FeedSzechenyi
GeschichteBrockhaus 1882

Szechenyi (spr. Setscheni, Stephan, Graf von), berühmter ungar. Patriot, geb. zu Wien 21. Sept. 1792, stammte aus einem alten ungar. Geschlecht, das von Nikolaus S., dem Waffenbruder Niklas Zrinyis, bis Georg S., der 1697 von Leopold J. in den Grafenstand erhoben wurde, eine Reihe ausgezeichneter Männer hervorbrachte, die teils in den Kriegen gegen die Türken sich glänzenden Waffenruhm erwarben, teils als Staatsmänner, wie Paul S., Erzbischof von Kalocsa, Vermittler ischen der Krone und dem Aufstande unter Franz II. Räköczi, teils später durch großartige Stiftungen in ihrem Vaterlande sich ein bleibendes Gedächtnis gründeten. Wie sein Vater, Graf Franz von S. (gest. 20. Dez. 1820), der namentlich durch Stiftung des von ihm mit Freigebigkeit ausgestatteten Ungarischen Nationalmuseums sich ein unvergängliches Denkmal errichtete, so widmete auch Stephan mit großer Aufopferung seinem Vaterlande einen seltenen Patriotismus. Als Soldat machte er die wichtigsten Feldzüge gegen Napoleon J. mit. Der Reichstag (1825 —27) veranlaßte ihn, aus dem Militärdienst zu scheiden, um sich der Beförderung der geistigen und industriellen Interessen Ungarns zu widmen. Hierher gehörte vorzüglich seine Mithilfe zur Errichtung der Ungarischen Akademie, seine Verwendungen 1832 zur Errichtung eines ungar. Nationaltheaters und Konservatoriums der Musik; seine Bemühungen zur Erbauung einer stabilen Donaubrücke zwischen Pest und Ofen. Sein Werk 4«Hitelv (über den Kredito, deutsch, Lpz. 1830) und die zu dessen Verteidigung gegen Jos. Dessewffys „Taglalato veröffentlichte Schrift „Vilägo (Licht, oder auffallende Bruchstücke und Berichtigung einiger Irrtümer und Vorurteiles, deutsch, Pest 1832) regten die polit.⸗nationale Reformbewegung an. Wesentlich trug er sowoht durch die oberste Leitung der Donauregulierune am Eisernen Thor, wie durch seine anderweitiger Bemühungen zur Begründung der Donaudampf schiffahrt bei. Auch die Theißregulierung, der Industrieverein, die pester Dampfmüuhle und ander praktische Nationalunternehmungen verdanken S teils ihr Entstehen, teils fanden sie an ihm den eif crigsten Förderer. Auf dem Gebiete der praktischen Reform und des materiellen Fortschritts blieb auch bis zur Revolution von 1848 seine Führerschaft unbestritten. Hingegen wurde er 7 polit. Gebiet von den radikalen Elementen unter Kossuths Führung überflügelt. Die Spaltung trat offen hervor, als 1840 die Leitung der liberalen Partei an Kossuth überging, gegen welchen nun S. erst im (Kelet néper (Das Volk des Ostensv, Pest 1841, später in Politikai programm-töredékeko (Polit. Programmfragmenter, deutsch, Lpz. 1847) wie in der ungar. Journalistik und im pester Komitatssaal ankämpfte. Als Kossuth von Pest auf den Reichstag (1847—48) geschickt wurde, ließ sich S., wiewohl er als Magnat Sitz und Stimme an der obern Tafel hatte, von Wieselburg zum Deputierten in die untere Tafel wählen, um dort Kossuth unmittelbar zu bekämpfen. Da aber dieser die Märzbewegung von 1848 zur plötzlichen Durchführung dessen, was S. nur allmählich zu erreichen gestrebt hatte, mit Kühnheit ausbeutete, ergab si dieser schließlich und nahm sogar eine Stelle im ungar. Ministerium als Minister den Kommunikation und öffentliche Arbeiten neben Kossuth ein. Der offene Bruch zwischen Ungarn und Ssterreich umnachtete seinen Geist. Er wurde im September 1848 in die Irrenanstalt zu Döbling bei Wien gebracht, wo er sich allmählich körperlich und geistig wieder erholte. Im J. 1859 erschien zu London die Schrift «Ein Blick auf den anonymen Rückblickv, in welcher das Bachsche Regiment auf das schärfste gegeißelt wurde. Die Polizei hielt S. für den Verfasser dieses Buchs und unterwarf ihn infolge dessen einer Haussuchung. S. geriet hierüber in solche Aufregung, daß er sich in der Nacht vom 7. zum 8. April 1860 durch einen Pistolenschuß den Tod gab. Sein Denkmal auf dem Franz-Josephsplatz in Budapest wurde 23. Mai 1880 enthüllt. S. war seit 1836 vermählt mit Crescentia, geborene Gräfin Seilern und Aspang, verwitwete Gräfin Zichy, aus welcher Che zwei Söhne, Bela Stephan Maria (geb. 1837) und Eugen Georg Stephan Karl (geb. 1839), hervorgingen. Vgl. Kecskemethy, „Graf Stephan S.s staatsmännische Laufbahn u. s. w.v (Pest 1866) Falk, „Széchényi Istvan es koran (Pest 1867); Lönyay, Graf Stephan S. und seine hinterlassenen schriften y (aus dem Ungarischen von Dux, Budapest 1875); Anton Zichy, (Die Tagebücher des Grafen Stephan S.» (Budapest 1884, ungar.). 4 Emerich, Graf von S., der Neffe des vori1 gen (Sohn seines Bruders Ludwig, Graf von S., geb. 6. Nov. 1781, gest. 6. Febr. 1855 als Obersthofmeister der Erzherzogin Sophie) geb. 15. Febr. 1825, war in den fünfziger Jahren österr. Gesandtschaftssekretär in Frantfurt a. M., 1wo er freundschaftliche Beziehungen zu Bismarck t (damals preuß. Gesandter am Deutschen Bunde) d anknüpfte und diese fortsetzte, als sich 1859 und „1860 beide Diplomaten in Petersburg, wohin „Nals Legationsrat versetzt worden war, wiederfan⸗ (den. Am 20. Mai 1860 wurde S. österr. außerg ordentlicher Gesandter beim König Franz II. von n Neapel und lebte dann zurückgezogen, bis er im f⸗ Dez. 1878 als Graf Kärolyis Nachfolger zum österr.⸗ rungar. Botschafter in Berlin ernannt wurde. e Szechenyi (Bela, Graf), Forschungsreisender, 5. Sohn des berühmten Grafen Stephan S. (s. d.), f⸗ geb. 3. Febr. 1837, beteiligte sich 1861 am angar ⸗ Landtage, wo er die Judenemancipation energise befürwortete, unternahm 1863 eine Reise nac Amerika, die er in seinem Werke cAmerikai utam (Meine amerikanische Reifer, Pest 1865) beschrieb hierauf besuchte er im J. 1865 Algier und trat 187 in Begleitung mehrerer Gelehrten eine große For schungsreise nach Centralasien an. Im J. 1880 kehrte er nach Europa zurück und publizierte die Ergebnisse seiner Forschungen teils in den Schriften der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, deren Mitglied er ist, teils (in Verbindung mit seinem Reisebegleiter Oberstlieutenant Kreitter) in selbständigen Werken. Vgl. von Wurzbach, Die Grafen Szechenyi» (Wien 1881). Graf), österr.⸗ungar. Staatsmann, geb. 17. Okt. 1819, war schon Mitglied des Landtags von 1843 — 44, trat dann bei der ungar. Hofkanzlei in den Staatsdienst, wurde Administrator des Pozseganer Komitats in Slawonien, legte jedoch 1848 beim Ausbruch der ungar.⸗kroat. Wirren sein Amt nieder. Seit dem Spätsommer dieses Jahres war S. als einer der Führer der konservativen Partei im Interesse der Aussöhnung zwischen Ungarn und dem Hofe thätig. Er wurde März 1860 in den averstärkten Reichsrato berufen, wo er bald die entscheidende Führerschaft im Interesse der ahistorisch-polit. Individualitäteno der Königreiche und Länder Osterreichs übernahm und an der Schaffung des kaiserl. Diploms vom 20. Okt. 1860 wesentlichen Anteil hatte. Infolge dessen wurde er zum Minister ohne Ee und Wirkl. Geheimen Rat ernannt. päter trat er zurück, nahm als österr. Spezialgesandter an der Londoner Konferenz teil und war übrigens seit 1866 als Mitglied des Oberhauses im ungar. Reichstage im Sinne einer versöhnlichen und besonnenen Politik thätig. Im J. 1884 wurde S. zum k. k. Oberhofmarschall ernannt. (Acht Essayso von ihm (histor. und biogr. Inhalts) erschienen auch in deutscher Sprache (Wien 1879).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 423Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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