirche, das schöne Komitatshaus, die bischöfl. Residenz, das gräflich Zichysche Haus, die neuen Kasernenbauten und das neue Theater. Auf dem Hauptplatz steht die Statue des Dichters Vörösmarty. Die Einwohner verfertigen Tuch, Flanell, Kattun, Maschinen, sehr viel Corduan, Seife; Soda gewinnt man aus den Sümpfen, die reich an Fischen, Krebsen, Schildkröten und Wassergeflügel sind. Bedeutend ist der Wein⸗, Frucht- und Pferdehandel. — S. steht angeblich auf der Stelle des röm. Ploriana. Es war seit Stephan I. bis auf Ferdinand I. Krönungsstadt und bis auf Zapolya Begräbnisort der ungar. Könige, deren 14 daselbst ruhen. Maximilian I. eroberte 1490 die Stadt, konnte sie aber nicht gegen Stephan Bathory und Paul Kinizsi behaupten. S. fiel 1543 durch Kapitulation den Türken in die Hände, wurde aber 1601 von Philipp Emanuel von Mercoeur, Herzog von Lothringen, und General Rußwurm mit Sturm genommen. Allein durch Meuterei der Besatzung geriet sie schon 1602 wieder in die Gewalt der Türken, die sie erst 1688 aufgaben. Die Stadt büßte nach und nach ihren alten Flor ein, und Preßburg wurde nun Krönungs-⸗ und Hauptstadt. Im 1879 fand hier die vierte ungar. Landesausstellung statt. Das Stuhlweißenburger Komitatlungar. Fehér värmegye, lat. Comitatus albensis), im ungar. Distrikte jenseit der Donau gelegen, hat ein Areal von 4156 qkm mit (1880) 209386 E. Der südlichste und zwar größte Teil des Komitats ist eine wellenförmige, früher äußerst sumpfige Ebene; der Norden wird von der Bergreihe Vörtes, einer Fortsetzung des Bakonywaldes (mit dem vulkanartigen Csokaberge) durchzogen. Der Hauptfluß ist die Donau an der Ostgrenze, gleich wichtig für die Schiffahrt und den Handel wie für den Fischfang. Die Milde des Klimas befördert die Vegetation des fruchtbaren Bodens. Die Hauptprodukte desselben sind Getreide, besonders schöner Weizen, Mais, gute Weine, Obst im überfluß, Tabak. Die fetten Weiden begünstigen die Viehzucht, und es blüht ebenso sehr die Rinder⸗ und veredelte Schafzucht wie Schweine⸗ und Pferdezucht. Die großen Waldungen im Norden sind reich an Holz und Wild, die Gewässer an Fischen, Krebsen und Schildkröten. Der Nationalität nach besteht die Bevölkerung meist aus Magyaren; doch finden sich auch viele Deutsche und einige Slawen und Raizen.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 325Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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