FeedThomasin von Zerklaere
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Thomasin von Zerklaere, aus dem Geschlecht der Cerchiarj in Friaul, Dichter, verfaßte außer einem ältern Buche über die Höflichkeit in welscher Sprache, das verloren gegangen ist, in zehn Monaten von 1215 bis 1216 im Alter von noch nicht 30 Jahren in deutscher Sprache seinen (Welschen Gasto (herausg. von H. Rückert, Quedl. u. Lpz. 1852), wie er das Werk mit Rücksicht auf das deutsche Publikum nannte, dem er es als Gast zu freundlicher Aufnahme empfiehlt. Es ist eine systematische Sittenlehre, in welcher alle Tugend von einer Grundtugend, der Stätey, d. h. Beständigkeit, alle Untugenden von ihrem Gegensatze, der «Unstätev, abgeleitet werden. Für die Sittengeschichte der Zeit von Interesse ist das 1. Buch wegen der darin samkeit für die Aufklärung berühmter Rechtslehrer, wurde 1. Jan. 1655 zu Leipzig geboren, wo sein Vater, Ja kob T. (geb. 1622), 1684 als Rektor an der Thomasschule starb. Schon während seiner Studienzeit in Frankfurt a. O., 1675—79, machte T. sich von der pedantischen Manier, mit welcher man damals nach dem Vorgang der Scholastiker philos. Disciplinen und namentlich auch das röm. Recht zu behandeln pflegte, hauptsächlich durch das Studium der Schriften des Hugo Grotius und Sam. Pufendorf frei. Kurze Zeit nach seinem Auftreten als akademischer Lehrer an der Universität zu Leipzig sprach er seine Ansichten mit großer Freimütigkeit aus. Er fing 1687 zum großen Erstaunen seiner Kollegen an, Vorlesungen in deutscher Sprache zu halten, gab 1688 ein deutsches Programm aus und begann in demselben Jahre eine Monatsschrift unter dem Titel Freimütige, lustige und ernsthafte, jedoch vernunft- und gesetzmäßige Gedanken oder Monatsgespräche über allerhand, vornehmlich aber neue Büchero, in welcher er, anfangs durch die Gunst des Hofmarschalls von Haugwitz in Dresden geschützt, die reiche Ader seines Witzes mit mutwilliger Satire über die damaligen Gelehrten ausgoß. Dies und die Hilfe, welcheerdem von den orthodoxen Theologen verfolgten August Hermann Francke (s.d.) in Halle angedeihen ließ, erregten ihm aber den Haß einer starken Partei, an deren Spitze die leipziger Theologen Aug. Pfeiffer und Joh. Bened. Carpzov standen, in einems olchen Grade, daß, nachdem Verunglimpfungen von den Kanzeln und dem Katheder umsonst versucht worden waren, die letztern heimlich einen Verhaftsbefehl in Dresden auswirkten. Als T. dies erfuhr, ging er erst nach Berlin, dann 1690 nach Halle, wo er unter Begünstigung des brandenb. Hofs anfing, an der dortigen Ritterakademie Vorlesungen zu halten, und der große Beifall, den er erhielt, die nächste Veranlassung zur Errichtung der Universität zu Halle gab. T. wurde an derselben zweiter, in der Folge erster Professor des Rechts, sowie Direktor der Universität. Er starb 23. Sept. 1728. Sein Hauptbestreben ging darauf, die Wissenschaften mit dem Leben in Verbindung zu setzen und emeinnützig zu machen. Daher seine Verachtung spizsindiger Grübeleien, seine Vorliebe für den Gebrauch der Muttersprache, seine Abneigung gegen [2 philos. Terminologie, seine Geringschätzung der Scholastik, seine Richtung aufs Praktische, wodurch r er ein Beförderer der allgemeinen philos. Bildung [e wurde. Im besondern war er, gleichzeitig mit u Gundling, einer der ersten, die auf Trennung des t Naturrechts von der Moral drangen, wobei er jenes auf den Begriff der Freiheit und des Rechtszwangs tt gründete. Dabei wollte er naturrechtliche Bestim-ii mungen in den Gerichtshöfen angewendet wissen p und trat als ein mutiger Feind der Hexenprozesse und der Folter auf. Für die Charakteristik seiner Denkart sind besonders seine Vernünftigen und christlichen, aber nicht scheinheiligen Gedanken und Erinnerungen über andel;3 auserlesene, gemischte, hilos. und jurist. Hände »(3 Bde., Halle 1723—26), owie seine Geschichte der Weisheit und Thorheitv (3 Bde., Halle 1693) interessant. Gegen die Hexenprozesse richtete er besonders die „Kurzen Lehrsätze von dem Laster der Zauberei mit dem Hexenprozeß⸗ (Halle 1704). Seine systematischen Schriften beziehen sich meist auf Naturrecht und Ethik. . Luden, Christian T. nach seinen Schicksalen und Schriftend (Berl. 1805); Dernburg, T. und die Stiftung der Universität Halle⸗ (Halle 1865); Wagner, T., ein eitrag zur Würdigung seiner Verdienste um die deutsche Litteratur» (Berl. 1872).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 645Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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