FeedSyrakus (Syracusae)
ErdkundeBrockhaus 1882

Syrakus (Syracusae), im Altertum die bedeutendste unter den Städten Siciliens, im südlichern Teil der Insel auf der Ostküste gelegen, wurde 734 v. Chr. von korinth. Auswanderern unter Führung des Herakliden Archias gegründet. Die erste Anlage der Stadt geschah auf der Insel Ortygia, am nördl. Ende der im Süden durch das Vorgebirge Plemmyrion abgeschlossenen weiten Bucht, in welche zwischen Sümpfen der Fluß Anapus mündet und die den großen Hafen der Stadt bildete, während der kleinere Hafen zwischen dem nördl., später mit dem Lande verbundenen Ende der Insel und dem zunächst angelegten, Achradina genannten Stadtteil lag, der, außerordentlich stark befestigt, sich am Meere bis zu der Bucht Trogilus hin erstreckte. In Achradina waren die meisten der berühmten syrakusanischen Latomien (Steinbrüche) mit dem (getzt) sog. Ohr des Dionysius. Von diesem Hafen sowie unter sich durch Mauern gesondert, lagen auf der Bergebene nach Westen hin zwei später angeschlossene Stadtteile: nördlich die von einem Tempel der Tyche (Fortuna) so genannte Tycha, südlich die Neapolis (Neustadt). Der noch gelegene, Epipolä genannte, westliche Stadtteil war eine von dem ältern Dionysius gebaute Festungsanlage, mit mächtigen Mauern und Kastellen, von denen eins auf dem höchsten Hügel Euryalus lag. Der ganze Umfang der Stadt wird auf 180 Stadien, d. i. 34 Em angegeben, die stärkste Bevölkerung mag gegen 1 Mill. betragen haben. Unter den vielen prächtigen Gebäuden waren namentlich berühmt auf der Insel Ortygia (auf welcher die Quelle Arethusa sich befindet) die Tempel der Artemis, des Apollon und der Athene, der Palast Hieros und die große, von Dionysius erbaute Akropolis, die den Hafen, die Werften und Docks beherrschte. In Achradina befand sich das Prytaneion (Stadthaus) und der von Hiero II. erbaute Tempel des Olympischen Zeus; in Tycha ein prächtiges Gymnasium; in Neapolis die Tempel der Demeter und der Persephone und das prachtvolle Theater, in dessen Nähe in röm. Zeit ein zum Teil aus dem Felsen gearbeitetes Amphitheater angelegt wurde. „Die älteste Verfassung von S. war auf den sozialen Unterschied der Bevölkerung begründet. In den Händen der Gamoren Candeigentümer), der Nachkommen der dor. Gründer der Stadt, lag die Herrschaft; ihnen waren die Alten, zum Stamme der Sikeler gehörigen Bewohner der Gegend, Killikyrier genannt, als Leibeigene unterthan. Als aber S. sich schnell durch Handel hob, gesellte sich ein dritter Stand hinzu in den allmählich zugewanderten Griechen, die zwar frei, aber ohne Anteil an der Regierung blieben und bald als Demos (Getmeinde) die größere Masse bildeten. Durch sie wur⸗ „den zu Anfang des 5. Jahrh. v. Chr. die Gamoren fvertrieben. Gelon, der Herrscher von Gela, an den sie sich wendeten, führte sie 485 zurück, bemächtigte „sich aber zugleich der Herrschaft Tyrannis), die er mit solcher Kraft und Klugheit und so glücklich führte, daß unter ihm S. der mächtigste unter den sicil. Staaten wurde, an den sich die Geschichte der Insel, die er durch den Sieg bei Himera 480 gegen „den ersten Eroberungsversuch der Karthager beschützte, von nun an vorzugsweise anschließt. Ihm folgte sein Bruder Hieron 1., 478—467, diesem sein Bruder Thrasybulus, der schon 466 wegen seiner Grausamkeit vertrieben wurde. An die Stelle der Tyrannis trat nun Demokratie, in welcher der dem athenischen Ostrazismus (s. d.) analoge, aber nur kurze Zeit bestehende Petalismus (Abstimmung mit Blättern) gegen das übergewicht einzelner Bürger schützen sollte. Trotz innerer Parteiungen blieb S. doch blühend und nach außen mächtig. Die landeseingeborenen Sikeler, die 451 Duketius gegen die Griechen vereinte, wurden nach hartem Widerstand unterworfen, die Kriege mit den griech. Städten, namentlich mit Agrigent und mit den Städten ion. Stammes, den chalkidischen Städten, meist glücklich geführt, bis 424 der Syrakusaner Hermokrates den Frieden vermittelte. Als aber 416 Selinus gegen ö Egesta von den Syrakusanern unterstützt wurde, gingen die Egestaner Athen, das schon 427 den Leontinern gegen S. beigestanden hatte, um Hilfe an, die ihnen auf des Alcibiades Betrieb gewährt wurde. Eine starke Flotte wurde nach S. gesendet, dieses belagert und 414 von Nikias hart bedrängt, bis es von den Spartanern unter Gylippus Hilfe erhielt. Zwar sendeten auch die Athener neue Truppen unter Demosthenes; nachdem aber ihre Flotte vernichtet worden war, mußte sich das Landheer 413 ergeben. Nikias und Demosthenes töteten sich selbst im Gefängnis, 7000 gefangene Athener wurden als Sklaven verkauft oder in den Latomien durch Not und Elend aufgerieben. In der Stadt siegte die Volkspartei unter Diokles, der vollständige Demokratie herstellte und strenges Recht einzuführen bemüht war, über die von Hermokrates geführte Adelspartei (411). Nach dem Tode des erstern aber kam es zu neuen Parteikämpfen, in denen Hermokrates den Tod fand (408). Zugleich drohte Gefahr von Karthago (s. d.), das damals in Sicilien festen Fuß gefaßt hatte. Da erhielt S. in Dionysius dem Altern, der, 406 zum Oberbefehlshaber ernannt, sich der Alleinherrschaft bemächtigte, einen zwar gewaltthätigen, aber kraftvollen Herrscher, der den Kampf mit den Karthagern, wenn auch mit wechselndem Glück, bestand, gegen die unterital. Griechen und die etrurischen Seeräuber siegreich kämpfte und den Handel und die Macht der von ihm stärker befestigten Stadt ansehnlich hob. Ihm folgte sein Sohn Dionysius, der Jüngere, der infolge seiner Grausamkeiten 356 von den Syrakusanern unter Dions Führung vertrieben wurde, 346 aber zurückkehrte, bis ihn 344 Timolcon an der Spitze einer von Korinth aus abgesandten Expedition zur Abdankung nötigte. Dieser beschränkte die Karthager, nachdem er sie 340 am Krimissus geschlagen, durch einen Frieden auf ihr Gebiet im westl. Teile der Insel und vereinte die griech. Städte, nachdem er ihre Tyrannen gestürzt, in einen Bund, an dessen Spitze S. stand. Er stellte auch die Demokratie wieder her, aber sogleich nach seinem Tode (337) zerfiel sein Werk, und S. erhielt, nachdem eine Reihe von Jahren unter Parteikämpfen und Streitigkeiten mit andern Städten vergangen war, 317 wieder einen Tyrannen in Agathokles, der sich unter Kriegen mit den Karthagern, die er in Afrika selbst angriff, und den Städten und Völkerschaften Unteritaliens, das er größtenteils unterwarf, bis zu seinem Tode 289 behauptete. Als dann S. von neuem der innern Zwietracht verfiel, sodaß drei Parteien sich bekämpften, drangen die Karthager 279 vor die Stadt selbst, die gegen sie den Pyrrhus aus Italien zu Hilfe rief, von dem jene bis Lilybäum zurückgedrängt wurden. In den Unruhen, die nach seinem Abzug 275 ausbrachen, erhob sich Hieron II., der, nachdem er die Mamertiner von Messana geschlagen hatte, 265 zum König ausgerufen wurde. Ein treuer Bundesgenosse der Römer, nachdem er einmal im ersten Punischen Kriege 263 ihre Partei ergriffen hatte, erhielt er sein Gebiet in dem Frieden von 241 ungeschmälert, und S. blühte unter seiner langen trefflichen Regierung (bis zum J. 214) neu empor. Sein Enkel, Hieronymos, verband sich sogleich wieder mit den Karthagern, die damals mit Rom im zweiten Punischen Kriege begriffen waren, und ihre Partei behielt auch nach seiner Ermordung (213) unter Hippokrates und Epikydes die Oberhand. Daher wurde von den Römern in demselben Jahre Marcus Claudius Marcellus gegen S. gesendet, das durch des Archimedes Maschinen geschützt, seinen Angriffen und der Blockade widerstand, bis es endlich im Aug. 212 von ihm erobert, geplündert und zum Teil zerstört wurde. Seitdem sank es, obwohl Augustus eine Kolonie hinsendete, sodaß schon unter den Römern die Stadt, deren uübrige Teile verfielen, sich vorzugsweise auf die Insel Ortygia beschränkte. Auf dieser liegt auch die heutige Stadt Siracusa (s. d.). Vgl. Cavallari,«Zur Topographie von S.» (aus den „Göttinger Studieno, 1845, mit Plan); Brunet de Presle, Recherches sur les établissements des Grecs en Siciles (Par. 1845); Holm, Geschichte Siciliens im Altertum » (2 Bde., Lpz. 1870—- 74); Priviterra, «Storia di Siracusa antica e modernav, (2 Bde., Neapel 1879); Lupus, «Syrakus im Altertumo (Straßb. 1885).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 412Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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