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ErdkundeBrockhaus 1882

Tiflis (georgisch Pphilisi oder Tphilis tzkli K'halakhi, d. i. Stadt der warmen Quellen) ist die Hauptstadt des ehemaligen Königreichs Georgien (s. d.) oder Grusien, seit 1801 die des gleichnamigen russ. Gouvernements, sowie des ganzen Kaukasischen Generalgouvernements (s. d.) und die wichtigste Stadt in ganz Kaukasien. Dieselbe liegt in einer hügeligen, durch Weinpflanzungen, Busch- und Gartenanlagen verschönerten Gegend der Landschaft Karthli zu beiden Seiten der wilden, unfahrbaren Kura und ist wegen ihres halb europ., halb asiat. Anstrichs eine der interessantesten Städte des Orients. T. zerfällt in vier Teile. Der nördliche, früher Gareth-Ubani genannte und von den Russen angelegte Teil, am rechten Flußufer außerhalb der alten Stadtmauer, trägt das Gepräge einer modernen europ. Stadt, mit geraden, breiten Straßen, weiten Marktplätzen, drei Brücken, schönen eleganten Kaufläden, Kaffeehäusern, schönen Regierungs- und Privatgebäuden. Den Glanzpunkt darin bildeten der Stadtteil Sololaki, welcher nördlich in die Vorstadt Wjera ausläuft. Jenseit dieser cReuni liegt am rechten Flußufer die «Altstadto, rüher Kala genannt, und noch südlicher Seid Abad, beides Städte asiat. Charakters mit Bazaren, Karawanserais, engen und schmutzigen Straßen, in welchen sich eine buntgemischte, fremdartige Bevölkerung drängt. Hier wohnen am hohen Ufer der Kura in mit Balkonen versehenen, mehrstöckigen Häusern die vornehmen Eingeborenen. Auch befinden sich hier die meisten und wichtigsten Kirchen, sowie der zum Teil überbaute Hauptbazar mit dem neuen Karawanferai, endlich die warmen Quellen (nach Abich 31), deren Wasser schwefelsaures und kohlensaures Natron, Kochsalz und freie schweflige Gase enthält und eine Wärme von 27,5 bis 25,9 C. hat. Am linken Ufer der Kura, nach Norden zu, liegt der Stadtteil Kuki, der aus einer 1818 gegründeten schwäb. Ansiedelung hervorgegangen ist und in den letzten Jahren zu einem der schönsten Teile der Stadt geworden ist, mit breiten, langen Straßen und schönen Gebäuden. Er dient hauptsächlich als Erholungs- und Vergnügungsort der Tifliser. Nach Süden schließt sich an Tschotschureti, dann Peski (Sand), und noch südlicher Awlabar, früher Isni genannt, wo sich die ehemalige georgische Burg Metech befindet, die jetzt als Gefängnis dient. Die Südgrenze der Stadt bildet schließlich die Vorstadt Nawtlug, die ihren Namen nach den Naphthaquellen hat, welche sich dort unweit des Ufers der Kura finden. T. ist Sitz des Generalgouverneurs von Kaukasien, des Civilgouverneurs für das Gouvernement T., des Generalstabes, des georgischen Patriarchen und Metropoliten, eines armenischen Erzbischofs und eines russ. Bischofs. Die Stadt hat 73 Kirchen, darunter 36 griechisch-russische, 26 armenische, zwei protestantische, zwei römisch-katholische, zwei Klöster, zwei Synagogen, zwei Moscheen, ein männliches und ein weibliches Gymnasium, eine Handelsschule, zwei Lehrerseminare (russisches und armenisches), acht Pfarrschulen, ein adeliges Fräulein-Institut, zwei deutsche Schulen, eine landwirtschaftliche Gesellschaft, ein astron. und magnetisches Observatorium, eine geogr. Gesellschaft, eine Bibliothek, eine Naturaliensammlung, einen botan. Garten, ein der Alhambra nachgebildetes Theater (vom Fürsten Gagarin erbaut) und eine Münze. T. zählte (1876) 104 024 E., doch wird ihre Zahl gegenwärtig auf 130000 geschätzt, worunter die Russen und Armenier mehr als zwei Drittel bilden; außerdem wohnen dort viele Georgier, Deutsche, Perser, Polen, Tataren, Juden und Griechen. Unter den Industrieanstalten sind die Woll-, Baumwoll⸗- und Halbseidenzeugfabriken, die Tapetenmanufaktur, die Salzraffinerien und die Gerbereien die wichtigsten. Auch werden schöne Silberfiligranarbeiten angefertigt, und die Büchsenmacher und Schwertfeger liefern vorzüglich schöne Waffen. Unter den kleinen Gewerben ist die Schuhmacherei sehr stark vertreten. T. hat für den großen Weltverkehr eine ungemein günstige Lage. Seitdem unter russ. Herrschaft die Wege durch den Kaukasus, namentlich auch die nordwärts zu dem Engpaß Dariel führende und an die Terekstraße sich anschließende Tiflisstraße sicherer geworden, hat sich die Stadt zu einem Hauptverbindungspunkt und Stapelort für den Handel zwischen Cis-und Transkaukasien, sowie zwischen Europa und Asien überhaupt emporgeschwungen. Noch mehr hob sich ihre kommerzielle Bedeutsamkeit durch die neuerdings teils verbesserten, teils neugeschaffenen Verkehrswege, sowie durch die nach Wladikawkas geführte Eisenbahn; doch hat die transkaukaf. Eisenbahn, welche T. mit Poti und Batum am Schwarzen Meere und ferner mit Baku sam Kaspischen Meere verbindet, dem Handel der Stadt T. nicht den Nutzen gebracht, der zu erwarten war. Auch ist derselbe durch Aufhören des Transitverkehrs nach Persien infolge der von den Russen 1883 eingeführten hohen Zölle bedeutend geschädigt worden. Die Bevölkerung bildet ein eigentümliches ethnogr. Mosaik. Es werden (nach Brugsch) in T. nicht weniger als 70 Sprachen gesprochen, von den europäischen besonders viel Französisch. Den Großhandel mit europ. Produkten und Industrieartikeln vertreten die europ. Kaufleute, zu denen sich die Armenier gesellen. Deutsche wohnen außer in T. selbst auch in den benachbarten Kolonien Neutiflis, Alexandersdorf, Marienfeld und Katharinenfeld. Das Gouvernement Tiflis umfaßt einen Flächenraum von 40345 qkm mit 726 685 C. und ist in sechs Kreise eingeteilt.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 694Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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