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GeschichteBrockhaus 1882

Theodorich oder Theoderich der Große (got. Thiudareiks, d. i. Volksfürst, in neuhochdeutscher Form Dietrich), König der Ostgoten, Sohn des Amelungen Theodemer und der Ereliva, geb. 454 am Neusiedlersee in Pannonien, ward mit acht Jahren als Geisel für den Frieden, den sein Vater mit dem öström. Kaiser Leo I. 462 geschlossen hatte, nach Konstantinopel geschickt und blieb dort fast 11 Jahre lang. Bald nach seiner Rückkehr brach er mit seinem Vater 473 feindlich in das dem ostgot. Volke Wohnsitze in Obermösien bewilligte. (S. Go ten.) T., der seit 475 der Thronfolger seines Vaters war, nahm seit dieser Zeit lebhaften Anteil an den innern Käm Zeno, stand aber seit 479 mit demfelben in erbitstigen Frieden beendigt wurde. Zeno wünschte brach mit seinem Volke, dem sich die Rugier und andere Stämme anschlossen, angeblich 250000 Mann mit Weib, Kind und fahrender Habe, im Spätjahr 488 aus Mösien auf. Nach wiederholten Kämpfen, namentlich mit den Gepiden, erreichte er die Grenzen Italiens und besiegte Odoaker in drei Schlachten, am Isonzo unweit Aquileja 28. Aug. 489, bei Verona an der Etsch 30. Sept. 489 und an der Adda 11. Aug. 490. Odoaker Mavenna sich jedoch noch länger als zwei Jahre in Ravenna. Endlich kam 27. Febr. 493 ein Friedensvertrag zu Stande, wonach beide Könige nebeneinander in Italien wohnen, Odoaker unter T.s Oberhoheit die Herrschon über seine Krieger behalten sollte. Aber schon zu Anfang März ward jener bei einem Trinkgelage von T. selbst erschlagen, und T. war nun allein Herr. Das ostgot. Volksheer erhielt ein Drittel des Grundbesitzes und allen Besitz der Anhänger Odoakers angewiesen; so bildeten die Ostoten gewissermaßen eine abgesonderte Kriegeraste, die noch dazu durch ihr arianisches Glaubensbekenntnis von den orthodoxen Italienern scharf unterschieden war. Das edictum Theodorici bestimmte denn auch, daß bei Streitigkeiten zwischen Goten der got. Graf, zwischen Römern der röm. Richter, zwischen Goten und Römern ein gemischtes Gericht erkennen sollte. Sonst behielt T., wie früher Odoaker, die röm. Staatseinrichtungen ziemlich unverändert bei, sowohl am Hofe wie in dem Beamtenstande und in der Verwaltung. Der Senat mit jährlich wechselnden Konsuln bestand fort. Unter den hohen röm. Beamten an T.s Hof sind namentlich der Geschichtschreiber Cassiodorus und der Philosoph Boêtius —• nennen. Für sich selbst übte T. volle königl. Machtgewalt; aber er achtete dabei formell die Ehrenrechte des oström. Kaisers und ließ demselben den Schein der Oberhoheit. Die gewöhnliche Residenz Tis war zu Ravenna, außerdem zu Verona (in der deutschen Heldensage Raben und Welsch-Bern genannt). Die innere Verwaltung war sorgsam und wohlthätig, sodaß Ackerbau, Gewerbe und Handel wieder aufblühten; auch Kunst und Wissenschaft wurden begünstigt. Nach außen hin übte T. eine kräftige, aber vorwiegend friedliche Politik. Außer Italien und Sicilien beherrschte er Dalmatien und Pannonien; die deutschen Stämme in Noricum, Vindelicien und Rätien standen in einer Art Abhängigkeit von ihm. Auch die vormals westgot. Provence kam 508 unter T.s Herrschaft, der dagegen den Westgoten im Kriege gegen den Franken Chlodwig Hilfe leistete. Mit den benachbarten deutschen Reichen der Franken, Burgunder, Thüringer, Westgoten und Vandalen wurden polit. Verbindungen und Ehebündnisse zwischen den Königshäusern angeknüpft. Der Ruhm des ostgot. Königs reichte sogar noch weiter nordwärts, sodaß Gesandte und Flüchtlinge von den Ästiern (in Estland) und aus Skandinavien zu ihm kamen. So erklärte es sich, daß T. eine Lieblingsgestalt der deutschen Heldensage geworden ist. Unter dem Namen Dietrich von Bern (s. d.) ist er der Mitteiunkt eines Sagenkreises, der durch das ganze Mittelalter sich fortbildete. Als der oström. Kaiser ustinus I. im J. 523 die Arianer, also T.s laubensgenossen, wieder einmal zu verfolgen anfing, begann T. seinerseits harte Maßregeln gegen die orthodoxe Kirche. Ein Senator Albinus ward (524) hochverräterischer Korrespondenz mit dem oström. Hof angeklagt. In diesen Prozeß wurde auch der Philosoph Boêtius, der sich desselben allzu lebhaft annahm, ebenso dessen Schwiegervater Symmachus 525 mitverwickelt, verurteilt und hingerichtet. Bald darauf starb T., 26. Aug. 526, und wurde bei Ravenna in einem noch erhaltenen großartigen Mausoleum beigesetzt. Aber der Fanatismus der rechtgläubigen Katholiken ließ nach dem Siege der Byzantiner über die Ostgoten später dem Leichnam keine Ruhe, und die Asche des großen Königs ward in alle Winde zerstreut. Da T. starb, ohne Söhne zu hinterlassen ging das Reich auf seinen minderjährigen Enkel Athalarich über, für den seine Mutter Amalasuntha, die Tochter T.3, die Vormundschaft führte. (S. Goten.) Vgl. Dahn, «Die Könige der Germanen (Abteil. 3, Würzb. 1866); Deltuf, «Théodoric, roi des Ostrogoths et d'Italie (Par. 1869).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 616Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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